Dem Kies geht es an den Kragen

Mit der Winteridylle an der Aare ist es vorbei: Im Schwellenmätteli entfernen Bagger seit dieser Woche tonnenweise Sand und Kies.

Im Berner Schwellenmätteli werden 50'000 Kubikmeter Kies ausgebaggert. So soll die Aare bei einem Hochwasser genügend Raum haben.

Im Berner Schwellenmätteli werden 50'000 Kubikmeter Kies ausgebaggert. So soll die Aare bei einem Hochwasser genügend Raum haben.

(Bild: Valérie Chételat)

Adrian Müller@mueller_adrian

Nicht nur Touristen schauen in diesen Tagen gebannt von der Berner Kirchenfeldbrücke ins Schwellenmätteli: «Schau, es entsteht ein neuer Aarekanal», sagt ein Vater zu seinem Sohn, der mit grossen Augen am Geländer der Hochbrücke steht. Zwei Bagger und ein Bulldozer schaufeln ununterbrochen Kies, Sand und Gesteinsbrocken aus der Aare. Im Minutentakt fahren Lastwagen auf den künstlich angelegten Installationsplatz und karren tonnenweise Kies weg.

Grenze überschritten

In der Tat nimmt die Aare im Schwellenmätteli einen ungewohnten Verlauf. Meterhohe Kiesdämme leiten den Fluss um den eigentlichen Baggerbereich herum. «Damit trübt sich das Wasser möglichst wenig ein, was die Fischbestände schützt», sagt Thomas Wüthrich, Wasserbauingenieur beim Tiefbauamt des Kantons Bern.

Insgesamt entnehmen die Bagger der Aare bis Mitte März 50'000 Kubikmeter Geschiebe, welches sich seit der letzten Kiesentnahme vor drei Jahren im Schwellenmätteli angesammelt hat. 2014 blieb laut Wüthrich wegen des lang anhaltenden Hochwassers besonders viel Geschiebe im «Schweller» hängen. Die Menge Kies hat die festgelegte «Interventionslinie» überschritten, weshalb heuer wieder die Bagger aufgefahren sind. Sodass die Aare beim nächsten Hochwasser wieder genug Platz hat, möglichst schadlos abzufliessen.

Die Aushubarbeiten kosten rund 600'000 Franken. Der Ertrag, welcher der Verkauf des Geschiebes einbringt, ist dabei schon einkalkuliert. Wegen des tiefen Wasserpegels gestalten sich die Aushubarbeiten dieses Jahr einfacher als vor drei Jahren. Damals schwemmte das ungewohnt viele Wasser die im Vorfeld angelegten Aaredämme weg. Damit nicht genug: Beim Ausbaggern geriet 2013 ein Bagger zu weit in die Aare. Der Fahrer musste mit einem Bulldozer aus seiner misslichen Lage gerettet werden.

Beim Wylerholz fehlt Geröll

Nicht alles Kies landet aber in einer der zahlreichen Deponien. Ein kleiner Teil des Geschiebes wird beim Wylerholz zurück in die Aare gekippt. «Unterhalb des Engestauwehrs fehlt es an Kies», sagt Wüthrich. Dies weil der Damm Gestein zurückhalte und beim Bau der Stadtautobahn der Aare viel Gestein entnommen worden sei. «Man muss der Natur Dynamik zurückgeben.» Die Kiesrückgaben sollen die Flusssohle der Aare stabilisieren und die Lebensräume für Fische und andere Wassertiere verbessern.

Unterhalb der Tiefenaubrücke wird ebenfalls zusätzliches Kies in den Fluss gekippt, um den Lebensraum der Aare aufzuwerten. Aber woher stammt eigentlich das ganze Kies, welches sich im Schwellenmätteli ansammelt? Entgegen einer weit verbreiteten Meinung stammt nur ein kleiner Teil der Kiesmenge im «Schweller» direkt von den Flüssen Zulg oder Rotache. «Die Aare gräbt sich selber ab», erklärt Wasserbauingenieur Wüthrich. In den letzten 40 Jahren habe sich der Fluss im Aaretal um bis zu 40 Zentimeter «abgetieft». Weil unzählige Verbauungen den Fluss einengten, suche sich die Kraft der Aare halt den Weg in die Tiefe.

Breiter Fluss stoppt Erosion

Der Kanton will mit der etappenweisen Renaturierung der Aare zwischen Bern und Thun Gegensteuer geben. Ob in Rubigen, Belp oder Muri, die Aare hat in den letzten Jahren wieder mehr Raum erhalten. «Indem wir das Flussbett ausweiten, kann die Erosion gestoppt werden», führt Wüthrich aus. Das Jahrhundertprojekt «Aarwasser» soll weiter vor Überschwemmungen schützen und das Ufer für Freizeitaktivitäten aufwerten. Das Projekt sieht etwa vor, in Uttigen oder auch Kiesen den Fluss zu verbreitern. Derzeit sind die Arbeiten aber wegen rechtlicher Probleme bis auf Weiteres sistiert.

Der Bund

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