Der «Kanton der Jenischen» wählt heuer Bern als seine Hauptstadt

Die Feckerchilbi ist der wichtigste kulturelle Anlass der Jenischen in der Schweiz. Dass dieser bald in Bern statt finden soll, ärgert eine Minderheit der Minderheit sehr.

In der Kleinstrepublik Gersau hatte die Feckerchilbi im 16. Jahrhundert ihre Anfänge. Heuer verlegen die Jenischen den Anlass aber nach Bern.

In der Kleinstrepublik Gersau hatte die Feckerchilbi im 16. Jahrhundert ihre Anfänge. Heuer verlegen die Jenischen den Anlass aber nach Bern.

(Bild: Keystone Sigi Tischler)

Marc Lettau

Bern ist für etliche Jenische zunächst mit einer traumatisierenden Erfahrung verknüpft. Als aufmüpfige jenische Fahrende vor zwei Jahren justament vor der BEA auf der Kleinen Allmend aufkreuzten und auf den Mangel an Halteplätzen hinwiesen, eskalierte die Lage: 100 Kinder und Erwachsene wurden von der Polizei eingekreist, durchnummeriert und abgeführt.

So gesetzestreu die Polizei auch gehandelt haben mag: Die Bilder erinnerten unweigerlich an sehr düstere Kapitel aus der Geschichte der Fahrenden – und im Sprachgebrauch der Jenischen selbst ist seither von der «Schande von Bern» die Rede: «Die damaligen Ereignisse sitzen unverändert tief.

Der 24. April 2014 hat sich eingebrannt», sagt etwa Claude Gerzner von der Bewegung der Schweizer Reisenden, die sich in erster Linie als Repräsentantin jener Jenischen versteht, die tatsächlich noch auf Achse sind.

Kein Zigeuner-Chasperlitheater

Doch nun arbeiten mehrere jenische Organisationen – vorerst ohne die erwähnte «Bewegung» – daran, dass auf die «Schande von Bern» die «Sternstunde von Bern» folgt: Sie wollen die traditionelle Feckerchilbi, die ursprünglich in Gersau heimisch war und einige Male auch in Brienz gastierte, in die Bundesstadt verlegen.

Stattfinden soll der schweizweit wichtigste jenische Kulturanlass vom 15. bis 18. September 2016 auf der Schützenmatt. Die Jenischen wollen also zeitgleich mit den Bundesparlamentariern, die an der Herbstsession teilnehmen, in Bern weilen.

Das ist nicht Zufall, sondern gewollter Zündstoff: «Wir kommen nach Bern, weil wir nach wie vor um Anerkennung ringen», sagt Daniel Huber, der Präsident der Radgenossenschaft, der grössten Dachorganisation der Jenischen und der Sinti.

Die Jenischen und Sinti bildeten zusammen de facto «den 27. Kanton der Schweiz» und genau mit diesem Selbstbewusstsein wolle man in Bern auch auftreten.

Der «27. Kanton» pilgere also nicht nach Bern um «Zigeunerlieder» zu trällern und folkloristisches «Chasperlitheater» zu spielen. Die Kultur der Minderheit, die übrigens durchaus eng mit der schweizerischen Folklore verknüpft ist, soll zwar auf der Schützenmatt erlebbar sein.

Aber das Motiv, nach Bern zu kommen, bleibe ein politisches, sagt Huber: «Wir kommen, weil wir noch immer nicht als das gesehen werden, was wir sind. Wir sind nicht ‹die Zigeuner› aber auch nicht einfach ‹die Fahrenden›, sondern eine Minderheit von rund 40 000 Menschen, die sich als Jenische oder Sinti verstehen.»

Huber spielt damit auf den Umstand an, dass seit dem Zusammenprall auf der Kleinen Allmend die «Minderheit der Minderheit» – also die fahrenden Jenischen – etwas mehr Aufmerksamkeit erhalten. Doch damit fühle sich die grosse Mehrheit der sesshaft lebenden Jenischen und Sinti zusätzlich in die «kulturelle Anonymität» gedrängt.

Nur «mit gemeint» zu sein, wenn von Fahrenden die Rede sei, könne der Mehrheit der sesshaften Jenischen und Sinti nicht genügen, sagt Huber. Selbstverständlich werte auch er es als grossen Fortschritt, dass die fahrende Lebensweise und die jenische Sprache in der Schweiz inzwischen anerkannt seien.

Doch die umfassende Anerkennung einer Volksgruppen verlange mehr, weil die Identität von Jenischen, Sinti und explizit auch Roma nicht bei der Frage ende, wie mobil jemand sei. Auch die Aufarbeitung der leidvollen Aktion «Kinder der Landstrasse» (siehe Zusatztext) betreffe nicht nur die Fahrenden, sondern die ganze Volksgruppe.

Huber will, dass diese Überlegungen auch unter der Bundeskuppel ankommen: Der Radgenossenschaftspräsident findet, an der Feckerchilbi 2016 müssten zwingend Bundesparlamentarier «und mindestens ein Bundesrat» aufkreuzen.

Boykottaufruf aus eigenen Reihen

Doch Jenische auf Achse wie Claude Gerzner sind echauffiert: Zusätzliche Halteplätze seien weit wichtiger als eine grosse Fete. Seine «Bewegung» ruft deshalb keck zum Boykott der Feckerchilbi auf.

Aus Gerzners Sicht ist das streng logisch: «Das Geld, das die Stadt Bern für die geplante Chilbi gesprochen hat, ist wie eine ‹Wiedergutmachung› für die ‹Schande von Bern›. Aber wir haben nicht für ein dreitägiges Fest gekämpft und uns an den Pranger stellen lassen, sondern für neue Plätze.»

Dass für die Schaffung neuer Halteplätze primär der Kanton Bern handeln müsste und die Stadt Bern ihren Beitrag von 70 000 Franken nicht als Wiedergutmachung, sondern als kulturellen Förderbeitrag verstanden haben will, ändert Gerzners Sichtweise nicht.

Die Radgenossenschaft zeigt Verständnis für den harschen und lauten Kritiker. Im Kern, sagt Huber, gehe es allen Jenischen ungeachtet der Meinungsdifferenzen ums Gleiche: «um Anerkennung».

Der Bund

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