«Das hat das Zeug für einen internationalen Skandal»

Fikri Kirmizikaya, Bruder eines Opfers des «Safari»-Mordes und Wirt in Bern, ist mit dem Gerichtsentscheid nicht zufrieden. Es werde zwar Schweizer Recht angewandt, aber türkische Vollzugsregeln. Damit sei der Täter schon bald wieder auf freiem Fuss.

Ermittlungsarbeiten an den «Safari-Morden».

Ermittlungsarbeiten an den «Safari-Morden».

(Bild: Keystone)

Herr Kirmizikaya, sind Sie mit dem Urteil zufrieden?
Das Urteil, das heute gefällt wurde, ist in keinerlei Hinsicht befriedigend.

Warum nicht?
Als ich den Gerichtssaal betreten habe, war ich voller Hoffnung. Mir wäre es nicht in den Sinn gekommen, dass das Schweizer Strafmass angewendet werden würde. Aber das Gericht hat entschieden, den Täter nach Paragraf 112 des Schweizer Strafgesetzbuches zu verurteilen, nicht nach türkischem Recht. Wir haben das nicht erwartet.

Was bedeutet diese Entscheidung?
Während in der Türkei viermal lebenslänglich mit erschwerten Haftbedingungen verhängt worden wäre, sieht das Strafmass in der Schweiz einmal lebenslänglich vor. Daraus ergibt sich noch ein ganz anderes Problem. Nämlich, dass die türkische Strafvollzugsordnung zur Anwendung kommt und bis zu zehn Jahre von der Strafe abgezogen werden könnten und zusätzlich bestimmte Amnestien wirksam werden. In der Türkei würde also Paragraf 450 des Türkischen Strafgesetzbuches angewendet, der Täter hätte viermal lebenslänglich unter verschärften Haftbedingungen erhalten. Und unter diesen Voraussetzungen werden Haftverringerungen oder Amnestien angewendet. Das steht doch in einem grossen Widerspruch zu der Haftstrafe, die von der Schweizer Justiz vorgesehen wurde. Ich finde, dass man diesen Fall vor den internationalen Gerichtshof für Menschenrechte bringen muss. Wenn man schon die Paragrafen eines Landes anwendet, dann muss man auch die Durchführung dementsprechend übernehmen.

Dann sind Sie noch nicht am Ende angelangt auf der Suche nach Gerechtigkeit. Was planen Sie?
Wir werden natürlich Widerspruch einlegen. Unser Widerspruch betrifft genau diesen Konflikt. Es ist ja in Ordnung, dass das Gericht sich für das geringere Strafmass, wie es in der Schweiz angewendet werden würde, entscheidet. Doch wir möchten geklärt sehen, dass der Täter nicht früher auf freien Fuss kommt, wie das in der Schweiz der Fall wäre – aufgrund der grosszügigen Strafnachlässe, die in den türkischen Vollzugsvorschriften zu finden sind. Wir werden also dafür kämpfen, dass wenn das Strafmass nach Schweizer Strafgesetzbuch festgesetzt wird, die Amnestien der türkischen Vollzugsordnung nicht angewendet werden. Wenn nötig gehen wir bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte damit.

Fühlen Sie sich besser, nun als ein erstes Urteil ergangen ist?
Es war kein wirklich fairer Prozess. Wir haben nicht nur eine, sondern tausend Fragezeichen im Kopf. Das Urteil hier und heute war ja nur eine Zwischenstufe. Unser eigentlicher Ansprechpartner sind die Behörden in der Schweiz und dort werden wir unseren Kampf weiterführen. Dort sind noch immer drei oder vier Personen auf freiem Fuss. Alle Zeugen sagen aus, dass fünf Personen am Tatort gewesen sind. Das zeigen auch die Beweise. Das bedeutet, dass noch immer Täter frei umherlaufen.

Was heisst das für Sie?
Wir möchten sicher sein können, dass die Schweizer Justizbehörden noch immer auf der Suche nach diesen Personen sind. Wir würden uns wünschen, dass die Behörden sich mit uns in Verbindung setzen, dass sie unsere Meinung einholen. Unser Anwalt hat immer wieder Probleme an Informationen zu kommen. Wir würden uns mehr Kooperation wünschen. Ich vertraue den Schweizer Behörden, aber es ist nicht glaubwürdig, dass bis heute nicht mehr erreicht werden konnte als das. So, wie es der Staatsanwaltschaft dank ihrer nicht enden wollenden Bemühungen gelungen ist, diese eine Person, die heute verurteilt worden ist, zu fassen, sollen auch die übrigen Täter aufgespürt werden und der Gerechtigkeit genüge geleistet werden.

Es klingt so, als wären Sie enttäuscht von den Schweizer Behörden?
Die Schweizer Behörden haben wenig Interesse am Prozess hier in Istanbul gezeigt. Andere Länder setzen sich mehr für ihre Staatsbürger ein. Ich verstehe nicht viel von Jura, aber das sieht man doch als Laie, dass der Fall zu viel Widerspruch bietet. Wäre hier ein Vertreter von der Botschaft vor Ort gewesen, dann hätte sich das Gericht ganz anders verhalten, davon bin ich überzeugt. Wir, die Angehörigen der Opfer, fühlen uns hier in der Türkei von der Schweiz alleingelassen.

DerBund.ch/Newsnet

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