«Der Juni war einer der schlimmsten Monate»

Der Berner Daniel Liechti ist in Malta auf dem Schiff einer Hilfsorganisation blockiert. Die Behörden hindern das Schiff, mit dem Bootsflüchtlinge gerettet werden sollen, am Auslaufen.

Darf nicht auslaufen: Das Schiff Sea Watch 3 im Hafen von Valetta auf Malta.

Darf nicht auslaufen: Das Schiff Sea Watch 3 im Hafen von Valetta auf Malta. Bild: twitter.com/seawatchcrew

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Herr Liechti, wo befinden Sie sich im Moment?
Ich bin auf der Sea Watch 3, dem Schiff der Seerettungs-Organisation Sea Watch. Wir liegen seit rund einer Woche im Hafen von Valletta, in Malta und erhalten keine Erlaubnis auszulaufen.

Warum nicht?
Das begründen die Hafenbehörden nicht.

Brauchen Sie denn eine Erlaubnis, um auszulaufen?
Ja. Die kriegt man in der Regel ohne Weiteres. Denn es geht dabei um die Koordination von ein- und auslaufenden Schiffen. Wir haben aber bereits mehrmals angekündigt, dass wird auslaufen wollen, doch die Malteser Behörden verweigern es uns. Einen Grund nennen sie nicht. Wir wissen nicht, warum sie uns festhalten. Und es gibt auch keine Stelle, die sich für Beschwerden zuständig fühlt. Wir kennen die rechtlichen Begründung nicht, aufgrund deren wir festgehalten werden.

«Es kommt vor, dass eingehende Notrufe von Flüchtlingsschiffen ignoriert werden.»Daniel Liechti, Seeretter auf dem Mittelmeer

Sie haben jedoch Vermutungen?
Es müssen politische Gründe sein. Denn es gibt keine andere Erklärung. Auch das Aufklärungsflugzeug Moonbird der Organisation Sea Watch ist in Malta stationiert und erhält keine Starterlaubnis. Die Seenotrettungskoordinationsstelle MRCC in Rom ist viel weniger aktiv, seit Matteo Salvini von der Lega Nord Innenminister Italiens ist. Es kommt sogar vor, dass sie eingehende Notrufe von Flüchtlingsschiffen ignoriert, was gegen internationales Recht verstösst.

Daniel Liechti im Maschinenraum der Sea Watch 3 (Bild: zvg/Paul Wagner)

Doch warum sollte Malta die Sea Watch 3 festhalten?
Wenn es keine Zeugen vom Sterben auf dem Mittelmeer gibt, versiegen die Informationen und das Thema wird vergessen. Die sogenannte libysche Küstenwache bringt Flüchtlingsboote im Auftrag Europas wieder nach Libyen zurück.

Das haben Sie selbst gesehen?
Ja, ich habe Fälle beobachtet, wo libysche Schiffe Flüchtlingsboote mit Waffen aus internationalen Gewässern nach Libyen getrieben haben.

Und was nehmen Sie jetzt wahr, da sie in Malta festsitzen?
Wir kriegen hier nur wenig mit und haben wenig Informationen. Die offiziellen Zahlen der Bootsflüchtlinge sind zwar rückläufig. Aber wir gehen von einer hohen Dunkelziffer von Unglücken und weiterhin vielen Toten aus. Der Juni war einer der schlimmsten Monate. Über 600 Menschen starben, weil kaum Seenotrettungsschiffe unterwegs waren. Im Moment ist kein ziviles Seenotrettungsschiff mehr im zentralen Mittelmeer mehr unterwegs obwohl gerade im Sommer die allermeisten Boote mit Geflüchteten starten.

Kritiker sagen, die Hilfsorganisationen trügen zur Misere bei, weil sich die Flüchtlinge ihretwegen überhaupt auf die überfüllten Boote wagten.
Die Seenotrettungsorganisationen sind eine Reaktion auf das Sterben im Mittelmeer. Sie sind entstanden, weil so viele Menschen bei ihrer Flucht über das Meer gestorben sind.

Müssten die Hilfsorganisationen nicht eher in Libyen etwas unternehmen, damit die Flüchtlinge gar nicht erst in ein Boot steigen?
In Libyen herrscht ein Bürgerkrieg und meines Wissens sind nicht einmal grosse Organisationen wie die Médecins sans Frontières dort. Das zeigt, wie schwierig es ist, sich dort zu engagieren. Aber Migration bezieht sich nicht nur auf Libyen. Allerdings gibt es keine Möglichkeit, sich legal und sicher in ein europäisches Land zu reisen. Die Menschen sind somit fast immer gezwungen, sich auf unsichere Fluchtrouten zu begeben.

«Die Menschen sind fast immer gezwungen, sich auf unsichere Fluchtrouten zu begeben.»Daniel Liechti, Seeretter auf dem Mittelmeer

Was ist ihre Aufgabe auf der Sea Watch 3?
Ich bin gelernter Polymechaniker und arbeite auf dem Schiff als zweiter Maschinist. Das heisst ich verbringe zwei Schichten zu vier Stunden im Maschinenraum und unterhalte die Motoren und Anlagen. Wenn Leute aus Seenot gerettet werden, ist jedes Crewmitglied gefragt. Dann helfe ich Menschen an Bord zu holen, gebe Essen aus und bin für sie da.

Seit wann tun Sie das?
Ich war im Frühling vor einem Jahr zum ersten Mal auf einem Einsatz. In diesem Jahr habe ich bereits etwa drei Monate auf der Sea Watch gearbeitet.

Wie sind Sie dazu gekommen?
Ich hatte ein eigenes Geschäft als Polymechaniker in Bern. Doch wollte ich etwas Sinnvolles tun. Ich verkaufte das Geschäft und arbeite nun ehrenamtlich für Sea Watch. Hier habe ich Kost und Logis. Auch die Reise wird von der Organisation bezahlt. In Bern lebe ich in einer WG und brauche wenig Geld.

Wie ist denn die Stimmung auf dem Schiff im Hafen nun?
Es ist für mich und die anderen Crewmitglieder sehr frustrierend, zu wissen, dass Schiffe in Seenot geraten und sehr viele Menschen auf dem Mittelmeer sterben, während aus politischen Gründen die Such- und Rettungsschiffe blockiert werden. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.07.2018, 09:57 Uhr

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