Der flotte Spurt vor der Bergetappe

Die Stadt Bern will den Anteil des Veloverkehrs am Gesamtverkehr auf 20 Prozent steigern. Jetzt legt sie beeindruckende Zwischenergebnisse vor.

Gestern stand der Zähler des neuen «Velobarometers» in Bahnhofsnähe noch bei null, aber ab heute soll er der Millionengrenze entgegenklettern.

Gestern stand der Zähler des neuen «Velobarometers» in Bahnhofsnähe noch bei null, aber ab heute soll er der Millionengrenze entgegenklettern. Bild: Franziska Scheidegger

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Im Teer verborgene Induktionsschlaufen messen in der Stadt Bern an wichtigen Verkehrsachsen nicht nur jedes vorbeifahrende Auto, sondern vielerorts auch jedes Velo. Die dabei erhobenen Daten zeigen jetzt besonders für die morgendlichen und abendlichen Verkehrsspitzen Auffälliges: Pendlerinnen und Pendler setzen zunehmend aufs Velo. Im Zeitraum von 2014 bis 2017 hat der Veloverkehr zu Pendlerzeiten um 40 Prozent zugenommen. Übers Ganze gesehen nahm der Veloverkehr im erwähnten Zeitraum um 35 Prozent zu. Gemeinderätin Ursula Wyss (SP), die am Montag die neuen Daten präsentierte, sprach von «unglaublichen» Messwerten. Sie verdeutlichten, dass die städtische Velo-Offensive Wirkung zeige.

In der Tat sind die neuen Zahlen an den Zielwerten der städtischen Verkehrspolitik zu messen. Die Stadtregierung will nämlich den Anteil des Veloverkehrs am Gesamtverkehr bis ins Jahr 2030 auf 20 Prozent heben. Lange dümpelte der Wert bei rund 10 Prozent. Jetzt klettert er über die 15-Prozent-Marke. In Anlehnung an den Velojargon liesse sich also sagen, dass Bern in den letzten Jahren einen bestechenden Antritt zeigte und das erste Zwischenziel der städtischen Velo-Offensive dank flotten Sprinterqualitäten deutlich vor dem Zielschluss erreichte.

Breite Streifen, getrennte Spuren

Wyss sagte am Montag, sie erachte das anvisierte 20-Prozent-Ziel angesichts der neuen Messwerte als «sehr realistisch». Allerdings sei die städtische Velopolitik nach ihrer Einschätzung von Beginn weg realistisch gewesen: Man habe früh das Potenzial jener erfasst, die aufs Velo zu setzen bereit wären, würden sie sich dabei sicher fühlen. Dieses Verlangen nach Sicherheit wird die weitere Umsetzung der Velo-Offensive bestimmen. Wyss: «Wollen wir die verbleibenden fünf Prozent schaffen, müssen wir uns darauf fokussieren, eine sichere Infrastruktur zu schaffen.»

«Man muss die Velofahrenden vor den Autos schützen.»

Gemeinderätin Ursula Wyss

Das ist gemessen am bereits Erreichten eine sicher ambitiöse, weil auch kostenintensive Bergetappe. Laut Wyss gilt es primär, ausreichend breite Velostreifen zu garantieren: Spuren mit einer Breite von 2 bis «im Idealfall» 2,5 Metern. Nötig sei dies, weil der Veloverkehr zunehmend in zwei unterschiedlichen Tempi unterwegs sei – hier die herkömmlichen Velos, da die E-Bikes. Auf dem Velostreifen der Zukunft kommt es also immer häufiger auch zu Überholmanövern. Nötig seien ausreichend breite Velostreifen auch angesichts der steigenden Zahl breiter Lastenvelos.

Fokus auf die Fussgänger

Bern beobachte aber auch, dass Städte mit beeindruckend hohem Veloanteil auf abgetrennte Velospuren setzten, sagt Wyss. Das leuchte ihr ein: «Man muss die Velofahrenden vor den Autos schützen.» Das sei mit abgetrennten Spuren am besten zu erreichen. Ähnlich verhalte es sich mit der Sicherheit der Fussgängerinnen und Fussgänger. Ihr Schutz sei dann am grössten, wenn es möglichst wenig Mischflächen – Flächen, die gleichzeitig zu Fuss und per Velo genutzt werden – gebe: «Mischflächen sind immer eine Notlösung.»

Die kurze Rekapitulation: In Bern nimmt der Veloverkehr signifikant zu und der Veloanteil am Gesamtverkehr beträgt inzwischen 15 Prozent. Aber in Basel sind es bereits 17 Prozent, in holländischen Städten im Schnitt 27 Prozent, in Kopenhagen gar über 50 Prozent. Freut sich also Bern über die eigene Mittelmässigkeit? Verkehrsplaner Karl Vogel widerspricht: «Der Hauptgrund unserer Freude ist die gegenwärtige Entwicklung. Genau so wollen wir weiterfahren.» Und mindestens in einem Punkt hat Bern gegenüber dem velofreundlichen Basel die Nase vorn. Während in Basel der Anteil des motorisierten Individualverkehrs steigt, sinkt er in Bern Jahr für Jahr stetig – in den Jahren 2014 bis 2017 um insgesamt 9,8 Prozent. (Der Bund)

Erstellt: 24.04.2018, 06:45 Uhr

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