Der atheistische Pfarrer Hendrikse hat die Heiliggeistkirche gefüllt

Die Diskussion um Gottesbilder sei im Herzen der Kirche bei den Amtsträgern angekommen, sagt eine Theologin. Und eine Freidenkerin meint: Nun wäre die Zeit gekommen für eine zweite Reformation.

Was wie ein Witz klingt - ein Pfarrer glaubt nicht an Gott -, wird am Montagabend in der Heiliggeistkirche mit Klaas Hendrikse ernsthaft diskutiert.

Was wie ein Witz klingt - ein Pfarrer glaubt nicht an Gott -, wird am Montagabend in der Heiliggeistkirche mit Klaas Hendrikse ernsthaft diskutiert.

(Bild: Martin Lehmann)

Dölf Barben@DoelfBarben

eide erhielten ab und zu Szenenapplaus: der holländische Pfarrer Klaas Hendrikse, der sich als gläubigen Atheisten bezeichnet, und Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Beide diskutierten am Montag in der vollen Berner Heiliggeistkirche über Hendrikses Thesen (siehe Box links). Dabei schien Hendrikse insgesamt auf mehr Zustimmung zu stossen als Locher. Und ebenfalls bemerkenswert: Es kam weder zu Protestaktionen noch zu Tumulten.

Deutet diese Unaufgeregtheit darauf hin, dass tatsächlich ein grosser Teil der reformierten Kirchgänger eigentlich längst atheistisch denkt? Dass viele von ihnen Jesus nicht mehr als Vermittler für «etwas Jenseitiges» benötigen, wie das Reta Caspar ausdrückt, die Geschäftsführerin der Freidenker-Vereinigung Schweiz. Sie verweist dabei auf eine diesen Frühling durchgeführte repräsentative Befragung, wonach fast zwei Drittel der Mitglieder einer Landeskirche ohne spezielle Motivation dabei sind.

Doch was bedeutet es, wenn ein Pfarrer, der sagt, «ich kann nur an einen Gott glauben, den es nicht gibt», in einer Kirche auftritt – und nicht ausgepfiffen oder hinausgeworfen wird? Diese Frage dürften sich am Montag viele Zuhörerinnen und Zuhörer gestellt haben. Denn dies war schliesslich das Spezielle, wie es Gottfried Locher konstatierte: Atheismus sei ja nichts Neues, sagte er, neu sei aber die Konstellation, dass ein Pfarrer Aussagen mache, die sonst nur von Atheisten zu hören seien.

Die Fragen nach Gott und Gottesbildern seien schon uralt, sagt Irene Neubauer, katholische Theologin und Projektleiterin in der «Offenen Kirche» in der Heiliggeistkirche. «Nun aber ist diese Diskussion im Herzen der Kirchen bei den Amtsträgern und -trägerinnen angekommen», sagt sie am Tag nach der Veranstaltung. Diese war von der «Offenen Kirche» zusammen mit der Zeitschrift «reformiert.» organisiert worden.

«Debatte wäre extrem befreiend»

Seit mehreren Jahren verfolge sie die Atheismusdiskussion mit grossem Interesse, sagt Neubauer. Diese Debatte sei längst fällig – «und wenn sie nicht hier geführt werden kann, wo dann?» Spirituelles Wachstum sei nur dort möglich, wo Spannungen entstünden. Neubauer verweist auf Umfragen unter Pfarrern in Holland und Deutschland: Ein bemerkenswert grosser Teil bekunde grosse Mühe mit den traditionellen Gottesbildern und Glaubensinhalten. Viele von ihnen fänden aber den Mut nicht, wie Hendrikse zu ihren Zweifeln zu stehen, und hätten deshalb starke Spannungen auszuhalten. «Für sie könnte diese Debatte extrem befreiend sein.» Denn letztlich gehe es um Glaubwürdigkeit.

Neubauer, die als Pastoralassistentin selber solche Spannungen auszuhalten hatte, erachtet es als das Wichtigste, wegzukommen von der Entweder-oder-Logik – hin zum Sowohl-als-auch. Das hiesse aber keineswegs, Traditionen über Bord zu werfen und etwa auf Gebete wie das «Vater unser» zu verzichten. «Als Katholikin halte ich grosse Stücke auf die Tradition – die Frage ist, wie wir kreativ damit umgehen können.» Die offizielle Kirche spreche oft von einer Strukturkrise – «es ist aber eine Inhaltskrise», sagt sie. Und zweifellos seien die damit verbundenen Fragen für die Menschen von grossem Interesse. «Das hat man am Montag gesehen.» Seit jeher werde im Christentum sehr viel Wert darauf gelegt, «das Richtige zu glauben». Würde vermehrt «das Richtige tun» ins Zentrum gerückt, fänden wieder viel mehr Leute Platz in der Kirche.

Eine zweite Reformation nötig?

Aus einer etwas distanzierteren Perspektive kommt Freidenkerin Reta Caspar zu ähnlichen Schlüssen: Würde die reformierte Kirche gewissermassen eine zweite, radikalere Reformation durchführen und den Glauben an einen persönlichen Gott offiziell aufgeben, «könnte sie sich als Raum für Reflexion und als Ritual- und Wohltätigkeitsverein etablieren».

Angesichts der düsteren Aussicht, immer mehr Mitglieder zu verlieren, könnte dies aus Caspars Sicht eine Möglichkeit sein, den Exodus vielleicht etwas abzuschwächen. Eine Kirche gewissermassen über das Christentum hinaus zu reformieren, brauche aber viel Mut. «Es ist eine Herkulesaufgabe, die Reformation weiterzutreiben.» Der «Offenen Kirche» gratuliert Caspar, Hendrikse eingeladen und mit dieser Diskussion einen Anfang ermöglicht zu haben. Aus ihrer Sicht sei der Holländer ein Pfarrer, der diese Transformation an sich selber bereits geschafft habe.

Der Bund

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