Den Schwarzen kontrollieren

Racial Profiling ist nicht nur für die Betroffenen verletzend, es verfälscht auch die Kriminalitätsstatistik. Böser Wille ist aber selten der Grund, wenn Polizisten gezielt dunkelhäutige Personen durchsuchen.

Auch wenn er nicht alleine auf dem Perron steht: Oftmals ist es Mohamed Wa Baile, der von der Polizei herausgepickt und kontrolliert wird.

Auch wenn er nicht alleine auf dem Perron steht: Oftmals ist es Mohamed Wa Baile, der von der Polizei herausgepickt und kontrolliert wird. Bild: Manu Friederich

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Mohamed Wa Baile verkauft keine Drogen. Der gebürtige Kenianer hat an der Universität Freiburg Englische Literatur und an der Universität Bern Islamwissenschaften studiert. Aktuell arbeitet er als Dokumentarist an der ETH Zürich. Doch dies spielt kaum eine Rolle. Wer ihm auf der Strasse begegnet, sieht keinen Akademiker, sondern einen Dunkelhäutigen und damit einen potenziell Kriminellen.

Das hat gewisse Nebenwirkungen: «Ich wurde innerhalb eines Jahres mehr als fünfmal von der Polizei kontrolliert», sagt der 41-Jährige: am Bahnhof, im Zug, als er sein Kind in der Kita im Mattequartier abholen wollte, als er in der Zentralbibliothek Bücher auslieh oder als er in Zürich ein Konzert besuchen wollte. Immer standen ein paar Polizisten herum, die den Inhalt seiner Taschen und den Ausweis sehen wollten.

War es Zufall oder das Ergebnis von Racial Profiling, also dem gezielten Kontrollieren aufgrund der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe? Für Wa Baile ist offensichtlich, dass die Kontrollen nur aufgrund seiner dunklen Hautfarbe stattfinden. «Fast alle dunkelhäutigen Personen die ich kenne, müssen regelmässig Polizeikontrollen über sich ergehen lassen.»

Offiziell ist Racial Profiling in der Schweiz verboten. Dass es dennoch geschieht, darüber herrscht weitgehend ­Einigkeit. Nur: Im Einzelfall ist es schwierig nachzuweisen, ob eine Person allein wegen der Hautfarbe kontrolliert wurde oder ob sie sich nicht doch verdächtig verhalten hatte. Und Zahlen aus der Schweiz oder dem restlichen Europa existieren kaum. Dragan Ilić, ein Wirtschaftswissenschaftler der Uni Basel, der sich intensiv mit Racial Profiling beschäftigt, arbeitet deshalb mit Daten aus den USA. «Dunkelhäutige werden rund dreimal häufiger durchsucht als ­Hellhäutige», sagt er. In Gegenden, in denen es wie in der Schweiz nur wenige Dunkelhäutige habe, sei diese Zahl aber noch viel höher.

Post-Uniform hilft gegen Kontrollen

Für Betroffene ist das hoch problematisch. «Es ist sehr verletzend», sagt Wa Baile. Gerade wenn im öffentlichen Raum kontrolliert werde, fühle es sich wie ein Blossstellung an. «Die Passanten denken dann, dass ich kriminell bin.» Viele Dunkelhäutige, die er kenne, hätten regelrechte Strategien entwickelt, um den ständigen Kontrollen zu entgehen. «Ein Bekannter verlässt das Haus nur noch in einer Post-Uniform, obwohl er gar nicht bei der Post arbeitet.» Andere zögen sich betont chic an. Wa Baile sieht aber auch eine Problematik des Racial Profilings, die über die Einzelschicksale hinausgeht. Wer häufig grundlos kontrolliert werde, empfinde die Polizei und damit das Gesetz, für das die Polizei doch einstehe, irgendeinmal als potenziellen Feind. «Wer sich ausgegrenzt fühlt, wird eher kriminell.»

