Das Ende des Bahnhofbuffets

Mit dem Côté Sud verschwindet am Berner Bahnhof ein beliebter Treffpunkt – das Vegi-Restaurant Tibits übernimmt die Fläche.

Das Tibits wird künftig zwei Stockwerke bedienen.

Das Tibits wird künftig zwei Stockwerke bedienen. Bild: Franziska Rothenbühler

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Edith Meienberger kommt gerne hierher. Einfach weil es «gmüetlech» sei, weil die Bedienung «eins A» sei und die kleine Portion drei Franken günstiger sei als die grosse Portion. Dabei nehmen es hier nicht alle gemächlich, im Côté Sud im Berner Bahnhof, dem eigentlich letzten Bahnhofbuffet im Bahnhof. So etwa die drei Sanitärinstallateure, die nur kurz eine Znüni-Pause einlegen wollen.

22 Verpflegungsorte gibt es laut Bahnhofhomepage, die meisten haben aber mit einem Restaurant im Sinne eines kulinarischen Wartesaals nichts mehr gemeinsam. Es gibt zwar im Untergeschoss das Sous Sol Coffee, ein Restaurant mit Schweizer Spezialitäten wie Käseschnitten. Dort verspricht man dem gestressten Gast, den Kaffee innerhalb von drei Minuten an der Bar zu servieren. Und dann gibt es noch das Tibits, das vegetarische Selbstbedienungsrestaurant. Aber dort will sich Meienberger, die mindestens einmal die Woche mit dem blauen Bähnli zum Bahnhof fährt, um im Côté Sud einen Kaffee zu trinken, sich künftig nicht hinsetzen.

Wir wollen von Ihnen wissen: Vermissen Sie den «alten» Bahnhof als Begegnungsort? Fehlen Ihnen die Restaurants, oder sind Sie froh, dass Sie nun auch am Sonntag einkaufen können? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch»

Die Tage, an denen man im Côté Sud mit Blick über den Bahnhofplatz sitzen kann, sind gezählt. Denn der Mietvertrag des Restaurants wurde von den SBB nicht verlängert. Im Juli vergrössert stattdessen das Vegi-Restaurant Tibits seine Fläche, wird zweistöckig, und das Côté Sud verschwindet, wie ein abfahrender Zug, Richtung Vergangenheit. «Das ist sehr schade», sagt auch eine Rentnerin aus dem Saali-Quartier, welche besonders die «Serviertochter Rudmilla» schätzt, und dass man hier auch alleine hinkommen könne und manchmal jemanden zum «Schwätze» antreffe. Schon im ehemaligen Bahnhofbuffet sei sie gerne mit ihrem Mann gesessen.

Der Berner Bahnhof ist dagegen kein richtiger Ort mehr zum Verweilen. Viele schöpfen sich etwas im Selbstbedienungsrestaurant, kaufen hastig etwas in einem der vielen Take-aways, und gegessen wird im Zug oder noch auf dem Weg Richtung Zugperron. Der dichte Taktfahrplan lässt es heute gar nicht mehr zu, dass sich Reisende länger in den gedeckten Restaurants hinsetzen und auf den Anschlusszug warten. Zudem wurden Sitzgelegenheiten im Bahnhof entfernt, damit es sich Randständige nicht zu bequem machen.

Gentrifizierung auch im Bahnhof

In der Vergangenheit waren die Bahnhofrestaurants, nachdem die Gäste darin nicht mehr analog zum Zugabteil nach Klassen aufgeteilt wurden, ein Sammelbecken für alle sozialen Schichten. Doch die Gentrifizierung hat auch im Bahnhof Bern Einzug gehalten. Dass der Mieterwechsel auch einer Strategie folgt, die den Bahnhof Bern in einen Ort verwandelt, wo vor allem schnell umsteigende Pendler und Shoppingwillige Platz finden, wollen die SBB nicht kommentieren. «Die SBB kommunizieren allfällige Veränderungen grundsätzlich nur, wenn unterschriebene Verträge vorliegen», lässt ein Sprecher ausrichten. Dies sei noch nicht der Fall.

Auch wenn der Vertrag noch nicht unterschrieben ist, ist man beim Tibits sicher: Im Juli soll im Obergeschoss des Bahnhofs renoviert werden, da wo jetzt das Côté Sud liegt. Mit dem Umbau will man aber dem Trend des Schnellimbisses auch etwas entgegensetzen, heisst es bei der Vegi-Kette. Der Tibits-Mitbegründer Daniel Frei sagt auf Anfrage: «Mit der Erweiterung wollen wir die Aufenthaltsqualität verbessern, zeitweise war es etwas eng für die Gäste im Lokal.» Mit einer Treppe wolle man die beiden Stockwerke verbinden, im Obergeschoss sollen künftig Gäste Platz finden, die mehr Zeit haben.

«Dort gibt es ausreichend Platz zum gemütlichen Verweilen und Arbeiten», sagt Frei. Seit 15 Jahren gibt es im Berner Bahnhof ein Vegi-Restaurant von Tibits. Heute führen die Brüder Frei mit der Familie Hiltl das Gastronomieunternehmen mit neun Tibits-Restaurants in der Schweiz und zwei Filialen in London. Fleisch wird auch im erweiterten Restaurant nicht auf den Tisch oder das Buffet kommen. Der Rentnerin Meienberger ist das egal, sie sei einmal im Untergeschoss gewesen, das sei nichts für sie. Nun besuche sie noch möglichst oft das von Autogrill geführte Restaurant Côté Sud. Mit ihrem Stempelkärtchen sei nämlich das 11. Menü gratis, und soeben habe sie erst eine neue Karte angefangen.

(Der Bund)

Erstellt: 15.02.2018, 06:33 Uhr

«Stadtgespräch»-Debatte

Was ist der Bahnhof für Sie?

Die grossen Zeiten der Bahnhofbuffets sind nicht erst seit gestern vorbei – doch wenn am Berner Bahnhof bald auch das Restaurant Côté Sud schliesst, verschwindet das letzte Buffet-Gefühl. Auch in anderen Bereichen hat sich der Bahnhof über die Jahre gewandelt, vom Treffpunkt und Ort des Zwischenhaltes zum Ort der schnellen Durchreise.

Aus Bänken wurden Notsitze, aus Restaurants Läden und Take-aways, strenge Vorschriften regeln das Verweilen. Im «Stadtgespräch» wollen wir von Ihnen wissen: Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung? Vermissen Sie den «alten» Bahnhof als Begegnungsort? Oder ist der Bahnhof für Sie ein Ort, wo sie – etwa auf dem Weg zur Arbeit – möglichst wenig Zeit verbringen wollen? Fehlen Ihnen die Restaurants – oder schätzen Sie das Shopping-Angebot, das auch am Sonntag verfügbar ist?

Zusätzlich sind wir auf der Suche nach Bildern des Bahnhofs aus der Zeit der 1960er- bis 1980er-Jahre. Haben Sie solche Aufnahmen? Vielleicht sogar solche des alten Bahnhofbuffets? Schicken Sie uns die Bilder an die Mail-Adresse bern@derbund.ch. Auch Ihre Erinnerungen an den Bahnhof, wie er früher war, interessieren uns.

Diskutieren Sie mit: stadtgespraech.derbund.ch

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