Das Kapitel will kein Restaurant mehr sein

Das Kapitel an der Ecke Bollwerk und Hodlerstrasse setzte auf ein Trio von Bar, Club und Restaurant. Nun wird das Restaurant geschlossen.

Tischen künftig nur noch Musikalisches auf: Diego Dahinden und Fausto De Siena (v. l.).

Tischen künftig nur noch Musikalisches auf: Diego Dahinden und Fausto De Siena (v. l.).

(Bild: Adrian Moser)

Hanna Jordi

«Hauptsächlich Beiz und Bar, aber auch ein wenig Club»: So schrieb der «Bund» 2011 über die Eröffnung eines neuen Lokals am Berner Bollwerk. Inzwischen hat sich das Kapitel längst zur festen Ausgehadresse gemausert. Doch vom ursprünglichen Konzept nehmen die Betreiber jetzt Abschied. Per Mitte Juli stellen die Kapitel-Inhaber Diego Dahinden und Fausto De Siena den Restaurantbetrieb ein.

Es dürfte das erste und einzige Restaurant in der Stadt Bern sein, das ohne finanzielle Not geschlossen wird. Denn über zu wenig Gäste konnten sich die Wirte weder mittags noch abends beklagen. Mit Reto Wälti, der im Arcadia in Ittigen 14 «Gault Millau»-Punkte erkocht hatte, hatten die Betreiber einen namhaften Küchenchef verpflichtet. Letztes Jahr gewannen Wälti und sein Team gar den Final des Berner Kitchen Battle gegen die Spitzenköche des Restaurants Schöngrün. Warum also die Schliessung des Restaurants?

Gegenseitige Blockaden

«Am Anfang war es aufregend, die drei Kerngeschäfte des Betriebs aneinander vorbei zu koordinieren», sagt Co-Geschäftsführer Diego Dahinden. «Doch in letzter Zeit hatten wir den Eindruck, dass sie sich gegenseitig in der Entwicklung blockieren.» Will heissen: Auch wenn es viele Essensgäste schätzten, mit geschenktem Stempel nahtlos in die Tanznacht übergehen zu können – ausgedehntes Dinieren war im Kapitel nicht möglich. Aufwendige Dekorationen für den Club mussten die Betreiber unterlassen, um den Restaurantbetrieb nicht zu behindern. Der Aufwand der Umräumarbeiten – DJ-Pult einrichten, Stühle verschwinden lassen, Tische wegräumen – nahm täglich viel Zeit in Anspruch. Aber er machte auch Eindruck: «Internationale DJs kamen schon mal während des Znachtbetriebs ins Lokal und fragten verwundert: ‹Hier soll ich spielen?› Und waren dann später begeistert von der Verwandlung», sagt De Siena.

Tatsächlich ist das Kapitel eine Erfolgsgeschichte. 2011 hatten Beobachter noch bezweifelt, ob die Kapitel-Gründer den «verfluchten» Standort beleben könnten, an dem bereits viele Gastronomen gescheitert waren. Die direkte Nachbarschaft zu Reitschule, Drogenabgabestelle und Regionalgefängnis hatte frühere Gäste oft abgeschreckt. Doch das Kapitel strafte die Skeptiker Lügen. Der Club ist mit seiner generellen Überzeitbewilligung und der konsequenten Konzentration auf elektronische Musik neben der Reitschule der effektivste Publikumsmagnet im Berner Nachtleben. Auch national erhält der Club Beachtung: 2013 und 2015 ging der Swiss Nightlife Award an das Kapitel.

Essen auf Anfrage

3,5 Stellen gehen in der Küche verloren, beim übrigen Personal werden teils Pensen verringert. Die Küche bleibt dennoch bestehen: Das Kapitel will künftig Aufträge für kulinarische Events und Gruppenanlässe ausführen. Es ist die zweite Veränderung innerhalb von 12 Monaten. Letztes Jahr verliess Mitgründer Tom Weingart das Kapitel, um eigene Gastrogeschäfte zu betreiben, aktuell das vietnamesische Restaurant Brother Frank im Bollwerk. Weingarts Weggang spiele beim aktuellen Entscheid aber keine Rolle, so Dahinden, «aber wir haben jetzt die Gelegenheit, uns auf unsere Stärken zu konzentrieren: einen familiären Elektroclub».

Ein Umbau soll den Neuanfang unterstreichen: Der Club wird inwendig renoviert und neu dekoriert. Der Eingang wird versetzt, sodass sich neue Gäste nicht mehr durchs Gedränge an die Bar kämpfen müssen. «Mit dem neuen Anstrich hoffen wir, noch mehr clubaffines Publikum anzuziehen», sagt Dahinden. Mehr Platz für mehr Gäste – gut möglich, dass dann trotz grösserer Tanzfläche wieder weniger Quadratmeter pro Kopf übrig bleiben.

DerBund.ch/Newsnet

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