«Das exotischste Trinkgeld sind Kartoffeln»

Der Verein Nez Rouge hat über die Festtage schon über 850 alkoholisierte Autofahrer sicher nach Hause begleitet. Bis nach Silvester würden es weit über 1000 sein, sagt Werner Schmidiger von der Zentrale.

Angela Rothen fährt über die Festtage zusammen mit ihrer Mutter durch die Nacht zu angetrunkenen Autofahrern und begleitet diese sicher heim.

Angela Rothen fährt über die Festtage zusammen mit ihrer Mutter durch die Nacht zu angetrunkenen Autofahrern und begleitet diese sicher heim.

(Bild: zvg)

Naomi Jones

Haben Sie heuer auch schon einen über den Durst getrunken?
Nein. Dazu habe ich über die Festtage gar keine Zeit. Wie die Fahrer dürfen wir in der Zentrale von Nez Rouge Bern 24 Stunden vor dem Einsatz gar keinen Alkohol trinken. Aber zu einem guten Essen trinke ich gern ab und zu einen guten Tropfen.

Und haben Sie den freiwilligen Fahrdienst von Nez Rouge für alkoholisierte Autofahrer schon in Anspruch genommen?
Nein. Ich habe ihn noch nie gebraucht.

Nez Rouge hat die Weihnachtstage hinter sich. Silvester steht vor der Tür. Stellen Sie einen Unterschied zwischen den Weihnachtstagen und Silvester fest?
Ja. An Silvester fahren wir rund dreimal mehr als an den anderen Tagen. An Weihnachten und an den Wochenenden zuvor sind jeweils 10 bis 12 Fahrerteams unterwegs. An Silvester sind es mindestens 30 Teams.

Fahren Sie weit?
Durchschnittlich ist eine Fahrt etwa 40 Kilometer lang. Aber das stimmt nicht exakt. Einige sind kürzer, andere sind länger. Ein Team fährt pro Nacht 200 bis 300 Kilometer, die sich auf durchschnittlich fünf Fahrten verteilen.

In welchem Radius?
Unsere Fahrer starten jeweils in Bern. Von hier aus fahren sie ins Emmental, nach Thun oder gar Spiez, bis Lyss und Schwarzenburg oder ins Gürbetal. Dann beginnen die Gebiete der anderen Sektionen von Nez Rouge.

Sind die Passagiere an Silvester anders als an Weihnachten?
Ja. Dann ist vor allem das Partyvolk unterwegs. Der Silvestermodus wird in diesem Jahr schon am Freitagabend beginnen. Aber am 31. Dezember ist der absolute Höhepunkt. An Weihnachten finden eher familiäre und private Feste statt. Da kann es sein, dass wir eine Familie mit Kindern heimbegleiten. Und zuvor in der Adventszeit werden wir vor allem von Gästen an Firmenanlässen gebucht.

Wer nimmt Ihre Dienste in Anspruch?
Das sind je zur Hälfte Männer und Frauen in jedem Alter und aus der ganzen Region. In den letzten Jahren rufen uns vermehrt junge Leute, die ihren Ausweis nicht riskieren wollen. Das freut mich besonderes.

Und warum rufen sie Nez Rouge und nicht einfach ein Taxi?
Die meisten fahren mit dem Auto an das Fest und haben die Absicht, nichts oder nur wenig zu trinken. Und später am Abend merken sie, dass sie doch zu stark angeheitert sind, um noch sicher Auto zu fahren. Andere wollen ihr Auto nicht irgendwo stehen lassen und es später wieder holen. Denn oft finden die Partys in einer Hütte weit weg vom öffentlichen Verkehr statt. Unsere Teams fahren immer zu zweit in einem Auto von Nez Rouge zum Kunden. Der eine fährt dann das Auto des Kunden mitsamt Passagieren. Der andere fährt in unserem Auto hinterher.

Haben Sie Stammgäste?
Manchmal erkennen sich Fahrer und Kunden vom Vorjahr wieder. Manchmal gibt es auch so etwas wie Schwerpunkte, zu denen wir gerufen werden. Vor ein paar Jahren häuften sich die Fahrten zum Schlagertempel in Kirchberg.

Kommt es auch vor, dass Passagiere abgelehnt werden?
Unsere Teams dürfen eine Fahrt ablehnen, wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist, zum Beispiel wenn das Auto der Kunden in schlechtem Zustand ist, oder wenn das Wetter zu schlecht ist. Sonst haben wir nie eine heikle Situation erlebt, etwa weil jemand stark betrunken und aggressiv gewesen wäre. Viel öfter erzählen unserer Fahrer lustige Anekdoten.

Wie zum Beispiel?
Kürzlich war ein junges Ehepaar als Fahrerteam unterwegs. Der Mann chauffierte eine Gruppe Jungs heim. Seine Frau fuhr im Auto von Nez Rouge nach. Da schaute einer der angeheiterten jungen Passagiere des Mannes aus dem Rückfenster und begann mit der attraktiven Frau im hinteren Auto zu flirten. Dazu unterhielten sie sich lautstark über dessen Chancen, bei der Schönen zu landen. Am Steuer sass ihr Mann und hörte sich die Kommentare schmunzelnd an. Er griff erst am Zielort ein, als der hoffnungsfrohe Junge zur Tat schreiten und die Frau erobern wollte.

Sie sprechen von Kunden. Die Fahrt ist aber gratis, oder nicht?
Die Fahrt ist gratis. Aber wir erhalten Trinkgelder in jeder Währung und jeder Höhe. Das exotischste Trinkgeld sind Kartoffeln. Einmal im Jahr bekommen wir von einer Gruppe junger Männer einen 40-Kilo-Sack voll als Dankeschön. Wir bringen die Kartoffeln aber jeweils in die Gassenküche. Mit den Trinkgeldern finanzieren wir unsere eigenen Auslagen, zum Beispiel das Fahrsicherheitstraining für die Freiwilligen.

DerBund.ch/Newsnet

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