Denkmal auf Helvetiaplatz steht im Weg

Das Vorgehen der Stadt bei der Umgestaltung des Helvetiaplatzes sorgt im Quartier für Kritik. Diese erteile «eine Art Denkverbot».

Ein Denkmal, Autos, Tramschienen und Busse: Die Platzverhältnisse auf dem Helvetiaplatz sind eng. Im Hintergrund das Bernische Historische Museum.

Ein Denkmal, Autos, Tramschienen und Busse: Die Platzverhältnisse auf dem Helvetiaplatz sind eng. Im Hintergrund das Bernische Historische Museum. Bild: Adrian Moser

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Es wirkte in der wenig mondänen Stadt Bern schon immer etwas deplatziert. Zu monumental ist die Bauweise des Welttelegrafendenkmals, zu pathetisch seine Bronzefiguren, zu unbescheiden die grossen Brunnen. Seit 95 Jahren steht das Kunstobjekt unverrückbar mitten auf dem Helvetiaplatz. Doch nun möchten es manche versetzen – an den Rand des Platzes oder gar an einen anderen Ort in der Stadt.

Dass die Idee gerade jetzt aufkommt, ist kein Zufall: Der Helvetiaplatz soll nach einem halben Jahrhundert erstmals umgestaltet werden. Das massive, rund 20 mal 20 Meter grosse Denkmal steht im Weg und verunmöglicht unter Umständen den grossen planerischen Wurf. Das fanden zumindest Teilnehmer des Workshops, den die Stadt im Juli im Rahmen der Mitwirkung veranstaltet hatte.

Eingeladen waren nebst der Quartierkommission auch Interessengruppen, Grundeigentümer und die am Platz ansässigen Museen. Das Ergebnis soll zusammen mit einer Nutzungsanalyse als Basis für die Ausschreibung des noch ausstehenden Architekturwettbewerbs dienen.

Enttäuschte Hoffnungen

Im Historischen Museum hat man mit einer möglichen Verlegung des Brunnens geliebäugelt. «Das würde dem Platz Weite geben», sagt Luc Mentha, Stiftungsratspräsident der Institution. Schliesslich soll der Platz dereinst dem neuen Museumsquartier als Eingangspforte dienen. Auch bei den Quartiervertretern kam die Idee der Verlegung gut an.

Viel Strassenraum, keine Pflanzen: Das ist der Helvetiaplatz heute. Foto: zvg

Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht. Vor zwei Wochen, am zweiten und letzten Workshop, machten die Vertreter der Stadt klar: Eine Verlegung des Denkmals, wie es in Bern bereits an anderen Orten geschehen ist, kommt nicht infrage. Laut einer am Projekt direkt beteiligten Person ist dafür neben den hohen Kosten für die Verschiebung auch der Denkmalschutz verantwortlich. Das Welttelegrafendenkmal ist zwar nicht geschützt. Es ist aber Teil des inventarisierten Bauensembles, das den Platz mit vielen der ihn umgebenden Gebäuden bildet.

Im Register der Denkmalpflege ist das «kolossale Denkmal» nur am Rande erwähnt. Es sei weniger «charmant» als die «gusseisernen Trinkbrünnchen» beim Historischen Museum. Die wenig schmeichelhaften Worte ändern am Verdikt nichts – der Brunnen darf nicht versetzt werden. Die Gründe dafür sind nicht bekannt – die städtische Denkmalpflege hat mehrere Anfragen unbeantwortet gelassen.

«Die Brünnchen vor dem Museum sind wesentlich charmanter.»Denkmalpflege zum Welttelegrafendenkmal

Beim Stadtplanungsamt will man das Denkmal aufgrund der Rückmeldungen aus den Workshops «besser in den Platz integrieren und zum Treffpunkt und Spielplatz für Wasserspiele» machen. Im Historischen Museum könnte man sich mit einer solchen Lösung abfinden, wie Präsident Mentha sagt.

