«Das Haus bringt Menschen auf Augenhöhe zusammen»

Die scheidende Präsidentin des Vereins Haus der Religionen Gerda Hauck hat oft Konflikte erlebt – aber auch erstaunliche Entwicklungen.

Haus der Religionen: Gerda Hauck im christlichen Raum.

Haus der Religionen: Gerda Hauck im christlichen Raum.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Gerda Hauck empfängt den Besucher im Haus der Religionen am Europaplatz in Bern in farbigen Stühlen hinter der gemusterten Glasfassade. Dass es dieses einzigartige Gebäude gibt, hat viel mit ihr zu tun, der Vereinspräsidentin. Zwei eritreische Putzfrauen aus einem Integrationsprogramm legen den Besen zur Seite und machen eine Teepause.

Als sie merken, dass Hauck Besuch hat, deuten sie mit Gesten an, dass sie auch für uns Tee machen könnten. Und schon steckt man mitten im Thema. «Gescheite Diskussionen über Religionsfrieden und Integration sind gut», sagt Hauck, doch in diesem Hause geschehe etwas viel Besseres: «Alle tragen etwas dazu bei und begegnen einander auf Augenhöhe.»

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Gerda Hauck kennt sich auf dem Gebiet aus. Seit 1981 sind Flüchtlinge und Integration wichtige Themen in ihrem Leben, sei es als Freiwillige, als Caritas-Mitarbeiterin oder als Stadtberner «Integrationstante», wie sie selbstironisch sagt. Hauck ist kein naiver Gutmensch, der Slogan «Friede – Freude – Eierkuchen» stammt nicht von ihr.

Zwar arbeiten und feiern seit Dezember 2014 am Europaplatz Weltreligionen unter einem Dach – zuvor taten sie dies an Provisorien an der Schwarztorstrasse und an der Laubeggstrasse. Doch das ging nicht immer reibungslos. Wenn unvereinbare Ansprüche aufeinanderprallten und Missverständnisse das Miteinander belasteten, spielte unter Haucks Präsidentschaft die gutschweizerische Vereinsdemokratie. Man rieb sich, suchte einen Konsens, fand einen Kompromiss.

«Im Dialog mit anderen Religionen bin ich katholischer geworden.»

Oder auch nicht. «Noch heute ereignen sich manchmal Dinge, die man vorläufig einfach stehen lassen muss.» Bei passender Gelegenheit komme man darauf zurück und versuche begreiflich zu machen, was der unglückliche Vorfall für die andere Seite bedeute.

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Am Sonntag wurde ihr an einer Feier für ihr Wirken seit 2007 gedankt – in dem Haus, dessen Existenz selbst sie noch immer erstaunt. Lange stand das Projekt auf der Kippe. Das Geld fehlte, oder die einen sagten, sie unterstützten es nur, wenn auch die anderen bezahlten.

Dann, als die Vision «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» vor dem Aus stand, meldete sich eine Mäzenin mit einer Millionenschatulle. Dann regten sich auch die Gesamtkirchgemeinden, die zuerst nichts an den Bau, sondern höchstens an den Dialog geben wollten, und öffneten ihren Geldbeutel. «Da hat wohl der Heilige Geist mitgewirkt», sagt die bekennende Katholikin Hauck augenzwinkernd, meint es aber durchaus auch ernst.

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Die 73-jährige gebürtige Kölnerin, Mutter dreier erwachsener Söhne, kam 1963 in die Schweiz – und erlebte zuweilen selbst ein Gefühl des Fremdseins, etwa dann, wenn ihr Schweizer in einer Diskussion sagten: «Du als Deutsche kannst das nicht verstehen.» Hauck lässt sich im christlichen Raum des Hauses vor einem Bild fotografieren, das äthiopische Christen in ihrer afrikanischen Heimat anfertigen liessen und in dessen Gegenwart sie Gottesdienst feiern.

Wie hat sich der Dialog mit anderen Religionen auf Haucks Glauben ausgewirkt? «Ich bin katholischer geworden», sagt sie. Weil man offen über alles spreche, müsse man sich viel öfter fragen, was einem die eigenen Glaubensinhalte bedeuteten, was man darunter verstehe. So sei es ihr mit der Eucharistie gegangen, die in der reformierten Kirche Abendmahl genannt wird – aber nicht genau das Gleiche meint.

Es gebe auch bei den Aleviten ein Ritual, bei dem ein spezielles Brot verteilt werde. «Natürlich hat es nicht die gleiche Bedeutung, aber die Parallelen sind doch spannend.» Im Haus der Religionen werde keine Einheitsreligion entwickelt, sagt sie.

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Anfänglich hätten Migranten im Projekt tatsächlich zuerst die Chance gesehen, einen Sakralraum zu erhalten – nicht hinter einer Kehrichtanlage oder in einer Tiefgarage: «Einen Ort, an dem sie ihre Religion in würdigem Rahmen und öffentlich ausüben können.»

Dank permanenter Zusammenarbeit seien sich die Vertreterinnen und Vertreter aber nähergekommen und hätten sich auch für die Bedürfnisse und Standpunkte der anderen zu interessieren begonnen. Das bleibt nicht ohne Folgen, in Bern und anderswo. So hat der tamilische Berner Hindupriester mit einem singhalesischen Buddhisten im kriegsversehrten Sri Lanka ebenfalls ein solches Haus ins Leben gerufen.

Der Bund

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