Das grosse Aufatmen

Mit einem Volksfest erhalten die Berner ihre frisch restaurierte Shoppingmeile zurück. Die Erleichterung über das Ende der Bauarbeiten in der Marktgasse ist allgegenwärtig.

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Es war ein merkwürdiger Anblick gestern Mittag in der Berner Marktgasse. Kein Auto verstellte die tipptopp hergerichtete Altstadtarkade, und kein Tram ratterte über die jungfräulichen Schienen. Aber auch die Fussgänger fehlten weitgehend im Stadtbild. Trotz strahlendem Wetter drängten sich die Menschen in den schattigen Lauben und wagten sich nur behäbig heraus ans warme Sonnenlicht. Noch war die frisch sanierte Marktgasse gesperrt, und doch ähnelte die Szenerie wieder einem Alltag, wie er vor der Grossbaustelle gewesen war: Die Menschen flanierten, fotografierten, plauderten, kauften ein, verweilten, waren gut gelaunt, gelöst. Ob des Anblicks der verjüngten Altstadt schienen die Strapazen der vergangenen Monate bereits in weite Ferne gerückt.

Formell wird die Marktgasse der Berner Bevölkerung erst mit dem heutigen «Pflaschterfescht» zurückgegeben. Bereits am Freitag zeigte sich aber die allseitige Erleichterung nach einem lärmigen, staubigen und umständlichen Sommer.

«Nervöser Schlusspunkt»

Während die Berner ihre Hauptachse also heute zurückerobern, nahm am Freitag manch ein «Büezer» Abschied von seinem eigenen Alltag in den Altstadtgassen. «Wir waren im Januar die Ersten, die hier waren», sagte Gregory Born, Elektriker der EWB. «Nun sind wir die Letzten, die abziehen.» Es sei in vielerlei Hinsicht eine ganz besondere Baustelle gewesen, sagte Born, der mit seinen Kollegen für das Verlegen der Stromleitungen zuständig gewesen ist. Mit einer Mischung aus Wehmut und Faszination habe er in den vergangenen Wochen beobachtet, wie «seine» Leitungen unter 135'000 präzis eingeklopften Pflastersteinen verschwanden. Für ihn und seine Kollegen hätten die Arbeiten aber bereits am Donnerstag einen «nervösen Schlusspunkt» erreicht: die erste Testfahrt des Trams. Mittlerweile sei die Nervosität aber dem Stolz gewichen.

Bereits vor Wochenfrist zogen die städtischen Behörden ein positives Fazit zu den Bauarbeiten. Diese seien fristgerecht und innerhalb des veranschlagten Budgets abgeschlossen worden. Allerdings gab es auch Wermutstropfen zu vermelden. Einerseits hatten einige Zwischenfälle viel zu reden gegeben - eine kaputte Brunnenfigur, eine durchtrennte Swisscom-Leitung und ein verletzter Arbeiter. Andererseits seien die erwarteten Einbussen beim Gewerbe entlang der Berner Shoppingmeile nicht zu vermeiden gewesen.

Entsprechend wenig Wehmut herrscht deshalb insbesondere in den Kellerboutiquen, die während der Bauarbeiten vom Wirrwarr aus Baustellengerüsten und Stromleitungen beinahe verschluckt worden waren. Dominique Hirter vom Süsswarenladen Lolipop blickt denn auch auf einen einsamen Sommer zurück. Statt zu zweit hütete sie heuer den Kellerladen jeweils alleine - und bediente geschätzte 50 Prozent weniger Kunden als im Vorjahr. «Ich war eher Putzfrau als Verkäuferin», sagte Hirter. Mittlerweile stehen die Kunden an ihrer Kasse wieder Schlange. Das Däumchendrehen habe aber durchaus an der Substanz genagt. Immerhin habe die Lust nach Süssem ab und an auch mal einen Arbeiter von der Baustelle erfasst. «Manche kenne ich mittlerweile ziemlich gut», sagte Hirter.

Längere Geschäftsferien

Die Tristesse eines leeren Ladens ist auch Marina Gäggeler nicht fremd. Die Lehrtochter vom Blumenladen Cave Verde sprach von Einbussen um die 40 Prozent. Die Geschäftsferien seien kurzerhand von zwei auf drei Wochen verlängert worden, und dienstags blieb das Geschäft jeweils geschlossen. Trotz der gewonnenen Freizeit freue sie sich nun aber auf bessere Tage für das Geschäft: «Manchmal war der Lärm so laut, dass es schwierig war, sich überhaupt mit den Kunden zu verständigen.»

Des einen Freud ist bekanntlich des anderen Leid. So gab es über der Erdoberfläche auch Läden, deren Geschäftsgang von der Baustelle kaum beeinträchtigt wurde. «Im Gegenteil», sagte etwa Karin Niklaus, Filialleiterin der Papeterie Waser. Das «Gstungg» in den Lauben habe wohl auch den einen oder anderen Touristen ins Geschäft gespült. Umsatzeinbussen seien ihr keine bekannt. «Die Kellergeschäfte hat es sicher härter getroffen», sagte sie. «Aber jetzt ist schliesslich auch für 20 Jahre Ruhe.»

Der Bund

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