Das Theater im Hühnerstall

Die Berner Theatergruppe Zytglogge-Gesellschaft feiert ihren 100-jährigen Geburtstag mit einer alten Komödie über Frauen, Männer und Krieg.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Armand Baeriswyl und Cornelia Grünig öffnen den grossen Holzschopf. Hinter der ehemaligen Hühnerhalle an der Dorfstrasse erstrecken sich grüne Felder und braune Äcker. Das sogenannte Hüenerhüsi in Diemerswil ist seit fast dreissig Jahren das Vereinslokal der Berner Theatergruppe. Hier probt die Zytglogge-Gesellschaft, die zurzeit im Käfigturm-Theater gastiert. Einen Teil der Aufführungen zeigt sie im Hüenerhüsi. Die zehn Vorstellungen im Dorf seien jeweils ausverkauft, sagt Baeriswyl. Er ist der Präsident des Theatervereins.

Schweizer wollten auch spielen

Die Zytglogge-Gesellschaft wurde 1918 im Café Zytglogge gegründet und ist nicht mit dem Theater am Zytglogge zu verwechseln. Im frühen 20. Jahrhundert erlebten Theatervereine einen Boom. Bekannt ist etwa das von Otto von Greyerz 1914 gegründete Heimatschutztheater. Rund um den 1. Weltkrieg betonte die Heimatschutzbewegung Schweizer Werte gegenüber dem Deutschen Reich. Als Reaktion auf die Industrialisierung zeichnete sie meist ein romantisches Bild des bäuerlichen Landlebens.

Andererseits waren die Schweizer Bühnen damals «fest in deutscher Hand», wie der Theaterexperte Christian Schneeberger sagt. Schweizer Regisseure und Schauspieler seien von den deutschen Intendanten kaum angestellt und Stücke von Schweizer Autoren nicht aufgeführt worden. «Es gab sie aber, und sie wollten spielen beziehungsweise gespielt werden», sagt Schneeberger. (siehe Interview).

Die Zytglogge-Gesellschaft war sehr aktiv und auch relativ erfolgreich. So spielte sie zum Beispiel 1919 im grossen Casinosaal, der gemäss Zeitungsberichten überfüllt gewesen sei, oder 1926 im Berner Stadttheater. In den 1930er-Jahren spielte sie Hörspiele im Radio ein und trat 1935 im Film «Nume nid gsprängt» von Paul Schmid auf. Das Filmplakat warb damit, dass «die originelle und mordsgemütliche Handlung von bekannten Schauspielern der Berner Volksbühnen» dargestellt werde, und die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete regelmässig im Feuilleton über sie.

«Der Chrieg mues wäg», sagt Lysistrata auf der Bühne im Hüenerhüsi und überzeugt die Athenerinnen, sich im Ehebett zu verweigern. Baeriswyl hat sich unterdessen in den Soldat Luftikos verwandelt und schreibt einen Liebesbrief in Form eines Raps. Als Soldat im Jahr 411 vor Christus wisse er zwar nicht, was das sei, «aber es isch öppis Wahnsinnigs».

Die Mundartadaption der Aristophanes-Komödie wirkt frisch und aktuell. Geistige Landesverteidigung sei heute für die Zytglogge-Gesellschaft kein Thema mehr, sagt Baeriswyl. Reines Berndeutsch spricht denn auch nur noch ein kleiner Teil der Mitglieder. Zwei Schauspielerinnen sind Deutsche.

Amateure arbeiten mit Profis

Etwa Kristina Böhm. Sie ist eine Tochter des Schauspielers Karl Heinz Böhm und war ebenfalls Schauspielerin. Doch hängte sie den Beruf an den Nagel, als sie alleine für drei kleine Kinder sorgen musste. Nun seien die Töchter erwachsen, und sie wolle wieder auf die Bühne zurück, sagt sie. Mit der Amateurtruppe der Zytglöggeler, wie sie sich selber nennen, probt sie den Wiedereinstieg. «Hier fühle ich mich getragen», sagt sie.

Für die Zytglogge-Gesellschaft ist die Zusammenarbeit mit Profis nicht neu. Sie habe in den 40er-Jahren damit begonnen, sagt Schneeberger. Und seit den 70er-Jahren gehöre der Profiregisseur zum Konzept der Gruppe, die so einen hohen Anspruch erfüllen könne.

Für das Jubiläumsstück haben die Zytglöggeler den Regisseur Hans Peter Incondi engagiert. Er inszeniert bereits die fünfte Produktion der Amateur-Truppe. «Wir haben schon fast eine Beziehung», sagt er und grinst. Die Arbeit mit der grossen Gruppe sei anspruchsvoll. Zudem müsse er mit den Laien im Gegensatz zu Profischauspielern länger arbeiten, bis eine Szene sitze. Dafür sei diese Arbeit reizvoll, ja beinahe magisch. «Wir begegnen einander und entdecken gemeinsam eine neue Welt», sagt er. Professionelle Schauspieler seien diesbezüglich viel abgeklärter.

Der Chor der Bräute betritt die Bühne. «Ich bin durch die ganze Schweiz gefahren, um gebrauchte Brautkleider abzuholen», erzählt die Produktionsleiterin Cornelia Grünig. Sie habe die Kleider per Inserat gesucht. «Zum Teil haben die Frauen das Kleid unter Tränen abgegeben», erzählt Grünig. Ohne sie gäbe es keinen Auftritt. Denn sie organisiert das Nötige im Hintergrund. Nun trägt auch sie ein Hochzeitskleid. «Am liebsten spiele ich», sagt sie.

Das tun sie alle überzeugend und niemals exaltiert. Etwa Maria Delgado. Im richtigen Leben arbeitet die gebürtige Spanierin als Pflegerin im Berner Generationenhaus. Oder die Tierärztin Danya Wiederkehr. Sie unterrichtet an der Berner Fachhochschule. «Das ist fast wie Theater spielen», sagt sie. (Der Bund)

Erstellt: 06.04.2018, 06:37 Uhr

«Amateure können Profis übertreffen»

Wie lässt sich die Zytglogge-Gesellschaft historisch einordnen?
Es gibt wenig Dokumente zu den Zytglöggelern. Das Heimatschutztheater und die Neue Volksbühne haben Jubiläums- und Festschriften über sich selbst publiziert. Von der Zytglogge-Gesellschaft gibt es nichts Derartiges. Sie hat sich nicht selbst dokumentiert. Sie stand im Schatten der grösseren Amateurbühnen. Sie waren eine Gruppe unter vielen, die aber immer gearbeitet hat. Speziell ist allerdings, dass sie schon in den 40er-Jahren professionelle Regisseure engagiert haben.


Christian Schneeberger: Der Romanist arbeitet seit 35 Jahren in der Schweizer Theatersammlung. 1992 bis 2015 war er Leiter Dokumentation.

Welchen Stellenwert hat das Mundarttheater heute noch?
Einen sehr grossen. Es gibt enorm viele Laientheatergruppen. In jedem Dorf wird Theater gespielt. Daher unterscheiden wir zwischen Theatervereinen und Vereinstheatern. Neben den eigentlichen Theatervereinen führen auch Jodlerchörli und Turnvereine am Unterhaltungsabend noch ein Theaterstück auf. Es wird kolportiert, dass das Schweizer Theaterpublikum heute mindestens so gross sei wie das Schweizer Fussballpublikum, wenn alle Laienaufführungen mitberücksichtigt werden. Dabei hat sich das Repertoire erweitert.

Wie denn?
Während früher lustige Einakter und Bauernschwänke gespielt wurden, wagen sich ambitionierte Vereine heute auch an ein klassisches Repertoire. Dazu gehören auch die Zytglöggeler. Diese Amateurbühnen springen dort ein, wo sich das professionelle Theater nicht mehr interessiert. Sie spielen etwa Ionesco, Sartre oder Giraudoux, die aus der Mode gekommeen sind, oder die aus den Spielplänen der Stadttheater verschwundenen Operetten. So füllen sie die Lücken, die das Profitheater offen lässt.
Die Zytglöggeler spielen Aristophanes in einer Mundartadaption. Ist das überhaupt sinnvoll?
Anders als in der Literatur oder Musik ist die Mundart im Theater selten ein bewusster Entscheid gegen das Englische oder die Hochsprache im Sinne einer künstlerischen Ausdrucksform. Beim Theater entspringt das Mundartspiel eher einer Not. Denn die Amateure haben keine Sprechausbildung. Wenn sie Hochsprache sprechen, wird es oft peinlich und ist auch für das Publikum eine Qual. Aber die Mundart beherrschen sie und können sich auf das Spielen konzentrieren.

Das Spiel der Laiengruppe wirkte frisch, ja beinahe frischer als das von Profis. Wie unterscheidet sich der Amateurschauspieler vom Profischauspieler?
Der Amateur kann nur eine Rolle spielen. Das ist der Hauptunterschied zum Profi. Deshalb ist im Amateurtheater das Casting wesentlich. Aber wenn die Rolle mit dem richtigen Laienschauspieler besetzt ist, kann dieser frischer und präsenter wirken als der Profi, der gelernt hat, Abend für Abend in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen. Ein Amateur, der «seine» Rolle spielt, kann durchaus das Level eines Profis erreichen oder gar übertreffen.

Welchen Stellenwert hat die Zytglogge-Gesellschaft innerhalb der Berner Theaterszene heute?
Sie ist eine der wenigen überlebenden Amateurgruppen aus der Anfangszeit. Viele andere wie etwa das Heimatschutztheater haben sich aufgelöst. Viele neue sind entstanden oder tun sich für ein paar Stücke zusammen, um sich einige Jahre später wieder aufzulösen. Die Zytglöggeler sind vermutlich die Einzigen, die den langen Atem aufgebracht haben, 100 Jahre lang unter demselben Namen zu spielen. Trotz allen Krisen, die das Vereinsleben bringt.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Wohnideen, die glücklich machen

Tingler Verschwunden

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...