«Das ist pure Propaganda»

Wer ist für die boomende Entwicklung der Lorraine verantwortlich? Für linke Kreise ist der Fall klar: die Grosseigentümer. Einer von ihnen gibt den Ball nun an die Wohnbaugenossenschaften und die Stadt zurück.

  • loading indicator
Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Am Centralweg in der Lorraine entstehen «Luxuswohnungen». Für einmal ist der Sünder aber nicht ein anonymer «Spekulant», sondern die Stadt selber, das heisst der Stadtrat. Er hat im Mai einen Kredit von 8,8 Millionen Franken zum Bau von 13 Wohnungen zu Marktpreisen verabschiedet. Heute wird derselbe Rat einen Vorstoss von Luzius Theiler (GPB) wohl ablehnen, der ein Rückkommen auf den Kredit verlangt.

Nach dem Stadtratsentscheid im Frühjahr hat der Verein Läbigi Lorraine die fortschreitende Gentrifizierung des Quartiers beklagt, das heisst die Umstrukturierung des einstigen Arbeiterquartiers in eine bessere Wohngegend. Der in der Lorraine lebende Architekt und Wohnbaugenossenschafter Tilman Rösler bestätigt diese Ansicht: «In der Lorraine steigen die Mieten und Bodenpreise in die Höhe.» In den letzten Jahren sei es für Wohnbaugenossenschaften kaum mehr möglich gewesen, beim Verkauf von Liegenschaften an den Meistbietenden mitbieten zu können. Der «König» unter den Immobilieneigentümern sei Stefan Berger, dem über ein Dutzend Liegenschaften in der Lorraine gehörten. Das nächste grosse Vorhaben Bergers ist die Überbauung des Serini-Areals im Geviert Lorrainestrasse-Platanenweg-Jurastrasse . «Bergers Prinzip lautet: möglichst billig bauen und maximale Mieten verlangen», sagt Rösler.

«Ich bin kein anonymer Investor»

«Das ist pure Propaganda», entgegnet Stefan Berger. Er verwahre sich gegen die Unterstellung, in der Lorraine die Grundstückspreise in die Höhe zu treiben. «Meine Familie lebt seit 110 Jahren im Quartier. Ich bin kein anonymer Investor», sagt der 47-Jährige, der im Quartier aufgewachsen ist, heute aber am Murtensee wohnt. So sei zum Beispiel der Lola-Laden, ein soziales Projekt, in einer seiner Liegenschaften einquartiert. Das Bauprojekt am Platanenweg, dem ehemaligen Serini-Areal, sei geradezu ein Paradebeispiel für sein Engagement. «Es wäre ökonomisch sinnvoller gewesen, das Land zu verkaufen.»

In der Stadt Bern gebe es kaum Eigentumswohnungen in einer Gehdistanz von zehn Minuten bis zum Bahnhof. «Es wäre kein Problem, in der Lorraine eine Vierzimmerwohnung für gegen eine Million Franken zu verkaufen.» Stattdessen wolle er Mietwohnungen für Familien bauen, neun Vierzimmer- und drei Dreizimmerwohnungen. Er subventioniere das Objekt mit den Erträgen aus anderen Liegenschaften quer und werde in den ersten fünfzehn Jahren keinen Rappen verdienen. Hätte er an dieser Lage mit Mietwohnungen Geld machen wollen, hätte er kleinere Einheiten planen müssen. «Niemand in der Stadt Bern baut Vierzimmerwohnungen an dieser Lage.» Die Klientel für Vierzimmerwohnungen strebe zurzeit eher den Erwerb von Eigentum an, sagt Berger.

Lorraine wurde «chic»

Die Ursachen für die steigenden Grundstückspreise lägen in der Entwicklung des Marktes. Die Preise würden nämlich nicht nur in der Lorraine, sondern auch im Breitenrain und in der Länggasse steigen. Die Nachfrage nach Wohnen in der Stadt nehme zu, die Bautätigkeit jedoch stagniere. In der Lorraine wiederum seien es vor allem die Wohnbaugenossenschaften selber, die zur Gentrifizierung beitragen würden. «Die Lorraine ist in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts chic geworden.» Damals seien junge Leute, vornehmlich aus der alternativen Szene, hierhergezogen und hätten die ausländischen Arbeiter nach Bern-West oder in die Regionsgemeinden verdrängt.

Schweizer mit guten Jobs

Mit der Zeit hätten diese Leute Familien gegründet und Wohnbaugenossenschaften gebildet. «Die meisten Wohnbaugenossenschafter sind Schweizer Familien mit Kindern, hohem Bildungsstand und einem guten Job.» Sie trügen Sorge zum Quartier und hätten zum Beispiel ein Interesse an guten Schulen. Die Bedürfnisse dieser Leute hätten das Quartier aber auch verändert, sodass die Lorraine mittlerweile für gehobene Restaurants oder gar für Galerien attraktiv werde. Die Verkehrsberuhigung der Lorrainestrasse wiederum werde das Quartier noch mehr aufwerten. Dabei sei es notabene der Verein Läbigi Lorraine, der dafür einstehe.

Stadt verhindere Verdichtung

Berger macht keinen Hehl aus seinem Ärger darüber, dass er am Platanenweg bloss drei- statt vierstöckig bauen kann. Hätte er einen Stock höher bauen wollen, wäre eine Abstimmung nötig gewesen. «Um das Wohnungsproblem zu lösen, müsste man bei den Zonenplänen zurück in die 1980er-Jahre.» Der damalige Stadtplaner habe nach dem Motto «Die Stadt ist gebaut» agiert. So sei etwa die hintere Länggasse von vier auf maximal zwei Stöcke zurückgezont worden. «Das Problem der Wohnungsnot kann nur mit Bauen gelöst werden. Aber unter diesen Voraussetzungen lohnt es sich gar nicht mehr zu bauen», sagt Berger.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt