Den Bilingue-Trumpf besser nutzen

Der Kanton Bern vernachlässigt die Zweisprachigkeit. Die Hauptstadt braucht welsche Gymnasialklassen.

Eine Schülerin schreibt am Gymnasium Neufeld einen Aufsatz. (Symbolbild)

Eine Schülerin schreibt am Gymnasium Neufeld einen Aufsatz. (Symbolbild) Bild: Valérie Chételat

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Die Malaise rund um Moutier lähmt schon zu lange die Entwicklung der Region. Unabhängig vom Ausgang des Rechtsstreits um die Kantonszugehörigkeit sind Perspektiven für den Berner Jura zu entwickeln. Jeglicher Ansatz muss sich auf die Zweisprachigkeit stützen. Grund genug, deren heutige Bedeutung zu beleuchten.

Mit dem Bundesbeitritt 1815 der Kantone Genf, Neuenburg und Wallis wurde unser Land zum Mehrsprachenstaat und Bern zum Brückenkanton. Lange wurde die Mehrsprachigkeit gelebt. So tauchte die junge Generation ins andere Sprachgebiet ein, sei es über Au-pair-Aufenthalte, Armeeaufgebote oder Welschlandjahre für junge Landwirte. Heute ist es anders: Aufenthalte in der Romandie sind nicht mehr in Mode. Die Präsenz der anderen Landessprache im Alltag nimmt rapide ab. Der Vormarsch des Dialekts grenzt Lateiner aus. Die Sprachausbildung wurde in den letzten Jahren vernachlässigt. Noch vor wenigen Jahren wollte selbst der Kanton Bern die Französisch-Matur um ein Jahr vorverlegen und damit abwerten.

Eine gewisse Gleichgültigkeit macht sich breit. Teile der Bevölkerung neigen zu «only english», ganz augenfällig in den Hochschulen. Mit der Vormachtstellung des Englischen darf aber nicht ein Bedeutungsverlust für Landessprachen einhergehen. Kids sollen nicht lernen, dass die Kenntnis der lokalen Kultur irrelevant sei. Sonst fehlt das Verständnis füreinander, und die zentrifugalen Kräfte nehmen zu. Das Erfolgsgeheimnis der Schweiz ist es, Unterschiede anzuerkennen, nicht zu unterdrücken. Eine solche Kultur will erlernt sein – das geschieht auch über die Mehrsprachigkeit.

Und was tut der Kanton Bern? Er ist nicht der Brückenkanton par excellence, als den er sich gerne sieht. Ein echter Brückenkanton würde dafür sorgen, dass seine Schüler zweisprachig sind. Das ist heute nicht der Fall. Dabei wäre die Basis da, die Rolle des Brückenkantons voll zu spielen. Die Berner Netzwerke reichen in alle Richtungen, gerade auch in die Westschweiz. Für den Kanton ist die Zweisprachigkeit ein Identitätsmerkmal und ein Trumpf. Richtig eingesetzt, könnte sie ein Magnet sein. Darum haben einst die Westschweizer Kantone die Stadt Bern unisono zur Bundesstadt erkoren.

Genau deshalb steht Bern als Hauptstadt auch in der Pflicht, mehr zu tun. Heute verlassen viele Westschweizer, die für Bund, Swisscom, SBB oder Post nach Bern gezogen sind, die Stadt wieder – weil ihre Kinder die Schulausbildung nicht auf Französisch abschliessen können. Es gibt in Bern keine welschen Gymnasialklassen.

Es braucht Massnahmen zur Pflege der Zweisprachigkeit. Hier sind neue Wege zu gehen, weil die alten nicht mehr wirken. So hat es nur wenige zweisprachige Schulen im Kanton Bern, und das Angebot an Zusatzlektionen in der zweiten Sprache ist bescheiden. Der Schüleraustausch ist, was dessen Umfang betrifft, kein Vorzeigeobjekt. Dieser müsste obligatorisch in den Fremdsprachenplan integriert sein. Die klassische Schulreise müsste hie und da zum Austauschtag mit einer Partnerklasse in der Westschweiz werden. Hoffnung macht die Stadt Bern, die – stark vom Kanton unterstützt – bald komplett zweisprachige Klassen führen wird.

Der Kanton Bern ist gut beraten, eine Zweisprachigkeitsstrategie mitsamt Gesetz zu entwickeln. Das Alleinstellungsmerkmal der Zweisprachigkeit ist in der Standortförderung zu priorisieren. Im Alltag ist die Präsenz der zweiten Sprache zu forcieren, etwa mit Strassennamen, Beschilderungen von touristischen Zielen und zweisprachigen Museen. Weiter braucht es Träger der Mehrsprachigkeit, so wäre etwa der Lehreraustausch über die Sprachgrenze zu fördern. Rund um Bern bieten Bund und Bundesunternehmen eine immense Anzahl Arbeitsplätze an, Lateiner kommen gerade deshalb nach Bern. Aber die Integrationsbemühungen auf Stufe Stadt sind zu bescheiden.

Im Lichte der Ungewissheit im Berner Jura gewinnt der vom Regierungsrat in Auftrag gegebene Expertenbericht zur Zweisprachigkeit im ganzen Kanton, der nächsten Montag veröffentlicht wird, an Bedeutung. Nun ist ein analoger Expertenbericht zur Zukunft des Berner Jura ins Auge zu fassen, um das Treten an Ort zu überwinden. Der Berner Jura verdient unsere Aufmerksamkeit. Die Sprache bildet dabei die Brücke. Der Willenskanton Bern muss aber wollen.

Der Autor ist designierter Präsident der Vereinigung Bern bilingue. Von 2013 bis 2016 führte er als Gemeinderat die Finanzdirektion der Stadt Bern. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2018, 08:41 Uhr

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