Der Biber hat den Kanton Bern erobert

Die Biberpopulation hat sich in der letzten Beobachtungsperiode mehr als verdoppelt.

  • loading indicator
Marc Lettau

Während gerade jetzt der Biber wohl an einer hübschen Bachböschung eine Weide fällt, nagt die Behörde an den neusten Zahlen über die Verbreitung des Tiers. Es geht dem Biber formidabel. Den Beleg präsentierte das Bundesamt für Umwelt (Bafu) gestern: Wurden im Jahr 2008 schweizweit 1600 Biber gezählt, sind es zuzeit bereits 2800. Das ist ein beträchtlicher Zuwachs. Die erste Erkenntnis, die sich von dieser Zahl ableiten lässt, lautet: Der Biber hat sich nach seiner Ausrottung Anfang des 19. Jahrhunderts wieder gut etabliert. Und weil unter den 2800 Tieren rund 1300 vermutet werden, die sich reproduzieren können, ist mit einem weiteren Zuwachs zu rechnen. Das Bafu nimmt die Entwicklung zum Anlass, sein Biberkonzept zu revidieren (siehe Kasten).

Der Berner Biber-Boom

Noch markanter als in der Gesamt­schweiz ist die Entwicklung im Kanton Bern, wie Karin Thüler, stellvertretende Jagdinspektorin des Kantons Bern, gestern auf Anfrage des «Bund» bestätigte. 2008 zählten die Biberfachleute kantonsweit 99 Reviere und 292 der bepelzten Nager. Heute geht man nun von 745 Tieren in 197 Revieren aus. Die Zahl der Biber kletterte somit gegenüber der Zählung von 2008 um über 250 Prozent hoch. Daran ändert wenig, dass während der Hochwasser des Frühsommers das eine oder andere Jungtier in die ewigen Jagdgründe abberufen worden sein dürfte.

Mehr Familien, weniger Singles

Bei genauerer Betrachtung lässt sich auch Neues zur heutigen Familienstruktur der bernischen Biber sagen. Inzwischen werden zwei Drittel der Reviere nicht nur von Einzeltieren oder Paaren bewohnt, sondern von ganzen Familien. Aus zoologischer Sicht heisst das: Diese Reviere haben gute Chancen, dauerhaft besiedelt zu bleiben. Laut Karin Thüler dokumentiert diese Entwicklung zweierlei: Einerseits zeigten die Biber eindrücklich, wie gut sie in der Lage seien, sich ihren Lebensraum zu gestalten. Anderseits belege die Entwicklung auch, dass eine wichtige Grundvoraussetzung für ihre Etablierung gegeben sei: «Der Zustand unserer Gewässer verbessert sich.»

Ausbreitung, nicht Verdichtung

Ist im Bernbiet bald ein nagendes Holzfällerheer am Werk, das über kurz oder lang das ganze Ufergehölz flachlegen und mit den daraus gebauten Dämmen weite Kulturlandflächen unter Wasser setzen wird? Karin Thüler winkt ab. Sie sagt, die gute Verdoppelung der Population habe keineswegs zu einer Verdoppelung der Schadensfälle geführt: «Die Zunahme ist minim geblieben.» Das unterstreicht auch Biberexperte Christof Angst, der im Auftrag des Bundes die schweizerische Biberfachstelle leitet.

Angst sagt, die Biberpopulation werde nicht wesentlich dichter, sondern breite sich flächig aus. So haben die Biber in der letzten Zählperiode den 2008 noch biberleeren Oberaargau entdeckt. Dort finden sie auch noch Expansionsgebiete. Als nicht wohnlich befunden haben die Tiere bislang Sense und Emme: Die Wasserwalzen, die dort nach Gewittern durch den Flusslauf donnern, mag der Biber überhaupt nicht leiden. In den Zuflüssen zu diesen beiden Flüssen ist ihm hingegen recht wohl.

Die Futterbasis entscheidet

Das Phänomen, dass sich die Biber zwar verbreiten, aber nicht verdichten, ist laut Biberexperte Angst leicht erklärbar: «Die Reviere definieren sich über die Nahrungsgrundlage.» Will heissen: Um dauerhaft gut leben zu können, brauchen Biberfamilien sehr grosse Reviere von einem bis mehreren Kilometern Uferlänge – und diese Reviere mögen sie nicht mit anderen teilen. Das heisst auch, dass die Biberpopulation nicht beliebig weiter wachsen wird. Christof Angst sagt: «Wir sehen bereits, wie das Wachstum abflacht.» Die Zahl der Tiere werde zwar noch weiter steigen, sich dann aber einpendeln.

Nagen führt zu Klagen

Absehbar ist, dass die neuen Zahlen der Diskussion Auftrieb geben werden, ob der Biberbestand – etwa im Interesse der Landwirtschaft – nicht reguliert werden müsste. Aus der Sicht der rabiateren Widersacher des Bibers hiesse das im Klartext: das geschützte Tier zu bejagen. Absehbar ist auch, dass die moderatere Forderung, wenigstens die Entschädigungsleistungen auszuweiten, neu aufgewärmt werden wird. Den Probelauf zu dieser Debatte hat der Nationalrat bereits hinter sich: Mit einer 2012 eingereichten Motion wollte die Freiburger Nationalrätin Valérie Piller (SP) erreichen, dass auch für die durch Biber verursachten Schäden an Infrastrukturen – etwa für von Bibern untergrabene und deshalb abrutschende Strassen – Entschädigungsgelder fliessen. Nur so könne «die grosse Beliebtheit des Bibers weiter verbessert werden». Der Vorstoss wurde letztes Jahr hochkant verworfen – vielleicht auch nur, weil er aus der politisch falschen Ecke kam. Auf jeden Fall erwägen Vertreter der Agrarwirtschaft, in einem neuen Anlauf einen ähnlich lautenden Vorstoss einzureichen.

15 Franken Schaden pro Tier

Um die weitere Debatte kompetent führen zu können, schadet ein geklärtes Bild über das Ausmass des Konfliktes zwischen dem Biber und der Forst- und Landwirtschaft sicher nicht. Heute belaufen sich die derzeit entschädigungspflichtigen Schäden an Wäldern und Kulturen pro Jahr landesweit auf knapp 50 000 Franken. Bund und Kantone entrichteten also in den Jahren 2013 und 2014 gemeinsam Entschädigungszahlungen von 15 Franken pro Biber. Biologe Angst spricht deshalb von einem «minimen Beitrag, der in maximalem Mass zur Artenvielfalt beiträgt».

Es gelte, nicht nur den Biber zu sehen, sondern dessen Einfluss auf den ganzen Lebensraum. Fliessgewässer werden durch den Biber so umgestaltet, dass sich Tierarten halten oder neu ansiedeln können, die in begradigten, ausgeräumten Flüssen keine Zukunft haben. Die Dämme der Biber wirken als Sedimentfänger. Und nach den Dämmen entstehen in den Fliessgewässern dadurch saubere Kiessohlen, die Kieslaichern wie der Forelle entgegenkommen. Nebst der Bedeutung für die Artenvielfalt gibt Angst zu bedenken, dass sich der Konflikt zwischen Biber und Mensch dort entschärft, wo Fliessgewässern genug Raum gewährt wird: «Man muss also in erster Linie dem Gewässerraum links und rechts ein bisschen mehr Platz zugestehen oder revitalisieren.»

Eingriffe am Damm

Auch ohne grosse prophetische Gabe lässt sich zudem sagen, dass die weitere Auseinandersetzung über den Nager nicht a priori zu einer Front zwischen Landwirten und Wildbiologen führen wird: Auch aufseiten der Naturschützer werden Grenzen genannt. So ist der Biber in der Lage, Flachmoore mit seltenen Orchideenarten zu fluten. In solchen Fällen sind auch aus naturschützerischer Sicht korrigierende Eingriffe angebracht – freilich nicht unbedingt mit dem Jagdgewehr, sondern durch regulierende Eingriffe am Biberdamm.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt