Der humoristische Hardliner

Ausgerechnet der Basler Thomas Göttin (SP) ist im Wahljahr 2016 der höchste Berner. Reihum wird der Bundesbeamte und Fasnachts-Fan als «witzig» gerühmt.

«Mit ihm kann man auch mal ein Bierchen trinken»: Der neue Stadtratspräsident Thomas Göttin vor der Bar Volver.

«Mit ihm kann man auch mal ein Bierchen trinken»: Der neue Stadtratspräsident Thomas Göttin vor der Bar Volver.

(Bild: Valérie Chételat)

Adrian Müller@mueller_adrian

«Sauladen», «Kindergarten»: Wer sich über das Stadtratsjahr 2015 erkundigt, bekommt viele Kraftausdrücke zu hören. Nun liegt es ausgerechnet am Basler Politdinosaurier Thomas Göttin (SP), das Parlament im Wahljahr 2016 zur Räson zu bringen. Er übernimmt am Donnerstagabend das Präsidium des Berner Stadtrats. «Ich habe mir vorgenommen, die Sitzungen mit Humor und Gelassenheit zu leiten», sagt der begeisterte Fasnächtler zum «Bund».

Göttin selbst politisiert nicht mit Pauken und Trompeten, aber mit scharfer Zunge: Der 56-Jährige hat sich in seinen 13 Jahren im Stadtrat einen Namen als geschliffener Rhetoriker gemacht. «Ich höre ihm gerne zu. Göttin ist nicht einfach frech und ungehobelt wie andere Linke, sondern stichelt wenn schon mit Humor», sagt SVP-Präsident Rudolf Friedli. Als Stadtratspräsident wird Göttin heuer nur als Botschafter des Parlaments Reden halten und Sitzungen leiten. Im Rat selbst muss er sich zurücknehmen: «Beleidigungen und persönliche Angriffe toleriere ich aber nicht, da greife ich sofort ein.»

Nicht immer zeigte sich Göttin so ruhig und besonnen wie heute: Als Co-Präsident der SP Stadt Bern (2007 bis 2013) fuhr er schon mal den rhetorischen Zweihänder aus. «Damals erlebte ich Göttin als linken Hardliner. Einen, der auch mal in die Luft geht – man kann sich göttlich mit ihm streiten», sagt FDP-Fraktionschef Bernhard Eicher. Nach wie vor gilt Göttin unter Berner Politkennern als Chefideologe und Strippenzieher der SP-Fraktion, als graue Eminenz der Partei. Nicht von ungefähr: Unter seiner Führung triumphierten die Berner Sozialdemokraten bei den Wahlen 2012. «Das war sicher ein Höhepunkt meiner Politkarriere», so Göttin.

Abfuhr als Nationalrat

Eine Schlappe kassierte der Vollblutpolitiker hingegen auf dem nationalen Politparkett, als er 2007 für den Nationalrat kandidierte. Weit abgeschlagen landete er bloss auf dem 23. Listenplatz. «Für die ganz grosse Politkarriere ist er zu wenig egoistisch, zu bescheiden und zu leise gewesen», sagt der langjährige GB-Stadtrat Urs Frieden. Er habe sich als Parteipräsident in den «Dienst der SP und nicht von sich selbst gestellt.» Nicht gerade Schiffbruch, aber eine Bauchlandung erlebte der einstige Radiojournalist Göttin als Mitgründer des Online-Magazins «Journal B». 2011 wurde das Portal vollmundig lanciert. Auch als linker Gegenpol zur «bürgerlichen Berner Presse.» Nur neun Monate später stand die bezahlte Redaktion auf der Strasse. Heute lebt das Online-Magazin vom Engagement einer Handvoll Freiwilliger. «Als lokale Stimme ist das Portal nach wie vor eine tolle Sache», sagt Göttin dazu.

«Ich habe erst leer geschluckt»

Seine Brötchen verdient der frühere Gewerkschafter Göttin als Kommunikationschef beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). In der Politik haben seine diversen Wortgefechte Spuren hinterlassen: «Ich habe erst mal leer geschluckt, als mir Göttin als Ratsvize zugewiesen wurde. Denn wir hatten in der Vergangenheit einige harte verbale Auseinandersetzungen», erinnert sich Claude Grosjean (GLP), der 2015 den Rat leitete. Als Stellvertreter musste Göttin bereits zweimal für Grosjean einspringen. «Meine Vorbehalte haben sich nicht bestätigt. Göttin hat durchaus die nötige Weitsicht, um den Rat neutral zu führen.»

Ein Bier mit dem FCB-Fan

SVP-Fraktionspräsident Roland Jakob glaubt gar, dass mit der Hilfe von Göttin der Stadtrat den Schwenker weg von der «ideologischen Schiene» hin zur Sachpolitik schafft. Für einen SP-Politiker sei er sehr konsensfähig und höre einem zu, obwohl er punkto Ökologie und Sozialstaat eine «harte Linie» vertrete. «Mit ihm kann man auch gut mal ein Bierchen trinken gehen», so Jakob.

Obschon er das Ratspräsidium innehat, darf Göttin zumindest in der Berner Politiker-Band Fraktionszwang auch heuer Dampf ablassen. Dort unterstütze er als Saxofonist die Sänger: «Diese Rolle steht ihm gut», sagt Band-Kollege Bernhard Eicher. Göttin hat sich in den letzten Jahren vom Klarinettenspieler zum Saxofonisten hochgearbeitet. Er habe in der Gruppe in den letzten Jahren die «grösste Entwicklung» durchgemacht. «Zudem ist er einer der wenigen, die Noten lesen können», sagt Eicher mit einem Augenzwinkern.

In seiner Freizeit beobachtet Göttin gerne Vögel oder besucht als Fan Spiele des FC Basel. Auch nach 30 Jahren in Bern spricht er übrigens einen lupenreinen Basler Dialekt. Göttin versichert: «Zumindest meine zwei Kinder haben sich sprachlich besser integriert und sprechen astreines Berndeutsch».

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt