«Das neugierige Kind in mir ist nie ganz verschwunden»

Der 18-jährige Gymnasiast Pascal Sommer aus Ittigen interessiert sich für Themen, die vielen Leuten zu komplex sind.

Pascal Sommer vor dem Hauptgebäude der Universität Bern.

Pascal Sommer vor dem Hauptgebäude der Universität Bern.

(Bild: Manu Friederich)

«Bis in die fünfte Klasse hasste ich Mathe», sagt Pascal Sommer. Es fällt etwas schwer, dies zu glauben, denn der Ittiger hat seine Maturaarbeit über die Relativitätstheorie verfasst. «Kopfrechnen war nie meine Stärke, aber sobald das abstrakte Denken zum Zug kam, packte es mich.» Er habe die der Mathematik zugrundeliegenden Muster und Regelmässigkeiten gesehen und erkannt, «dass alles System hat».

Sommer sitzt auf einer Bank auf der Grossen Schanze vor dem Hauptgebäude der Universität Bern. Nicht weit von hier, im Gebäude der Exakten Wissenschaften, wird er ab September Informatik-Vorlesungen besuchen. Das Besondere daran: Er ist noch Schüler. Am Hofwil-Gymnasium absolviert er sein letztes Schuljahr. Die Erziehungsdirektion hat es ermöglicht, dass der Gymnasiast bereits jetzt zwei Lektionen wöchentlich an der Universität verbringen kann. «Die Förderung durch den Kanton Bern finde ich sehr gut.» Doch Sommer findet auch kritische Worte: «Als eine der wichtigsten Ressourcen der Schweiz muss die Bildung generell mehr unterstützt werden. Zu viel Bürokratie und hohe Studienkosten sind nicht förderlich.»

Der 18-Jährige drückt sich gewählt aus. Beiläufig benutzt er Fachausdrücke. Zwischendurch betont er seinen Standpunkt sachlich, aber dezidiert, und macht dabei den Eindruck, dass er sich seiner intellektuellen Fähigkeiten durchaus bewusst ist. Dank diesen errang er bei der Schweizerischen Informatik-Olympiade den vierten Platz. «Sie ist unkonventionell», sagt er, als er die gewonnene Medaille aus gegossenem Glas zeigt. Auszeichnungen bedeuteten ihm aber nicht besonders viel: «Das Erlebnis ist viel wichtiger, als ein glänzendes Stück zu Hause zu haben.» Eine eindrucksvolle Erfahrung sei etwa die Teilnahme an der Internationalen Informatik-Olympiade in Kasachstan im Juli gewesen. Mit drei weiteren Teilnehmern aus der Schweiz verbrachte er eine Woche in dem für ihn unbekannten Land. Während zwei Wettkampftagen schrieben sie Programme, die dann bezüglich Effizienz miteinander verglichen wurden. Was auffiel: «Die Frauen waren stark untervertreten, unter den über 300 Teilnehmenden gab es nur gerade 10.»

Berufsziel Astronaut

Noch nicht auf den Mars, aber zumindest auf einen Gletscher ging es für ihn Anfang August: Er konnte während zweier Tage bei einer Mars-Simulation in einem Gletschergebiet in Tirol dabei sein. «Bei einer Mars-Simulation geht es darum, Experimente zu machen, um für eine bemannte Marsmission gewappnet zu sein.» Man habe etwa untersucht, wie Astronauten in ihren Raumanzügen mit Geräten hantieren könnten. Eindruck machte ihm, wie realitätsnah und diszipliniert Szenarien geprüft wurden. «Weil die Kommunikation vom Mars zur Erde aufgrund der Lichtgeschwindigkeit um zehn Minuten verzögert ist, wurde dies auch bei den Versuchen so umgesetzt.»

Woher sein ausgeprägtes Interesse an Informatik, Mathematik und dem Weltraum komme, wisse er selbst auch nicht. «Ich kann kein konkretes Ereignis aus meiner Kindheit liefern, tut mir leid», sagt er lachend. «Wie jeder Zehnjährige» habe er als Kind Astronaut werden wollen und Unmengen von Büchern über das Sonnensystem verschlungen. Als er bemerkt habe, dass ein Astronaut gut im Sport sein müsse, habe sich die Begeisterung etwas gelegt. Doch: «Das neugierige kleine Kind in mir ist nie ganz verschwunden. Ich bin fasziniert von den unvorstellbaren Weiten des Weltalls.»

Es gebe Leute, die dies nicht nachvollziehen könnten. Er wünsche sich, dass diese ihre «Angst vor Formeln» verlören. «Wenn jemand eine Tafel voller Formeln sieht, könnte diese Person ja einfach sagen: Ich verstehe nicht, was das im Detail heisst, aber ich möchte gerne wissen, was es bedeutet.» Sommer ist überzeugt, dass kein Mensch mehr Wissen habe als der andere. «Es ist nur unterschiedlich verteilt, je nach Interesse.» Er selbst habe Mühe mit Französisch, «in dieser Sprache gibt es einfach zu viele Ausnahmen». In seiner Freizeit frönt Sommer der Musik – er spielt Schlagzeug, Klavier, Gitarre, Bass und Kontrabass. Ausserdem widmet er sich der Fotografie. Das sei die Konsequenz daraus, dass er «zeichnerisch nicht begabt» sei. Er deutet auf einen Baum in der Nähe: «Wer fotografiert, schaut darauf, wie das Licht auf die Blätter fällt. Man hat einen ganz anderen Blick auf die Welt.»

Der Bund

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