Das Weinwunder

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler wundert sich über den anwachsenden Weinbestand im Keller.

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Markus Dütschler

Jahresend-Zecher werfen nun wieder in rauen Mengen grüne und braune Flaschen in die Container. Weniger die weissen, denn im Weissglas hat es meist Konfitüre oder alkoholfreie Getränke. Die Entsorgungs­behörde weiss das aus Erfahrung, weshalb man vor Silvester die Kehrichtwagen zirkulieren sah, welche die Behältnisse leerten, damit der Entsorgungsbürger im neuen Jahr nicht vor einem übervollen Container steht. Ist dies nämlich der Fall, hält sich der ach so korrekte Homo recyclicus für berechtigt, die Überreste seines Gelages auf dem Container zu deponieren. Was bloss sollen die Mannen des Tiefbauamts der Stadt Bern damit anstellen? Ich frag ja nur.

Apropos Weinflaschen: Das erste Wunder, von dem die Bibel berichtet, trug sich in Kana zu. Es spielte sich an einer Hochzeit ab. Heute ist dieses Kfar Kana ein staubiges Kaff, in dem ältere Männer auf weissen Monobloc-Stühlen die Zeit totschlagen. Damals, an der Hochzeit, ging der Wein aus, was oberpeinlich für die Gastgeber war. Wahrscheinlich kamen, wie im Orient üblich, viel mehr Leute als geschätzt. Jesus, von seiner Mutter sanft manipuliert, was ihn zuerst verärgerte, verwandelte dann Krüge voller Wasser in Wein. Dieser Tropfen schmeckte nach Meinung des Sommeliers besser als der erste, obwohl man angetrunkenen Gästen auch minderwertigen Rebensaft unterjubeln kann, ohne dass sie es merken.

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Solche Weinwunder passieren auch heute noch. Und das geht so. Man lädt einige Freunde ein. Der Gang in den Keller belehrt einen, dass der Weinbestand ziemlich gross ist, was man bei der letzten Züglete schmerzlich erfahren musste, als man die fragile Tranksame höchstselbst schachtelweise die Treppen hinauf- und hinabbuckelte. Nun würden die Gäste hoffentlich dem Wein ordentlich zusprechen und so als Nebeneffekt für eine markante Verringerung des grossen Vorrats sorgen.

Sie trinken aber massvoll, oft auch wegen des Heimwegs im Auto, was man nur befürworten kann. Und selbst wenn sie nicht kleinlich zugreifen, stellt man am Schluss des gemütlichen Abends fest, dass sich per Saldo der Weinbestand eher noch erhöht hat: Fast jeder und jede hat als Mitbringsel selber eine gute Flasche mitgebracht, sodass sich im Keller die kleinste klaffende Weinlücke wieder mehr als geschlossen hat.

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Das erinnert an das sinnverwandte Thema des Flaschenpfands, das ebenfalls wahre Wunder bewirkt, wiewohl Weinflaschen bei uns meistens ohne Pfand abgegeben werden – und deshalb im Container landen. Das rätselhafte Wesen des Flaschenpfands hat ein Moskauer Schriftsteller auf sehr vergnügliche Weise beschrieben. Es grenze an ein Wunder, schreibt er, wenn ein russischer Trinker Säcke voller leerer Flaschen zum Wodka-Kiosk zurückschaffe, wo sie sich wieder in volle verwan­delten. Der Vorgang erschien ihm als mirakulöses Aushebeln gängiger ökonomischer Gesetze. Als er eines Tages die gestrenge Kiosk­frau, nun schrill aufgebretzelt, in einen Pelzmantel gekleidet und schweren Schmuck tragend, in der Halle des Bolschoi-Theaters im Gespräch mit den Grosskopfeten der Stadt sichtete, wurde ihm erst so richtig klar, wie gross das Wunder des Flaschenpfands sein musste.

P«Bund»-Redaktor Markus Dütschler will keineswegs den Eindruck erwecken, als möge er Wein als Geschenk nicht. Er denkt aber schon an den nächsten Umzug.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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