Wenn die Migros dein Gesicht scannt

Intelligente Werbebildschirme erkennen Gesichter und schalten Werbung. Zu Nutzern der Technologie gehört auch die Migros Aare – sie testete im Westside.

Hinter diesem Screen im Westside versteckten sich Kameras, die Gesichtsanalysen durchführten.

Hinter diesem Screen im Westside versteckten sich Kameras, die Gesichtsanalysen durchführten. Bild: Screenshot Youtube Video

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie betreten ein Geschäft und treten vor einen Bildschirm. Das Gesicht wird gescannt, die Daten sofort verarbeitet. Das System erkennt Ihr Alter und Geschlecht. Sie werden kategorisiert, und Ihnen dann auf Ihre Merkmale zugeschnittene Werbung angezeigt. Zukunftsmusik? Mitnichten. Diese Software hat die St. Galler Firma Advertima bereits entwickelt.

Zahlreiche Unternehmen testen die neue Technologie zurzeit. Die Zürcher Kantonalbank hat einen Bildschirm am Hauptbahnhof. Wer unter 30 ist, dem erscheint Werbung für den Online-Bezahldienst Twint. Wer über 40 ist, erhält Empfehlungen für die Vorsorge, über 60-Jährige werden auf die Rabatte im Alter hingewiesen. Deklaration, dass das Gesicht gefilmt wird, ist keine vorhanden.

Quelle: advertima.com

Auch die Migros Aare hat in das Projekt investiert. Wie der «Bund» herausgefunden hat, standen auch im Berner Einkaufszentrum Westside solche intelligente Screens. Die Migros bestätigt das. Man erwünschte sich dadurch einen «höheren Kundennutzen» und «erweiterte Möglichkeiten» im personalisierten Marketing, teilt die Migros auf Anfrage mit.

Letzten Winter organisierte die Migros auf dem Screen ein Weihnachtsspiel, bei dem die Software zum Einsatz kam. Auch hier fehlte eine Deklaration. Die Fragen zum Thema scheinen dem Detailhändler unangenehm zu sein. Eine Fotoaufnahme vom Bildschirm zu machen, war dem «Bund» nicht gestattet.

«Person wird nicht erkannt»

Der Grund dürften Fragen um den Datenschutz sein. Eine Sprecherin des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) teilt auf Anfrage mit, dass man die Technologie von Advertima nicht kenne. «Es ist ohne angemessene Information aber nicht erlaubt, Menschen aufzunehmen und ihre biometrische Daten zu erfassen.» Man müsse die Möglichkeit haben, den Kameras auszuweichen.

Ein Werbevideo zu der Installation im Berner Westside:

Die Migros räumt ein, dass es in Bezug auf den Datenschutz noch «zahlreiche offene Fragen» gebe. Deshalb zeige der Screen im Moment programmierte Werbung, die Kameras sowie die Software seien «vollständig ausgebaut worden».

Der CEO und Mitgründer von Advertima, Iman Nahvi, sagt dazu: «Wir haben uns von Anfang an am Schweizer Datenschutz orientiert.» Das Produkt sei sowohl mit der strengen Europäischen Datenschutzverordnung wie auch mit dem Schweizer Bundesgesetz über den Datenschutz konform. «Mit der entwickelten Software ist es unmöglich, auf die Identität der Person zu schliessen», betont Nahvi.

Grund sei unter anderem das Edge-Computing, welches man statt der herkömmlichen Cloud-Technologie gewählt habe. Bei der Edge-Technologie landen die Daten, die das System erfasst – in diesem Fall die Aufnahmen des Gesichts – nur im flüchtigen Speicher des lokalen Computers. «So können die Daten nicht in die falschen Hände gelangen», sagt Nahvi.

Die Identität der Personen könne so nicht entschlüsselt werden. Allerdings findet für die Weiterentwicklung der Software ein gewisser Austausch mit der Cloud statt (siehe Kasten). Diese sogenannten Learnings würden aber anonymisiert und könnten zu keinem Zeitpunkt das Bild der Umgebung rekonstruieren, sagt Nahvi. Die Skepsis der Leute versteht er dennoch. «Es braucht immer eine gewisse Zeit, bis die Menschen neue Technologien akzeptieren.»

Wo führt das hin?

Jorgo Ananiadis, IT-Ingenieur und Mitglied der Piratenpartei, sagt, dass das sogenannte Edge-Computing nicht heissen muss, dass «der Datenschutz dann gewährleistet ist». Ob die Daten tatsächlich nur lokal verarbeitet würden, sei unklar. Zudem werde das System immer besser und genauer, «je mehr biometrische Daten es auswertet». Letztlich sei man den Beteuerungen der Anbieter ausgeliefert. «Eine Kontrolle ist praktisch unmöglich», sagt Ananiadis.

Ananiadis stellt bei zahlreichen Firmen fest, dass mit Daten fahrlässig umgegangen wird. «Der Kunde erhält zwar die Möglichkeit zu verhindern, dass seine Daten durchleuchtet werden, dafür muss er aber selbst aktiv werden.» So stehe beispielsweise in der Datenschutzverordnung von Swisscom: «Durch den Einsatz von Datenanalyseverfahren gewinnen wir statistische und analytische Informationen (...), die wir in anonymisierter Form kommerziell veräussern.»

Die Daten würden meist anonymisiert, so Ananiadis. «Wenn aber zahlreiche Datenströme zusammenlaufen, kann am Ende trotzdem die Person ausfindig gemacht werden.»

Wo führt das hin? Iman Nahvi von Advertima sagt: «In 5 Jahren wird unsere künstliche Intelligenz wissen, wie eine Person angesprochen werden muss.» Sie werde mehr Muster erkennen, als ein Mensch jemals fähig sei zu erkennen.

Das dürfte aber nicht alles sein: Nach eigenen Angaben war Advertima auch mit der St. Galler Kantonspolizei im Gespräch, um tatverdächtige Personen zu erkennen – nur über Merkmale wie Kleidung und nicht über die Gesichtserkennung. «Das ist aber nun nicht mehr geplant», sagt Nahvi.

Siehe auch «Guck, Maschine, das bin nur ich» – Sollten Firmen wie Amazon aufhören, der Polizei Technologie zur Gesichtserkennung zu verkaufen? (Der Bund)

Erstellt: 15.06.2018, 06:38 Uhr

Artikel zum Thema

Guck, Maschine, das bin nur ich

Analyse Sollten Firmen wie Amazon aufhören, der Polizei Technologie zur Gesichtserkennung zu verkaufen? Mehr...

Start-up aus der Ostschweiz

Das System der Firma Advertima funktioniert beispielsweise folgendermassen: Eine Gruppe von jungen Männern tritt vor den Bildschirm. Das System erkennt mit seiner 3-D-Sensorik das Alter und das Geschlecht. Nun zeigt es ein Video über das Verhalten von Löwen in der Wildnis. Nach wenigen Sekunden wenden sich alle ab: Das Produkt von Advertima analysiert, dass bei Gruppen dieses Alters dieses Video nicht gut funktioniert und gibt das weiter. Das nächste Mal zeigt es bei einer ähnlichen Gruppe ein Video über die Fussballweltmeisterschaft. Da die jungen Männer nun länger verweilen, zeigt er das nächste Mal einer ähnlich zusammengesetzten Gruppe dasselbe.

Advertima ist ein Senkrechtstarter. 2014 stellte das damalige St. Galler Start-up einen ersten Prototyp seines Produkts vor. Es analysierte auf Basis künstlicher Intelligenz die Umgebung und löste daraufhin eine Reaktion aus. Im Jahr 2015 investierten 18 Partner rund 4,8 Millionen Franken in das Start-Up, darunter auch die Migros Aare. CEO und Mitgründer der Firma ist der ehemalige HSG-Student Iman Nahvi. Zu den Kunden gehören die Migros Aare, die Zürcher Kantonalbank und der Zürcher Flughafen.

2017 erhielt Advertima die Auszeichnung «coolstes Start-up» am «Worldwebforum». Beim «Startfeld Diamant», dem Jungunternehmerpreis der St. Galler Kantonalbank, schaffte es die Firma ins Finale.

Das interne System der Firma ist keine Hierarchie, sondern eine Holokratie. Sie wurde vom Unternehmer Brian Robertson entwickelt. Anstatt von oben herab Grundsatzentscheide zu fällen, sollen sich die einzelnen Organisationsstrukturen selbst mit kleinen Korrekturen ständig verbessern. So sollen schwerfällige bürokratische Prozesse eliminiert werden.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...