«Versetzung darf kein Tabu sein»

Das Vorgehen stört dagegen Sabine Schärrer, Architektin und Geschäftsführerin der Quartierkommission Qua4. «Da wird eine Art Denkverbot auferlegt.» Weil neben dem Denkmal auch die Strassenführung recht fix vorgegeben sei und an der Linienführung von Bus und Tram nichts geändert werden dürfe, sei der kreative und planerische Spielraum gering. «So macht ein Architekturwettbewerb wenig Sinn.» Es genüge nicht, einfach wie geplant die Parkplätze aufzulösen. Bei Strasse und ÖV erkennt Schärrer «gewisse Zwänge», die gegen eine Verlegung sprechen. Deshalb dürfe ein Versetzen des Denkmals zumindest im Planungsprozess kein Tabu sein.

Schärrer regt an, vor dem Architekturwettbewerb mit seinen klaren Vorgaben einen offenen Ideenwettbewerb durchzuführen. So könnten auch unkonventionelle Ideen geprüft werden. Nur so sei ein gutes Endresultat zu gewährleisten. Ein solches sei nach dem jahrzehntelangen Vorlauf Pflicht.

Für Schärrer soll der Platz auch aufgrund der Aufwertung des Museumsquartiers künftig stärker die Funktion eines Stadtplatzes übernehmen – statt wie bisher den eines Quartierplatzes. Anderer Meinung ist Anna Schafroth, Präsidentin des Quartierleists Kirchenfeld-Brunnadern. Der sanft umgestaltete Platz müsse in erster Linie den Bedürfnissen des Quartiers entsprechen. Sie setzt sich auch explizit für den Erhalt des Brunnens an seiner jetzigen Stelle ein. «Das wunderbare Denkmal muss erhalten bleiben.» (Der Bund)

Erstellt: 05.10.2017, 06:55 Uhr

Geschichte des Welttelegrafendenkmals

Wäre es nach der Stadt Bern gegangen, befände sich das Welttelegrafendenkmal am Viktoriaplatz. Doch der Bundesrat bevorzugte den Helvetiaplatz. Die Landesregierung war 1908 von der internationalen Telegrafenkonferenz mit dem Erstellen des Bauwerks beauftragt worden. Die Telegrafenkonferenz, die den weltweiten Fernschreiberdienst regelte, wollte mit dem Bauwerk ihr 50-jähriges Bestehen feiern. Sitz der Organisation war Paris.

Die Franzosen schlugen aber Bern als Standort für das Denkmal vor. In einem geheimen Brief beauftragte der Bund in der Folge seine Botschafter, «sich auf vertrauliche Weise» nach Jurymitgliedern umzusehen. Die Jury war kritisch: Im ersten Durchgang fielen alle 92 Arbeiten durch. Im zweiten gingen dann gar 105 Vorschläge ein. Das Siegerprojekt kam vom Bildhauer Giuseppe Romagnoli aus Bologna. Doch auch sein Projekt gefiel nicht allen. Auch dem Historischen Museum nicht. Gleichwohl wurde es in der Folge vor dessen Tür erstellt und 1922 eingeweiht.

Museumsquartier: Berlin und Wien als Vorbild

Bern soll ein Museumsquartier bekommen. Dies nach dem Vorbild von Grossstädten wie Berlin oder Wien. Das haben der Kanton, die Stadt und die Burgergemeinde – sie ist Mitträgerin des Historischen und Trägerin des Naturhistorischen Museums – im Frühling beschlossen. Die Resultate der damals in Auftrag gegebenen Studie soll laut Projektleiter Christophe von Werdt Ende Monat vorliegen.

Geplant ist zum einen die Umnutzung der Parkplatzbrache zwischen dem Museum für Kommunikation und den beiden historischen Museen. Die Häuser wollen aber auch organisatorisch zusammenrücken. Ins Konzept des geplanten Museumsquartiers sind auch das Alpine Museum, die Kunsthalle und das Yehudi-Menuhin-Forum integriert, die sich am anderen Ende des Helvetiaplatzes befinden. Der Platz wurde im Frühling als «Eingangstor» des Museumsquartiers bezeichnet. Die Planung wird mit jener des Platzprojekts abgestimmt. Gemäss Projektleiter von Werdt klappt dies bisher gut.

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