«Das Pendel macht deutlich, dass die Zeit vergeht»

In seinem Geschäft für antike Uhren bimmelt und tickt es – und manchmal kauft ein Chinese eine Neuenburger Pendule.

Am Puls der Zeit: Heinrich Scherer in seinem Berner Atelier.

Am Puls der Zeit: Heinrich Scherer in seinem Berner Atelier. Bild: Adrian Moser

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Wie konnte dieses Jahr so schnell vergehen? Die Zeit verflog im Nu. Höchste Zeit also, einen Uhrenladen aufzusuchen und dem Wesen der Zeit auf den Grund zu gehen. Im Spezialgeschäft J. Otto Scherer Sohn AG an der Kramgasse 26 tickt es an den Wänden. Zu den vollen und den Viertelstunden bimmelt und klingt es überall. Es ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit: So tönte es früher in allen Uhrenläden. Fast scheint es, als sei hier die Zeit stehen geblieben. Aber kann sie das? Ist sie nicht bloss ein Konstrukt, um Ordnung in unseren Alltag zu bringen? Eine Uhr erkläre das tiefere Wesen der Zeit nicht wirklich, findet Geschäftsinhaber Heinrich Scherer: «Doch wenn ein Pendel hin und her schlägt, macht dies einem deutlich, wie Zeit vergeht.» Das Pendel symbolisiere gewissermassen die Vergänglichkeit.

Pendulen, die fein bimmelnden Wanduhren mit dem geschwungenen, fein bemalten Gehäuse, gelten als Zeichen gehobener Wohnkultur. Oder galten. «Wanduhren sind démodé», so Scherer. Generell seien Antiquitäten weniger gefragt. Bei den einen passten solche Objekte nicht zur sonstigen Möblierung, oder man wolle den Nachbarn in einem ringhörigen Block das nächtliche Uhrenschlagen ersparen. «Auch in begüterten Familien fällt es oft nicht leicht, Erbstücke an die nächste Generation weiterzugeben.» Wenn er den Leuten dann auch noch mitteile, dass eine Reparatur auf 1000 oder gar 2000 Franken zu stehen komme, da Kleinteile von Hand angefertigt werden müssen, verschwinde die Uhr auf dem Estrich. «Sie bringen es dann doch nicht fertig, sie in eine Mulde zu werfen.» Nach dem Zweiten Weltkrieg, als es wirtschaftlich aufwärts ging, erwachte das Interesse an Antiquitäten. Könnte das Interesse auch jetzt wieder aufflackern? «Ich werde das sicher nicht mehr erleben», sagt Scherer, der nächstens 80-jährig wird.

Und doch ist die Zeit für Uhren keineswegs abgelaufen, selbst wenn es Jugendliche oft vorziehen, ihr Handy aus dem Hosensack zu grübeln, um die Zeit abzulesen, anstatt eine Bewegung mit dem linken Arm zu machen – quasi die Wiederkehr der altväterischen Taschenuhr. Zwei Uhrmacher in Scherers Geschäft reparieren Uhren. Der eine revidiert Grossuhren, also Pendulen, Gewichtsuhren, Tischuhren. Der andere kümmert sich um Kleinuhren, Taschenuhren und mechanische Armbanduhren, auch alte. Allerdings rücken die Hersteller für sie die Teile oft kaum noch heraus. In Mode sind auch Retro-Uhren – mit Zifferblättern wie 1917 oder Neuauflagen von Marksteinen der 1950er-Jahre. «Ich wundere mich, wie häufig neue Kollektionen auf den Markt kommen», sagt Scherer und blättert in einem aktuellen Katalog. Scherer ist gelernter Feinmechaniker. Als Lehrling musste er sich mit Feile und anderen Werkzeugen an Metallwürfeln abarbeiten: «Genau diese Fertigkeiten sind die ideale Voraussetzung, um mechanische Uhrwerke von Pendulen, die aus Stahl und Messing bestehen, zu revidieren und bei Bedarf ein neues Zahnrad zu fräsen.» 1961 arbeitete Scherer für anderthalb Jahre als Feinmechaniker in Paris. Mit seinem Vater Otto besuchte er dort auch Flohmärkte. Nach der Rückkehr in Bern wurden ihnen die heiss begehrten Objekte fast aus den Händen gerissen.

Die totgesagte Pendule lebt dem Trend zum Trotz immer noch. Zwar gibt es «d Sumiswalder» aus dem Emmental nur noch als Antiquität, doch in Neuenburg werden seit 1930 neue Pendulen produziert – «mit sehr gutem Uhrwerk», wie Scherer anfügt. Früher erhielten Angestellte nach 25 oder 40 Dienstjahren nicht selten ein solches Prachtstück. Das sei vorbei, sagt Scherer. Und doch manchmal entstehen neue Märkte, wo man sie kaum vermutet. So kommen immer häufiger Chinesen ins Geschäft und erwerben eine revidierte antike Pendule. «Wir packen die Uhr sorgfältig ein, damit sie sie ins Flugzeug nehmen können.» Selbstverständlich werden im Altstadtladen bei der Übergabe ausgiebig Selfies mit dem Bilderbuch-Uhrmacher geschossen. Nur für Amerikaner, die dem unausrottbaren Irrglauben anhängen, dass Kuckucksuhren eine Schweizer Erfindung seien, kann Scherer nichts tun. Er schickt sie die Kramgasse hoch in ein Geschäft, das die Schwarzwälder Spezialität mit dem türschletzenden Vogel im Sortiment führt.

Wieder Montag Begegnungen mit Menschen www.montag.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 18.12.2017, 06:38 Uhr

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