Die traditionelle Wirtschaftsanalyse behaupte das Gegenteil, sagt Ilić. «Ständige Kontrollen führen aus dieser Perspektive dazu, dass mögliche Delinquenten sich an das Gesetz halten, weil sie das Risiko, ertappt zu werden, als hoch einstufen.» Allerdings gebe es Hinweise, dass Wa Baile recht haben könnte: «Wer sich gebrandmarkt fühlt, handelt vielleicht aus Ablehnung oder Verbitterung genauso, wie er nicht sollte.» Trotz der negativen Konsequenzen für Unbescholtene: Ist es nicht sinnvoll, wenn Dunkelhäutige öfter kontrolliert werden als Schweizer? Schliesslich zeigen die Kriminalitätsstatistiken, dass Ausländer häufiger Delikte begehen als Schweizer. Wa Baile hat Verständnis für die Frage. «Ich stelle aber die Statistik infrage», sagt er. Denn es sei nicht überraschend, dass Ausländer in den Gefängnissen überrepräsentiert seien, wenn diese auch häufiger durchsucht werden. Mit anderen Worten: Wenn man als Weisser nie kontrolliert wird, kann einem auch kein Delikt nachgewiesen werden.

Auch in diesem Punkt erhält er Sukkurs von Ilić. Die Zahlen aus den USA zeigten, dass die «Erfolgsquote» der Kontrollen Dunkelhäutiger nicht höher sei als jene der Kontrollen Hellhäutiger. «Kriminalitätsstatistiken sagen mehr über Polizeiarbeit als über die Verteilung von Kriminalität nach ethnischer Zugehörigkeit.» Doch wenn Racial Profiling diskriminierend, aber wenig zielführend ist, wieso wird es dann angewendet? Laut Wa Baile geschieht dies weniger aus bösem Willen der Polizisten denn aus Vorurteilen. Und das sei keine exklusive ­Eigenschaft der Polizei. «Ich selber bin genauso voller Vorurteile.»

Für Wirtschaftswissenschaftler Ilić hat Racial Profiling sogar einen rationalen Hintergrund. Dunkelhäutige verfügten in den USA im Schnitt über eine schlechtere Bildung und geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sagt er. «Wer wenig zu verlieren hat, driftet eher in die ­Kriminalität ab.» Das wäre ebenfalls ein Erklärungs­ansatz, wieso Dunkelhäutige öfter kontrolliert werden. «Es ist aber auch nicht auszuschliessen, dass in Einzelfällen Boshaftigkeit der Polizisten mitspielt.»

Kapo Bern mit gutem Zeugnis

Bei der Kantonspolizei Bern kennt man sich mit Racial Profiling aus. «Wir nehmen das Thema sehr ernst», heisst es auf Anfrage. So würden die Mitarbeitenden in Aus- und Weiterbildungen diesbezüglich sensibilisiert. Zudem stehe man etwa mit dem Swiss African Forum (SAF) in regelmässigem Austausch. Zusammen mit dem SAF und anderen Organisa­tionen habe man schon 2013 einen Flyer über die Rechte und Pflichten bei Personenkontrollen erarbeitet.

Laut Denise Graf von Amnesty Schweiz sind das keine leeren Floskeln. «Die Kantonspolizei Bern setzt sich mit dem Thema ernsthaft auseinander», sagt sie. Das zeige Wirkung. «Es gibt heute markant weniger Beschwerden gegen die bernische Polizei, als es noch vor zehn Jahren der Fall war.» Weitere Verbesserungen würde sich Graf erhoffen, wenn die Polizei vermehrt Polizisten mit dunkler Hautfarbe ins Corps aufnähme.

Wa Baile versucht, in der ­Bevölkerung Vorurteile abzubauen. Seine Erfahrungen hat er in einem Theaterstück verarbeitet, dass an der Tour de Lorraine aufgeführt wird. «Nur Jammern und die Polizei kritisieren bringt nichts», sagt er. Sicherheit sei wichtig, und die Polizei müsse ihre Arbeit tun. Es ergebe aber keinen Sinn, alle Dunkelhäutigen in einen Topf zu werfen. «Man darf nicht vergessen, dass die meisten Dunkelhäutigen nicht kriminell sind.»

Wa Bailes Theater «Mohrenkopf im Weissenhof» wird heute Abend, 20 Uhr, im Tojo, dem Theater der Reitschule, aufgeführt. Die Veranstaltung ist Teil der Tour de Lorraine. (Der Bund)

Erstellt: 23.01.2016, 18:22 Uhr

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