Das Hochhaus ist auch ein Dorf

Christine Messerli lebt in Bern-Bethlehem, im 16. Stock in einem Haus gemeinsam mit gegen 400 Nachbarn. Das klingt sehr städtisch, und doch ist der «Block» eine fast dörfliche Gemeinschaft.

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Was man wissen muss, wenn man Christine Messerli besuchen will: Der eine Lift fährt in die ungeraden Stockwerke, der andere in die geraden Stockwerke. Zu Messerli gehts mit dem Lift auf der rechten Seite, bis ins 16. Stockwerk, zur Wohnung 132.

Fast zuoberst also lebt die 74-Jährige. Sie ist ehemalige Mitarbeiterin in der Universitätsbibliothek Bern, frühere Hortleiterin im Tscharnergut; die Frau, die alle kennen, nicht nur im 20-stöckigen Hochhaus, sondern im ganzen Quartier, wenn nicht überhaupt im Westen Berns.

Vom Emmental in den Stadt-Block

Aus dem Lift gelangt man in den hell beleuchteten Gang. Christine steht schon in der Wohnungstür, drinnen herrscht Hochbetrieb: Christines erwachsene Tochter Sarah bringt selbst gemachten Sirup, zur Begrüssung versammeln sich die drei Grosskinder Linda, 11, Sami, 9, und Mira, 2, die schon bald wieder auf dem Bett in Grossmutters Stube einschläft. Später schaut auch noch Sarahs Mann Nexhat vorbei, der Hauswart im «Block». Sarahs Familie lebt im selben Haus wie Christine, vier Stockwerke tiefer. Noch später wird auch noch die ältere Tochter Tanja mit Familie dazustossen: Immer am Donnerstag kocht Christine für alle das Nachtessen.

Bevor die beiden Frauen von ihrem Block-Leben erzählen, führen sie den Besucher auf den Balkon. Der Ausblick ist imposant: Tscharnergut, Gäbelbach, Bremgartenwald. Auch das «Französische», wie Messerlis sagen, also der Kanton Freiburg breitet sich aus, ganz im Westen ist der Schemen des Chasseral-Sendeturms zu erkennen. Noch eindrücklicher ist der Blick vom Dach. Mit leichtem Bauchkribbeln schaut man in die Tiefe, auf den Parkplatz, auf die grosse Wiese zwischen den Häusern. Etwas in der Weite, in nördlicher Richtung, entdeckt man nicht nur Bantiger, Gurten und Ulmizberg, sondern weit vor der Hochhaus-Siedlung Wittikofen am anderen Ende der Stadt auch die Altstadt, das Bundeshaus, das Münster.

Hier, beim Münsterturm, beginnt die Geschichte von Christine Messerlis kleiner Heimat, der Wohnung im Hochhaus. Aufgewachsen ist sie in einem Haus im Emmental, «wo es weit und breit keine hohen Türme gab».

«Mit der Grossmutter nach Bern, das war das Grösste», sagt sie. Das Beste daran: der Aufstieg auf den Münsterturm. «Frau Kormann, die Münsterturmfrau, war mein grosses Vorbild.» Die Weitsicht und das helle Licht hätten sie beeindruckt, sagt Christine. Und so lebt sie, seit sie als junge Frau nach Bern kam, in der Höhe: Erst lange in einem Block im Gäbelbach, wo auch ihre zwei Töchter Tanja und Sarah gross wurden. Zuerst im siebten Stock – «gerade über den Sozialwohnungen» –, zuletzt in der Attika-Wohnung. 2008 zog sie um in die Siedlung Bethlehemacker II.

Für Christine ist das Wohnen im Block nicht einfach Notwendigkeit, sondern eine Philosophie.«Mir gefallen die klaren Linien, die Farben, all die funktionalen Architekturentscheidungen wahnsinnig gut.» Eine Hochhaussiedlung sei verdichtetes Bauen. Die gemeinsame Heizung, die Wäscherei, Gemeinschaftsräume, Grünflächen, Begegnungszonen – «das ist gelebte Nachhaltigkeit». «Wenn all die Leute, die hier wohnen, ihr eigenes Häuschen wollten, müsste man die Alpen bügeln», sagt Sarah. Für Raumplanung hätten sie sich schon interessiert, lange bevor sie zum Schlagwort in der Politik geworden sei. Und doch hätten die Grünen nicht mal eine eigene Sektion bei ihnen, sagt Christine, die früher Vorstandsmitglied der SP Bümpliz-Bethlehem war.

Manchmal staune sie schon, sagt Sarah, wie die Leute ihr ungefragt mitteilten: «In deinem Block könnte ich nie leben.» Auch wenn sie es gerne würde, es würde ihr nie einfallen, jemandem etwa vom Breitenrain zu sagen: «In deinem Altbauhaus könnte ich nicht leben, mit dem finsteren Treppenhaus, ohne Lift und der Strasse gleich vor der Haustüre.»

Man spürt die Welt

Gegen 400 Menschen wohnen im Block an der Melchiorstrasse – Menschen aus mindestens 20 Nationen leben hier in einem Haus. «Wir sind keine kleine Welt, sondern die ganze Welt im Kleinen», sagt Sarah. Und die Konflikte aus der Welt kommen mit in die Schweiz. Familien etwa, die den Sohn verstossen, weil er sich für die «falsche» Frau entscheidet, oder Väter, die ihre Kinder in ihr Herkunftsland entführen.

Dann gibt es auch die selbst ernannten «Eidgenossen», welche den neuen Hauswart aus Kosovo, bevor er überhaupt seine Stelle richtig angetreten hat, mit einem Brief bei der Verwaltung anschwärzen wollen, eingebürgerte Nachbarn abschätzig als «Papierlischweizer» bezeichnen und demonstrativ die Schweizer Flagge zum Fenster raushängen lassen – lange nach Fussball-WM und Nationalfeiertag. Das meiste erzählen die beiden Frauen fast beiläufig, ohne Empörung, aber «das gehört hier halt auch dazu».

Doch gibt es auch viele positive Geschichten. Da ist der Einwanderersohn, der heute ein Restaurant führt, der andere Junge, der es über Umwege zum Juristen gebracht hat, viele junge Erwachsene, die schon selber wieder Kinder haben und trotz schwierigen Voraussetzungen ihren Weg gemacht haben. Auch dank «Frau Messerli», wie sie bei den Kindern im Quartier noch heute bekannt ist: «Als Hortleiterin hatte ich es mir zum Ziel gesetzt, im Jahr jeweils für mindestens zwei der Jugendlichen eine Lehrstelle zu finden.» Erste Ansprechpartnerin ausserhalb der Familien war sie für die Hortkinder sowieso. «Integration ist ein Lebensthema in dieser Familie», sagt Christine Messerli.

Dieses verfolgt auch Tochter Sarah weiter, als Heilpädagogin und Präsidentin des Quartiervereins. Auf der grossen Wiese zwischen den Blöcken «Kaspar», «Balthasar» und «Melchior» hat sie etwa das legendäre Fussball-Grümpelturnier wieder aufleben lassen. Der Anlass sei viel mehr als ein Fussball-Turnier, mehr als die 120 Kinder auf dem Rasen. «Alle helfen mit, der ganze Block, das ganze Quartier trifft sich, man sieht auch Leute, die sonst fast nicht mehr aus ihren Wohnungen rauskommen.»

Anonym sei es nämlich überhaupt nicht, das Blockleben, sagen die Messerlis. Im Gegenteil: «Man grüsst sich hier eher als in der Stadt.» Und trotz Hunderten von Nachbarn: «Man weiss schon, wer ins Haus gehört und wer nicht.» Dazu könnten die Kinder oft sogar sicherer als auf dem Land im Grünen spielen, die ganze Infrastruktur sei in der Nähe. Hochhaussiedlungen gelten als der Inbegriff der Urbanität. «Dabei», sagt Christine, «habe ich hier mein Dorf in der Stadt.» (Der Bund)

Erstellt: 17.08.2018, 06:50 Uhr

Bethlehemacker II in Zahlen

Das Hochhaus an der Melchiorstrasse, wo Christine Messerli im 16. Stock wohnt, gehört zur Siedlung Bethlehemacker II im Stadtteil Bethlehem, teilweise erstellt vom bekannten Architektenpaar Hans und Gret Reinhard. Architekt der Nummer 23/21 war allerdings Willi Althaus. Gebaut wurde das Haus von 1971 bis 1973 und 2015/16 umfassend renoviert.

Zur Überbauung gehören zwei weitere Hochhäuser, ein Scheibenhaus, ein Geschäftshaus und ein Doppelkindergarten. Das 20-stöckigen Wohnhaus Melchiorstrasse 23/21 beherbergt 160 Wohnungen und rund 400 Menschen. Unmittelbar daneben befindet sich das Schulhaus Bethlehemacker. Christine Messerli bezahlt für ihre Viereinhalbzimmerwohnung 1418 Franken im Monat. (zec)

«Bund»-Sommerserie

Mit diesem Beitrag geht die «Bund»-Sommerserie zu Ende. Menschen aus dem Kanton Bern zeigten uns den Ort, an dem sie sich wohlfühlen und der ihnen ein Stück Heimat ist. Sie erklärten, was ihr Refugium für sie speziell macht und warum sie es nie aufgeben würden. Alle Beiträge dieser Serie finden Sie unter kleineheimat.derbund.ch.

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