Das Tram hat 
Bern-West in die Stadt integriert

Bern steht vor einer heissen Tram-Abstimmung. Höchste Zeit, das letzte Tram-Projekt zu beleuchten.

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Adrian Müller@mueller_adrian

Als eine Mutter mit ihrem Kind um 15 Uhr beim Loryplatz in das Bümp­liz-Tram einsteigt, ist die Combino-Strassenbahn schon fast voll besetzt. Eine Frau mit Kopftuch liest ein arabisches Buch. Afrikanische Teenager testen neue Handy-Klingeltöne, als das Tram an der Baustelle des Hauses der Religionen vorbeifährt. Schon nach wenigen Fahrminuten ist klar: Bern-West bleibt auch mit Tram das Multikulti-Quartier der Bundesstadt. Doch wie haben sich Bümpliz und Bethlehem seit der Eröffnung der neuen, 153 Millionen Franken teuren Tramlinien 7 und 8 im Dezember 2010 tatsächlich verändert? Eine Spurensuche.

Bümpliz näher beim Zytglogge

Der frühere SP-Stadtrat Heinz Junker hat 1986 mit einem Vorstoss das damalige «Tram Bümpliz-Riedbach» erst ins Rollen gebracht. 28 Jahre und vier Volks­abstimmungen später ist er zufrieden mit dem Ergebnis. «Im Tram ist das Gedränge viel kleiner als früher im ruckeligen Bus.» Die Strassenbahn sei durch die ruhige Fahrweise nicht nur viel komfortabler, das Projekt habe auch das Stadtbild positiv verändert. Als Beispiel nennt er die Verschiebung des Dorf­brunnens in Bümpliz, der früher eine vom Verkehr umbrauste Insel war. «Heute spielen Kinder im Brunnen, das ist doch toll», frohlockt Junker. Im Bienzgut vis-à-vis hat die Stiftung B ihre Büros, die sich «die Förderung der gesellschaftlichen Identität» von Bern-West auf die Fahnen geschrieben hat. Für Geschäftsführer Hans Stucki hat das Tram Bern- West ­einen tief greifenden Wandel im einst verschmähten Arbeiterquartier ein­geläutet: «Der dörfliche Charakter weicht urbanem Lebensgefühl.» Erst das Tram habe Bümpliz-Bethlehem in die Stadt Bern ­integriert. Elementar sei die Anbindung an die Innenstadt. «Heute können wir mit dem Niederflurtram ­direkt bis zum Zytglogge fahren, während wir früher beim Bahnhof mühsam umsteigen ­mussten.»

Tram bringt Passagierboom

Die bessere Verknüpfung mit dem Stadtzentrum wirkt sich unmittelbar auf die Passagierzahlen von Bernmobil aus. Diese sind massiv angestiegen. Die Buslinie 13 Bahnhof–Bümpliz benützten 2009 total 5 Millionen Passagiere. 2013 fuhren bereits 5,9 Millionen Leute mit der Tramlinie 7 vom Bahnhof nach Bümp­liz. Einen regelrechten Sprung zu verzeichnen gibt es auf der Linie 14: Fuhren 2009 5,7 Millionen Passagiere mit dem Gelenkbus nach Brünnen, transportierte das Tram 8 2013 zwischen Bahnhof und Brünnen-Westside 8,2 Millionen ÖV-Benützer – ein Anstieg von 43 Prozent in vier Jahren! Warum sind die Zahlen so stark angestiegen? Bernmobil-Sprecher Rolf Meyer erklärt: «Das neue Quartier Brünnen-Westside bringt sicher zusätzliche Passagiere. Das Tram verkehrt im Gegensatz zu den ehemaligen Buslinien als Durchmesserlinie und bedient die Haltestelle Hirschengraben. Daneben spüren wir aber sicher auch einen gewissen Tram-Effekt.» Es sei aber auch zu beachten, dass etwa die Linien 3 und 6 zugunsten des Trams Bern- West Passagiere verloren hätten. Laut einer Studie der Stadt sind seit der Inbetriebnahme der neuen Tramlinie viele Pendler vom Auto aufs Tram umgestiegen. Beim Weyermannshaus nahm der Autoverkehr zwischen 2007 und 2011 um 7 Prozent ab. Beim ÖV (Tram, BLS/Postauto) nahmen die Fahrgastzahlen um 23 Prozent zu. «Eine so grosse Umverteilung haben wir nicht erwartet», sagt Urs Gloor, Leiter Verkehrsplanung der Stadt Bern.

