Das G********-Wort

«Poller»-Kolumnist Martin Lehmann fragt sich, ob die oft verspotteten Gutmenschen wirklich so schlecht sind.

hero image

Nun, da das Wort seit den eidgenössischen Wahlen definitiv zum Kampfbegriff der politischen Rhetorik geworden ist und schier jeder Neo-Nationalrat irgendwo verächtlich in ein Mikrofon hat sagen dürfen, das Volk habe eindrücklich gezeigt, dass es nun genug habe von diesen Gutmenschen, von diesen Humanisten und Altruisten, die, statt sich um die Sooooorgen und Nööööööte der eigenen Bürger zu kümmern, gleich die ganze Welt verbessern und damit den hart erarbeiteten Wohlstand aufs Spiel setzen wollten, hab ich einmal eine Frage:

Wenn denn ein Gutmensch einer ist, der zum Beispiel nach einer Erdbebenkatastrophe Geld an die Glückskette spendet, weil ihm die Not der Versehrten ans Herz geht, oder vielleicht – weil er weiss, dass er zu seiner privilegierten Situation nichts beigetragen hat, dass es vielmehr Zufall oder so etwas wie Gnade war, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Welt gekommen ist – gar einen Dauerauftrag an das eine oder andere Hilfswerk unterzeichnet hat und auf diese Weise jeden Monat jenen ein paar Hunderternötli zukommen lässt, die ebenso unverdient weniger privilegiert sind; wenn ein Gutmensch einer ist, der beim Einkaufen darauf achtet, dass er möglichst Produkte aus der Region in sein Wägeli legt und nicht solche, die unnötig Tausende Kilometer durch die Welt gekarrt worden sind, der, obwohl er es sehr schätzt, Mass hält beim Fleischessen, weil der ungebremste Fleischverzehr – wie das knochentrocken auch die UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) festhält – aus energetischen Gründen ein Unsinn und aus ökologischen ein Irrsinn ist, und der sich beim Shoppen überhaupt fragt, ob es denn die neue Hose oder das neue Handy braucht, und der Zweifel hat, ob das stetige Wirtschaftswachstum wirklich die Lösung aller Probleme ist; wenn denn ein Gutmensch einer ist, der, weil er die Klimaerwärmung nicht für eine Propagandalüge der Linken, sondern für einen wissenschaftlich erhärteten Fakt und damit für ein existenzielles Problem spätestens für unsere Nachgeborenen hält, mit dem Velo oder dem Bus zur Arbeit und mit dem Zug in die Ferien fährt und das Auto nur dann aus der Garage nimmt, wenns nicht anders geht; wenn ein Gutmensch einer ist, der zwar selbst auch keine Lösung fürs Flüchtlingsdrama hat, aber sieht, dass da Menschen unterwegs sind, Menschen!, die dummerweise in Aleppo auf die Welt gekommen sind statt in Affoltern-Weier und die weiss Gott nicht aus freien Stücken mit ihrem vierjährigen Kind und zwei Plastiksäcken in ein hoffnungslos überfülltes Schlauchboot steigen, und der sich dann vielleicht überlegt, ob er die Studiowohnung räumen und zur Verfügung stellen oder wenigstens Kleider oder – schon wieder – Geld spenden könnte, weil man doch mindestens versuchen muss, etwas zu tun; wenn denn ein Gutmensch also summa summarum einer ist, der ein Herz im Ranzen hat und dieses immer wieder auch anrühren lässt, der zwar manchmal vielleicht ein bisschen naiv ist, aber zugleich menschenfreundlich und vor allem guten Willens, der sich Mühe gibt, in dieser Welt zwischen Luxus und Leid, Kommerz und Krieg, Fun und Folter einigermassen in Anstand und Rücksicht zu leben – was, bitte schön, ist dann die Alternative?

«Poller»-Autor Martin Lehmann ist Redaktor bei Radio SRF 2 Kultur. Er lebt in Langnau und ist Vater dreier Töchter – ein Mann vom Land mit eigenem Blick auf die Stadt.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt