Das grösste Velonetz hat noch Löcher

«Velo Bern» ist das grösste Veloverleihsystem in der Schweiz. Wegen Einsprachen gegen Velostationen sind jedoch noch einige Quartiere unterversorgt.

An jeder Ecke der Stadt Bern steht ein Velo zum ausleihen.

An jeder Ecke der Stadt Bern steht ein Velo zum ausleihen.

(Bild: Adrian Moser)

Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

«Achtung, es kommt ein Auto!», ruft jemand, und die Menge teilt sich. Hinter dem Hauptgebäude der Uni Bern haben sich Medienschaffende, Politiker und Stadtangestellte versammelt, um der Eröffnung des neuen Berner Veloverleihsystems beizuwohnen. Der hiesige Standort von «Velo Bern», dem von Publibike für die Stadt betriebenen Verleihnetz, befindet sich gleich bei den Uni- und Fahrschulparkplätzen. Entsprechend muss der Menschenauflauf um die am Strassenrand aufgereihten Publibikes immer wieder für Lieferwagen und Autofahrschüler Platz machen. Trotz dieser motorisierten Störungen ist dies ein bedeutsamer Tag für den Fahrradverkehr in der Bundesstadt.

Das Veloverleihprojekt ist ambitioniert: Es ist das grösste derartige Verleihsystem in der Schweiz. Seit gestern sind auf 70 Velostationen in der ganzen Stadt 700 Fahrräder verteilt – die Hälfte davon E-Bikes. Bis 2020 soll das Netz auf rund 200 Stationen mit 2400 Velos ausgebaut werden. Schon nur aufgrund der Dichte des Netzes wird diese Neuerung das Bild der Stadt auf Strassenebene signifikant verändern.

Noch wenig Velos im Weissenbühl

Dennoch gibt es beim heutigen Ausbaustand noch einige Lücken im Netz. Zwischen Bubenbergplatz und Europaplatz wurden gestern keine neuen Stationen eröffnet. Das Mattenhofquartier wird somit nur durch einen einzigen Standort bedient – an der Belpstrasse bei der Tramhaltestelle Hasler. Auch im Osten Berns ist die Auswahl noch dürftig. Auf der Tramachse vom Helvetiaplatz bis Burgernziel sind nur zwei Velostationen in Betrieb. Andere Stadtteile sind besser dotiert: die Altstadt oder das Länggassquartier (allein an der Mittelstrasse gibt es drei Stationen), aber auch weniger zentrale Quartiere wie Breitenrain und Bümpliz. Die nächste Ausbauphase dürfte einige Lücken schliessen.

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Laut Angaben der Stadt kam es im Stadtteil Mattenhof-Weissenbühl wegen Einsprachen zu Verzögerungen. Inzwischen seien diese aber bereinigt. Tatsächlich sollen in dieser Gegend bis zum 15. September mehr als zehn neue Stationen entstehen. Im Bereich Kirchenfeld-Ostring wurden ebenfalls einzelne Standorte aufgrund von Einsprachen zurückgestellt. Bis im Herbst soll das dortige Netz jedoch um neun weitere Stationen ebenfalls ausgebaut werden.

Bei ihrer Platzierung habe man sich grundsätzlich an der Einwohner- und Arbeitsplatzdichte orientiert, sagt Publibike-CEO Bruno Rohner. In den nächsten Monaten werde man das Verhältnis von Angebot und Nachfrage an den individuellen Standorten analysieren. «Vorerst wollen wir, dass keine Stationen leer stehen.» Einzelne Standorte könnten vergrössert werden, schlecht genutzte möglicherweise zurückgebaut. Man hoffe auf einen Durchschnittswert von zwei bis zweieinhalb Veloausleihen pro Station und Tag. Weil man noch nie in diesem Ausmass ein Verleihprojekt lanciert habe, seien womöglich noch einige Optimierungen nötig: «Wir haben das System nach bestem Wissen und Gewissen gestartet, jetzt schauen wir, ob es sich bewährt.»

Viele teilen viele Velos

Davon ist Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) überzeugt. Strahlend steigt die Verkehrsdirektorin vom soeben getesteten Publibike herunter. «Ich kann mir vorstellen, dass sich eine Verleihcommunity etabliert», sagt sie. In den nächsten Wochen wird das System an Infoanlässen und in Quartiervereinen vorgestellt. «Heutzutage muss nicht jeder zwingend ein eigenes Velo haben. Viele Menschen können viele Velos teilen», sagt Wyss.

Seit 2014 ist der Veloverkehr in Bern im Durchschnitt um etwa 35 Prozent angestiegen. Die stadtweite Streuung von Hunderten einfach zugänglicher Verleihvelos dürfte zu einer weiteren Zunahme führen. Aus diesem Grund ist es laut Wyss unabdingbar, erneut auf die Veloinfrastruktur einen Schwerpunkt zu legen. «Der aufblühende Veloverkehr macht mir eine Freude, andererseits stellt er uns vor eine Herausforderung.» Dieser wolle man zunächst vor allem mit mehr Abstellplätzen und Velohauptrouten begegnen. Die viel zitierte Velooffensive wird nun auf den Strassen richtig sicht- und greifbar. Abgeschlossen ist sie damit aber noch lange nicht.

Der Bund

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