Der Coup klappte zwar nicht – dennoch müssen zwei Georgier ins Gefängnis

Eine betagte Bernerin hätte beinahe 40'000 Franken an eine Betrügerbande verloren. Obwohl diese raffiniert vorging, missriet der Betrug.

Eine betagte Frau wäre fast um 40 000 Franken erleichtert worden (Symbolbild).

Eine betagte Frau wäre fast um 40 000 Franken erleichtert worden (Symbolbild). Bild: Samuel Schalch

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Auch die Unterwelt kann sich das Prädikat «innovativ» an die Brust heften. Nach dem inzwischen bekannten Enkeltrick praktizieren die Gauner eine neue Variante. Angebliche Polizisten rufen meist ältere Personen an und warnen sie vor bevorstehenden Einbrüchen oder einem Betrüger, der ihre Bankkonten räumen wolle. Sie kündigen einen «Kollegen» an, der die Vermögenswerte zu Hause abholt und in Verwahrung nimmt, damit ihnen nichts passiert. Die Gewarnten sollen Stillschweigen bewahren, um den Ermittlungserfolg nicht zu gefährden.

Dies widerfuhr im Januar 2018 einer betagten Dame im Berner Kirchenfeldquartier. Zuerst tat sie wie geheissen und hob auf der Post 40'000 Franken ab. Allerdings kam ihr die Sache seltsam vor. Als der angebliche Abgesandte an der Haustür erschien, verlangte die vorsichtige Dame einen Ausweis, den der Fremde nicht vorweisen konnte.

Der Georgier zog nach zwei Vorsprachen an der Tür wieder ab. Einer der Hintermänner forderte ihn über Mobiltelefon auf, es nochmals zu versuchen. Er bekomme dann nicht nur die paar Hundert versprochenen Euro, sondern 10'000. Dennoch liess er es bleiben. Zudem klickten auch schon die Handschellen, ebenso bei seinem georgischen Landsmann, der in einiger Entfernung Schmiere stand.

«Firma» mit Arbeitsteilung

Der auf Wirtschaftsdelikte spezialisierte Staatsanwalt Rolf Rüdisser skizzierte am Dienstag im Plädoyer die Vorgehensweise von Banden, die diese Variante des Enkeltricks anwenden. Ein sogenannter Keiler, oft von einem Callcenter in der Türkei aus operierend, suche aus Telefonverzeichnissen Namen mit altmodisch klingenden Vornamen heraus – in der Annahme, es könnten ältere und vermögende Leute sein.

Dann ruft er sie an, um den angeblichen «Kollegen» anzukündigen, der die Wertsachen abhole, um sie in Sicherheit zu bringen. Ältere Leute, die den Staat und die Polizei schätzten und ihre staatsbürgerliche Pflicht ernst nähmen, machten mit. Die Geldbeträge seien sie danach selbstverständlich für immer los.

Auf den konkreten Fall bezogen, sagte der Staatsanwalt, die Georgier, die im Auto von Bremen nach Bern fuhren, seien «Abholer». Ihnen habe der mutmasslich in der Türkei sitzende «Keiler» den Auftrag erteilt. Sie hätten das Geld entgegennehmen und sofort nach Deutschland schaffen sollen. Zwar seien sie kleine Rädchen, sie hätten aber gewusst, was gespielt werde. Da die Frau im Kirchenfeld das Geld nicht ausgehändigt habe, sei es ein versuchter Betrug. Dafür müssten die Herren mit dem gar nicht blanken Vorstrafenregister für 18 Monate ins Gefängnis, so der Ankläger.

Die Angeschuldigten stellten den Fall anders dar. Der eine sagte, jemand habe ihm aufgetragen, in Bern einen Geldbetrag abzuholen, da das Geld nicht direkt von der Türkei nach Deutschland überwiesen werden könne, sondern nur in die Schweiz. Der andere gab an, er habe den Zweck der Reise gar nicht gekannt. Der andere habe zwar mehrfach mit Leuten telefoniert, doch habe er nicht mitbekommen, worum es gehe.

Gebrauchtwagen besichtigen?

Er sagte, er habe in die Schweiz fahren wollen, um den Occasionsmarkt zu erkunden, denn er habe gehört, dass es in der Schweiz günstige Unfallwagen gebe, die er nach Georgien hätte weiterverkaufen können. Damit habe er sich ein eigenes Geschäft aufbauen wollen.

Die Anwälte warfen dem Staatsanwalt vor, er male ein drastisches Bild von diesen kriminellen Machenschaften, ohne zu belegen, was ihre Mandanten konkret damit zu tun hätten. Ihre Angaben seien glaubwürdig, sie hätten nicht gewusst, was da laufe. So habe sich der eine geweigert, ein drittes Mal zu läuten – trotz der versprochenen saftigen Belohnung.

Der Angeschuldigte hatte gesagt, erst in diesem Moment sei ihm die Sache komisch vorgekommen, und er entschuldige sich bei der Dame wegen dieser unerfreulichen Sache. Beide Anwälte verlangten einen Freispruch und eine saftige Entschädigung für die zu Unrecht hinter Gittern verbrachten 128 Tage.

Das Wirtschaftsstrafgericht sah das anders. Es treffe zwar zu, dass ein Mitglied einer Bande nie alle Details kenne, doch der eigentliche Zweck sei bekannt. Zudem fahre niemand eine Nacht lang im Auto von Bremen nach Bern, um ausgerechnet im gutbürgerlichen Kirchenfeldquartier nach Occasionsautos zu suchen.

Dies liesse sich einfacher im Internet erledigen, meinte Einzelrichterin Barbara Lips trocken. Sie verurteilte den einen zu 14 Monaten Freiheitsstrafe unbedingt. Der andere, der eher als Randfigur agierte, bekam 12 Monate. Er habe sich in diesem Fall von versuchtem Betrug lediglich der Gehilfenschaft schuldig gemacht, so Lips. (Der Bund)

Erstellt: 15.05.2018, 20:46 Uhr

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