Das ist doch Kunst

Mit der Ausstellung «Weltuntergang – Ende ohne Ende» entfernt sich das Naturhistorische Museum Bern weiter vom Image des spröden Fell- und Knochenhauses.

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Dölf Barben@DoelfBarben

Man möchte sie zwischen die Hände nehmen, die Erde, wie das Gesicht eines Kindes, und sie auf die eine und die andere Seite drehen. Und anschauen. Aber man darf nicht. Berühren verboten. Sieben Globen sind aufgereiht in Raum 3, der angeschrieben ist mit «die gefährdete Erde». Eine Erde ist fast gänzlich weiss mit einigen farbigen Flecken. Diese zeigen, wie die Fläche der Regenwälder auf unserem Planeten kleiner wird.

Was war das jetzt genau? Diese Frage stellt man sich unwillkürlich nach dem Besuch der neuen Ausstellung des Naturhistorischen Museums Bern (NHM), die heute eröffnet wird. «Weltuntergang – Ende ohne Ende» ist jedenfalls keine klassische Naturkundeausstellung mehr mit ausgestopften Eisbären und präparierten Vogelnestern. Wer vor bald zwanzig Jahren im NHM die Ausstellung «Tiere als Baumeister» besuchte, vergass nie, wo er sich gerade befand.

Dieses Bewusstsein ging bereits im ersten Raum – «die einzige Gewissheit» – verloren. Mit einem Meer potenter Glühlampen wird veranschaulicht, wie die Sonne sich in ein paar Milliarden Jahren in einen Roten Riesen verwandeln und alles in ihrer Nähe verschlingen wird – auch die Erde. Es ist eine Lichtinstallation. Auch in den nächsten Räumen warten Skulpturen, Objekte, eine «Echtzeit-Medienarbeit», eine «Montage von Endzeittexten», Fotografien oder ein «wandfüllender Animationsfilm» auf Besucherinnen und Besucher – wie in einem Kunstmuseum.

Museum mit grosser Ambition

Der Wandel ist gewollt. Schon das Thema – Weltuntergang – sei kein klassisches Thema für ein Naturmuseum, sagt Direktor Christoph Beer vor den Medien. Die Ausstellung stehe für einen Aufbruch. Sie sei «ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Umsetzung unserer neuen Strategie, naturwissenschaftliche Aspekte mit jenen der Kulturwissenschaften, Kunst und Gesellschaft zu verbinden». Die Ambition ist gross. Man wolle sich als national bedeutendes Museum positionieren, sagt Beer, und auch international Beachtung finden.

Ganz unvermittelt kommt das nicht: Schon in den vergangenen Jahren wagte sich das NHM auf neues Terrain. Unter anderem produzierte es zusammen mit dem Museum für Kommunikation die Ausstellungen «Haarsträubend» und «Bin ich schön?». Das NHM geht diesen Weg nun entschlossen weiter, mit dem renommierten Ausstellungsmacher Martin Heller. Dieser will die «gigantischen Zeiträume» der Erdgeschichte mit den paar Tausend vom Menschen geprägten Jahren in Verbindung bringen und dem Publikum eine «multispektrale Betrachtung» ermöglichen.

Hühnerknochen als Indikatoren

Lehrreich, unterhaltsam und erfreulich soll sie sein, die Ausstellung. Das ist sie zweifellos. Da und dort ist sie auch aufwühlend und Furcht erregend. Riesige Lavaausbrüche, sei es in zehn oder erst in tausend Jahren, stellen reale Gefahren dar.

Nicht weniger beklemmend ist es zu sehen, mit welchem Vorsorgeaufwand sich Menschen, sogenannte Prepper, auf Krisen vorbereiten. Oder wie unausweichlich der individuelle «Weltuntergang» sein kann – wenn zum Beispiel jemand an Demenz erkrankt.

An die Klimaerwärmung erinnert ein originaler Eisbohrkern, der dank aufwendiger Technik ausgestellt werden kann. Mit dem «Beweisstück» für den steigenden Anteil an Kohlendioxid in der Atmosphäre ist das NHM ganz Naturmuseum. Gleich daneben steht aber ein Objekt, das die Verbindung zwischen Natur und Kunst gewissermassen verkörpert: ein zwei Meter grosses Skelett. Es stellt aber nicht einen Dinosaurier dar, es ist ein mit einem 3-D-Drucker hergestelltes, übergrosses Skelett eines Masthuhns.

Industriehühner werden zu Millionen gezüchtet und geschlachtet; Hühnerknochen dokumentierten überall auf der Welt die Präsenz von Menschen, lehrt die Ausstellung. Sie werden es auch dann noch tun, wenn es uns dereinst nicht mehr geben sollte.

Der Bund

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