Der Deitsch schwetzt

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler ist überrascht vom amerikanischen Schweizerdeutsch.

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Das Lehrbuchwissen, wonach die Schweiz ein viersprachiges Land sei, ist überholt. Wenn wir uns etwa auf der Webseite des Stadtberner Tiefbauamts darüber informieren, wann, wie und wo der Kehricht korrekt zu entsorgen ist – nicht so wie unlängst hier geschildert («Das blaue Wunder», «Bund» vom 4. Mai 2017) –, entdecken wir, dass der Abfallkalender nicht nur auf Deutsch erscheint. Es gibt ihn auch auf Albanisch, Arabisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Serbisch, Spanisch, Tamil und Türkisch. Die Müllsäcke und Schachteln voller Geschirr und sonstigem Unrat, die die Glassammelstellen umfloren, stammen offensichtlich von Leuten, die keines dieser Idiome verstehen oder sich generell um Angelegenheiten dieser Art foutieren, obwohl sie Bescheid wissen. Das Lehrbuchwissen, wonach die USA ein englischsprachiges Land seien, greift ebenso zu kurz. Wer im Süden der Vereinigten Staaten unterwegs ist, stellt fest, dass auf Verpackungen oder in der Werbung Zweisprachigkeit herrscht: Englisch/Spanisch. Und das, obwohl sich die USA nicht als zweisprachiges Land deklarieren – jedenfalls offiziell. Es ist die normative Kraft des Faktischen, die es ratsam erscheinen lässt, die Menschen in der Sprache anzusprechen, die sie am besten verstehen – Staatsdoktrin hin oder her.

Nicht um Kehricht ging es kürzlich bei den Amerikanern, sondern um Obamacare, die Krankenversicherung, die Nachfolger Trump rückgängig machen wollte. Erst kürzlich hat das Repräsentantenhaus beschlossen, das Sozialwerk umzubauen. Warum ich das erzähle? Krankenversicherung ist ein komplexes Thema. Um so mehr ist es kompliziert für Einwanderer, die ohnehin noch nicht richtig wissen, wie der Hase läuft. Zu Obamacare gehörten Multi-language Interpreter Services, angesiedelt beim U.S. Department of Health and Human Services. Auf einem Informationsblatt heisst es, die Versicherten würden in ihrer Muttersprache beraten, damit sie das bekommen, worauf sie ein Recht haben. Die sprachliche Spanne reichte dabei von Albanian über Bengali und Cambodian-Mon-Khmer über Chinese Mandarin, Korean, Polish oder French Kreol bis zu German. Unter letzterem hiess es: «Unser kostenloser Dolmetscherservice beantwortet Ihren (!) Fragen zu unserem Gesundheits- und Arzneimittelplan. (...) Man wird Ihnen dort auf Deutsch weiterhelfen.»

Am meisten überraschte mich folgende Sprache: «Mir hen free Iwwersetzer Services um dei Frooge zu andwatte, die du vielleicht iwwer dei Gsundheit odder Drug Blan hoscht. Um en Iwwersetzer zu griege, ruf uns um die Nummer uff die Rickseit von dei Member ID Kaarde aa. Epper der Deitsch schwetzt, kann dir helfe. Des iss en Free Service.» Was ist denn das? Letzebürgisch? Nein, «Pennsylvania Dutch» oder «Deitsch», wie es auf dem Blatt heisst – was den Zusammenhang zwischen «Dutch» (Holländisch) und «Deutsch» erhellt: Holländisch wurde in der angelsächsischen Welt als deutsche Sprache empfunden. Die Amish in Pennsylvania sprechen das altertümliche schweizerdeutsche Idiom bis heute, wie sie auch an ihren Röcken, Hüten und Pferdewagen festhalten. Die Bezeichnung Amish geht auf den 1644 im Simmental geborenen Mennonitenprediger Jakob Ammann zurück, den Gründervater. Nun kann man sich allerdings fragen, wie die Amish zu den Medizin-Infos kommen, denn die meisten dürften kein «neumodisches» Telefon besitzen.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler hat die Hotline noch nicht angerufen, würde aber das alte Schweizerdeutsch sehr gerne einmal live hören. (Der Bund)

Erstellt: 31.05.2017, 07:05 Uhr

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