Das Hochfeld geht zu, doch die Flüchtlinge bleiben unter Tag

Der Kanton Bern eröffnet im Coop-Verteilzentrum Bern-Riedbach eine neue unterirdische Notunterkunft.

Unterirdische Notunterkünfte wie hier im Hochfeld will die Stadt keine mehr. Doch der Kanton eröffnet am Mittwoch – auf Stadtboden – eine Unterkunft unter Tag.

Unterirdische Notunterkünfte wie hier im Hochfeld will die Stadt keine mehr. Doch der Kanton eröffnet am Mittwoch – auf Stadtboden – eine Unterkunft unter Tag.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Marc Lettau

Die Schliessung der Notunterkunft für Asylsuchende im Hochfeld ist eine angekündigte: Die Stadtberner Behörden sagten im März, die schon seit geraumer Zeit als «Asylbunker» in der Kritik stehende Zivilschutzanlage im Länggassquartier werde nicht weiter vermietet und die Asylsuchenden müssten bis Ende Mai ausziehen.

Aber Sozialdirektorin Franziska Teuscher (GB) sagte auch, was folgen würde: Die Stadt werde in der Lage sein, bei Bedarf «weitere oberirdische Asylunterkünfte» zur Verfügung zu stellen. Die unterirdische Unterbringung von Asylsuchenden werde die Stadt künftig nur noch «in Notfällen» in Erwägung ziehen.

Von einem Keller in den nächsten

Seit Montag ist nun klar, was auf die Schliessung des städtischen «Asylbunkers» folgt: der Umzug in eine neue unterirdische Notunterkunft auf Stadtboden. Wie die Polizei- und Militärdirektion des Kantons Bern am Montag mitteilte, wird ab Mittwoch die Zivilschutzanlage der Coop-Verteilzentrale in Bern-Riedbach als Notunterkunft für Asylsuchende zur Verfügung stehen.

Von der Hochfeld- an die Riedbachstrasse zügeln werden nicht nur die Asylsuchenden, sondern auch das Betreuerteam von der ORS Service AG.

Ja, es handle sich letztlich um den Umzug «in eine analoge Situation», bestätigte am Montag Markus Aeschlimann, der Geschäftsleiter des Amts für Migration und Personenstand des Kantons Bern (MIP): von einer Anlage unter Tag in die nächste Anlage unter Tag. Gleichwohl ortet er Verbesserungen.

Die Anlage im Coop-Verteilzentrum sei einfacher zu führen. Die Asylsuchenden seien «weniger in einem Wohnquartier eingekesselt» und ihnen werde ein grösserer Vorplatz zur Verfügung stehen: «Die neue Notunterkunft wird betrieblich einfacher zu leiten sein».

Gleichzeitig liegt Aeschlimann daran, die Reputation der Notunterkunft Hochfeld zu korrigieren. Es treffe zu, dass es dort Schwierigkeiten gegeben habe. Gleichzeitig gelte es den Wandel nicht zu übersehen: «Die Stimmung in unseren Unterkünften hat sich stark verändert. Wir haben es inzwischen mit einer ganz anderen Klientel zu tun.»

Während vor einigen Jahren die im Zug des arabischen Frühlings Geflüchteten in den Unterkünften eine Mehrheit stellten, seien es heute Asylsuchende, die viel klarer sähen, dass sich ihnen nur dann eine Perspektive eröffne, wenn sie sich kooperativ zeigten. Aeschlimann: «Viele dieser Asylsuchenden sind auf Mithilfe bedacht.»

Klar bleibt für Aeschlimann, dass unterirdische Asylbewerberunterkünfte nie eine gute Lösung seien: «Ich bin absolut kein Freund solcher Anlagen», aber letztlich müsse der Kanton «annehmen, was möglich ist». Der Kanton, zuständig für die Unterbringung der ihm zugewiesenen Asylsuchenden, könne derzeit keine Angebote ausschlagen.

Die erwartete Notlage abfedern

Die Zahlen scheinen ihm auf den ersten Blick zu widersprechen: Gegenwärtig werden dem Kanton Bern wöchentlich zwischen 40 und 60 Asylsuchende zugewiesen. Das ist ein eigentliches Tief, waren es doch auf dem Höhepunkt der aktuellen Flüchtlingsströme pro Woche viermal mehr.

Die heute verfügbaren gut 4'000 Betten für Asylsuchende in bernischen Unterkünften reichen also momentan aus. Doch das sei die falsche Sichtweise: «Die Zahlen werden stark steigen. Wir gehen davon aus, dass wir in der Vorphase einer neue Notlage sind.» Ergo müsse man sich vorbereiten, vorbereiten auf Szenarien, die den Kanton aufs Neue fordern werden.

Diese Einschätzung prägt ganz offensichtlich das Handeln der Polizei- und Militärdirektion. Die Überlegung dahinter: Aus bernischer Perspektive begännen die Schwierigkeiten nicht erst dann, wenn auch die Bundesbehörden von einer Notlage sprächen.

Auf Bundesebene ist bei einem Ansturm von 10'000 Flüchtlingen pro Monat von einer Notlage die Rede. Weil dem Kanton Bern 14 Prozent der Neuankömmlinge zugewiesen werden, würde sich aber bereits bei weit tieferen Zahlen zeigen: Im Kanton Bern fehlt es an Unterkünften. Und Entspannung ist nicht in Sicht, weil die Suche nach zusätzlichen Logis langwierig und anspruchsvoll ist.

Das heisst in der Folge auch, dass im Kanton Bern unterirdische Anlagen weiterhin gang und gäbe sein werden. Von den gegenwärtig 50 kantonsweit geführten Unterkünften sind 14 unterirdische Notunterkünfte.

Der Bund

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