Der «Chatroom» für feuchte Kehlen

Das Raucherstübli ist das Herz des Restaurants Feldschlösschen in der Lorraine. «Fancy-Zeugs» sucht man dort vergebens.

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Adrian Müller@mueller_adrian

In der letzten altehrwürdigen Stammbeiz der Lorraine trinkt man unter dem Radar: Selbst Bewohner des In-Quartiers, die sich öfters ein Bierchen genehmigen, kennen den «Fäuder» vis-à-vis dem Wartsaal-Café kaum. «Hier trifft man sich halt im Raucher-Stübli. Das nimmt fast niemand wahr», klärt ein Stammgast den Neuling auf.

Sogar im qualmfreien Bereich riecht man förmlich die verrucht-verrauchte Geschichte des Restaurants Feldschlösschen. Die Luft im düsteren Saal ist abgestanden. Nur die Retro-Jukebox leuchtet. In der Männer-Toilette klebt ein Werbeplakat für Medikamente gegen Prostata-Beschwerden. Vergilbte Fotos zeugen von den bewegten Zeiten des Spuntens, der seit gut 80 Jahren für feuchte Kehlen im einstigen Arbeiterquartier sorgt.

«No es Chübeli bitte»

Wirtin Yvonne Schaad zapft eine Stange Bier. Servieren, putzen, einkaufen: Seit sechs Jahren schmeisst die 61-Jährige den Laden – alleine. Gründer und früherer Namensgeber Charles Rebmann wohnt noch heute im selben Haus. «Es braucht einiges an Idealismus, um das Lokal zu führen. Reich wird man hier bestimmt nicht», so Schaad. Nicht zuletzt, weil sie in der Beiz wegen Auflagen der Gewerbepolizei gar nicht richtig kochen darf. Auf der Menükarte finden sich daher bloss Fondue und Croque Monsieur. Aber in den «Fäuder» geht man auch nicht zum Essen.

Die Wirtin Yvonne Schaad über den Reiz ihrer Beiz im Video.

«No es Chübeli bitte»: Stammgast Daniel geniesst an diesem Frühlingsabend auf der kleinen Terrasse sein Feierabend-Bier. Der Jurist mit den grauen Locken kehrt mehrmals die Woche im «Fäuder» ein. Der Stammtisch hat sich an diesem lauen Abend nach draussen verlagert. Zigaretten lösen sich rasch in Rauch auf. Warum treffen sich die Männer (und einige reife Damen) in der nicht gerade hippen Bar? «Wegen des Alters. Wir haben zu viele Jahre auf dem Buckel, um durch die Gassen zu ziehen und Weiber aufzureissen», so ein Gast. «Der ‹Fäuder› ist einfach unser Chatroom. Zu Hause wartet schliesslich niemand», sagt Daniel ohne Groll.

Früher genehmigte er sich im Handwerker-Stübli schräg gegenüber sein Bier. Heute wird dort im Okra indisches Essen serviert. «Die Tage der Beizen, wo der Alki mit dem Anwalt, der Jugo mit dem Italiener redet, sind wohl in der Lorraine langsam gezählt», sinniert der Mittfünfziger und nimmt einen Schluck Gerstensaft. Viele Stammgäste seien in den letzten Jahren weggestorben.

Kein Nachfolger in Sicht

Leben in die Bude des Gründers Charles Rebmann kommt bei sporadischen Live-Konzerten oder wenn sich Equipen des FC Breitenrain zum Bier treffen. Regelmässig anzutreffen sind die Mitarbeiter von TeleBärn, die sich nach hektischen Tagen den Stress die Kehle runterspülen. «Wir fühlen uns wie zu Hause. Uns gefällt die Einfachheit, Unaufgeregtheit des ‹Fäuders› in der schnelllebigen Zeit – hier findet man kein Fancy-Zeugs», sagt TeleBärn-Moderatorin Sophie Hostettler. Für sie ist Wirtin Yvonne Schaad schlicht das «Fäuder-Mami». Noch vier Jahre will Schaad das Restaurant Feldschlösschen führen – dann ist hier mangels Nachfolge wohl für immer Schluss.

DerBund.ch/Newsnet

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