Zimmers Honig und Märkis Elefant

Wer kommt künftig ins Theater oder ins Museum, wenn alles digital ist? Verliert die Gesellschaft den Bildungskanon? Bei «‹Bund› im Gespräch» stellten sich die Direktoren Nina Zimmer und Stephan Märki den Fragen.

Museumschefin Nina Zimmer und Stadttheaterintendant Stephan Märki im Gespräch mit den «Bund»-Redaktoren Alexander Sury und Sophie Reinhardt.

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Beide hatten zum «‹Bund› im Gespräch» etwas mitgebracht. Oder hätten. Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern und des Zentrums Paul Klee (ZPK), enthüllte aus einer Polsterfolie, mit der man auch empfindliche Bilder verpackt, ein Glas Honig, gesammelt von den fleissigen Bienen rund ums ZPK. Sammeln und horten sei eine Aufgabe von Museen, so Zimmer, die als Deutsche klarstellte, dass die Runde mitnichten wegen ihr auf Hochdeutsch stattfinde: Sie verstehe Dialekt. Stephan Märki, Intendant von Konzert Theater Bern (KTB), hätte den Elefanten mitgebracht, der auf seinem Schreibtisch steht – als Anspielung auf seine Aussage von 2012: Damals kam ihm der dunkle abendliche Theaterbau vor wie «ein alter, trauriger Elefant, der seinen Rüssel in die Aare hängt». Inzwischen ist das Theater saniert, worum ihn Amtskollegin Zimmer beneidet. Dafür beneidet er sie um die «Form der Kontemplation», die in einem Museum herrsche: «Das Bild hängt auch am nächsten Morgen an der Wand.» Im Theater rege man sich den ganzen Tag auf, manage kleine und grosse Katastrophen, «und erst abends nach der Aufführung weiss man, wofür das gut war». Von der ganz grossen Aufregung um die geschasste Schauspieldirektorin Stephanie Gräve war gestern nicht die Rede.

Per Streetview durchs Museum

Die Gesellschaft verändert sich. Werden die Tempel des Bildungsbürgertums obsolet, da sich die Jugend alles digital zu Gemüte führt? Auf diese Einwände der «Bund»-Fragesteller Alexander Sury und Sophie Reinhardt fand Zimmer, die Zweiteilung Jung-Alt sei zu einfach. Es gebe 80-Jährige, die soziale Medien nutzten und Junge, die statt Downloads wieder richtige Vinyl-Schallplatten bevorzugten. Braucht es mehr Events, etwa ein Familien-Picknick im Museum? Zimmer gab sich mitnichten geschockt. Auch der Intendant sagte furchtlos: «Ich glaube nicht, dass wir Zuschauer verlieren würden, wenn wir eine Theateraufführung streamen würden.» – So wars auch beim Streaming des gestrigen Anlasses aus dem Veranstaltungsort «Bellevue-Palace»: Der Saal war dennoch voll besetzt. Märki machte jedoch ein Fragezeichen zum Hang nach Events.

Zweifellos sei die Museumsnacht eine tolle Sache, doch gebe es einen Unterschied: «Mit einem Theaterstück darf man einmal scheitern, aber ein Event muss immer gelingen.» Im Museum, aber nicht nur dort, schwäche sich der bildlungsbürgerliche Kanon ab, stellte Zimmer fest, einst Vorausgesetztes sei nicht mehr abrufbar. Insbesondere christliches und biblisches Wissen sei oft nicht mehr vorhanden. So habe eine Kollegin erlebt, die über ein Kunstwerk mit dem Titel «Madonna mit dem Kind» referierte, dass ein mit schriller Popkultur sozialisierter Jugendlicher ausrief: «Aber das ist doch nicht Madonna!» Im «Bellevue»-Saal mit dem gesetzten «Bund»-Publikum, dem traditionelle Bildungsinhalte noch geläufig sind, brandete Gelächter auf.

Werbetexterin als Chefin

Aus dem Publikum kam am Schluss eine der brisantesten Fragen, gerichtet an Stephan Märki. Ob es nicht befremdlich sei, dass sich eine Werberin als KTB-Stiftungsratspräsidentin wählen lasse («Bund» vom 27. März), ohne mit dem Intendanten zu sprechen. «Kein Problem», gab Märki zurück, «höchstens eine Stilfrage». Sie sei jung und eine Frau: «Das spricht weder für noch gegen sie.» Er kenne sie nicht, so Märki.

Er bestritt ausserdem, dass er sich vom «Bund» schlecht behandelt fühle. Das Blatt versuche trotz Sparzwang, gesellschaftlich und kulturell wichtige Debatten zu führen – wenn auch nicht immer gleich gut. Märki war früher Autorennfahrer. Ob auch Zimmer Abgründiges zu erzählen habe, wurde sie gefragt. «Ich mache eine sehr gute Salatsauce», raunte sie im Verschwörerton. Damit war der Weg zum Apéro riche frei. (Der Bund)

Erstellt: 03.04.2017, 16:51 Uhr

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