Schmerzhafte Taktreduktion

Seit April 2013 fahren die Linien 7 und 8 wegen Budgetkürzungen tagsüber nur noch im 7,5-Minuten-Takt und nicht mehr wie in den Stosszeiten alle 6 Minuten. Dies stört den früheren Stapi Klaus Baumgartner, in dessen Amtszeit das Tramprojekt aufgegleist worden ist. ­«Einige Bümplizer fühlen sich wieder als die ‹Bschissne›, die den Sparbefehl ausbaden müssen.» Durch die geringere Frequenz und die kürzeren Fahrzeuge sei das Tram teils bereits im Bachmätteli fast voll, sagt Baumgartner, der in Oberbottigen lebt. Die Bümplizer waren lange ganz und gar keine Tramfans (siehe Interview unten rechts) und haben in Abstimmungen das Projekt mehrmals abgelehnt. So auch Domenico Gottardi, Inhaber der gleichnamigen Druckerei. «Ich hielt das Tram damals für ein Prestigeobjekt, das zu viel kostet. Heute wäre ich nicht mehr halb so aufgeregt.» Von den damals versprochenen Impulsen für das Gewerbe spüre er hingegen nichts. «Mein Laden läuft gleich wie vorher.»

Brünnenquartier als Zankapfel

Zurück im Tram. Mit viel Zug fahren wir durch die Waldmannstrasse, die Hochhäuser sehen aus wie eh und je. Erst am Le-Corbusier-Platz wird der Wandel in Bern-West greifbar: Kräne ziehen Appart­menthäuser in die Höhe, der verschachtelte Prestige-Wohnblock «On Deck» könnte ebenso im Trendquartier von San Francisco stehen. Der frühere Berner Stadtplaner Jürg Sulzer hat den Bau als «Spektakelarchitektur» kritisiert. Auch sonst geht er mit dem Brünnenquartier aus Planersicht hart ins ­Gericht: «Es fehlt ein Gesamtkonzept. ­Jedes Baufeld steht und denkt für sich ­alleine. Die Überbauung bildet keinen Stadtraum», sagt Sulzer.

Brünnen hat mit den Hunderten, teils gehobenen Wohnungen eine neue Kundschaft nach Bern-West gezogen. Laut Angaben der Berner Statistikdienste ist die Einwohnerzahl im Bezirk VI seit 2010 um 1234 Personen gestiegen, der Mietpreisindex blieb stabil. In Brünnen leben zahlreiche Neuzuzüger aus Deutschland, die sich nicht um alte Bern-West-Klischees kümmern. Nicht zuletzt ­dadurch sei Brünnen rasch in die bestehende Struktur von Bern-West ein­gewachsen. «Es ist bereits ein engagierter Quartierverein entstanden», sagt Hans Stucki. Mit dem Westside als Leuchtturm habe sich Bümpliz-Bethlehem in den letzten Jahren zum «In-Quartier» entwickelt. «Wir spüren einen richtigen Hype», so Stucki. Die Hochschule der Künste und das Tram seien Motoren dieser Entwicklung.

Entwicklung dauert 30 Jahre

Alt-Stadtplaner Sulzer lobt denn auch die städtebauliche Umsetzung des ÖV-Projekts: Mit der Tramlinie habe die Stadt einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt. «Jede Haltestelle hat ein Gesicht, man erkennt eine Handschrift. Abgesehen vom Brünnenquartier ist in Bern-West trotz dem Tram noch nicht der grosse Bauboom ausgebrochen. Dies ist für den heutigen Uniprofessor nicht erstaunlich: «Es dauert 20 bis 30 Jahre, bis wir die Resultate der Grossinvestition Tram Bern-West sehen. Nur die Politik denkt im Vierjahresrhythmus, nicht der Städtebau.»

Der Bund

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