Das Ende der Sprachlosigkeit

Die Stadt Bern setzt in der Siedlung für Sinti und Jenische eine Gemeinwesenarbeiterin ein. Ihre Vermittlerrolle soll die Selbstverwaltung in Bern-Buech stärken helfen.

Daniela Montaldo und Fino Winter sind parat für den Neuanfang auf dem Standplatz.

Daniela Montaldo und Fino Winter sind parat für den Neuanfang auf dem Standplatz.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Marc Lettau

Vor genau einem Jahr sah alles nach verhärteten Fronten aus. Nachdem auf dem überfüllten Standplatz für Jenische und Sinti eine junge Familie ausserhalb der definierten Parzellen eine Bleibe aufstellte, drohte Immobilien Stadt Bern (ISB) nämlich mit der Räumung der «illegal aufgestellten Fahrnisbaute». Und als wenig später der Gemeinderat der Stadt Bern einen Massnahmenplan für den Standplatz vorlegte, führte auch dieser vor Ort zu ziemlichen Gemütswallungen.

«Ich sehe mich nicht nur als Briefträgerin zwischen Stadt und Buech.» Jaelle Eidam, Gemeinwesenarbeiterin

Die Jenischen und Sinti lasen aus dem Papier vorab eine Schuldzuweisung. Laut Bericht «funktioniert die Selbstverwaltung faktisch nicht mehr», ist die Einhaltung der Schulpflicht «unbefriedigend» und pendle die Haltung der Stadt angesichts ungelöster Fragen zwischen «Ernüchterung und Ratlosigkeit». Das für die Selbstverwaltung zuständige Buech-Komitee fühlte sich dermassen in Zweifel gezogen, dass es gleich den Bettel hinschmeissen wollte.

Der Wandel hinter den Kulissen

Jetzt, ein Jahr später, sieht einiges ziemlich anders aus. Der an die illegal hausende Familie gerichtete Räumungsbefehl ist längst schon vom Tisch, denn es wurde – oh Wunder! – eine legale Lösung gefunden: Eine existierende Parzelle konnte neu auf zwei Familien aufgeteilt werden. Das löst das Grundsatzproblem – den Mangel an Standplätzen im Kanton Bern – zwar nicht, führt aber doch zu Entspannung.

Und entspannter ist auch der Dialog zwischen den Sinti und Jenischen vor den Toren Berns und der Stadtbehörde. Nach einer Visite von Gemeinderat Michael Aebersold (SP) ist einiges wieder eingerenkt. Diskutiert wird zwar nach wie vor über besagten Massnahmenplan, aber jetzt vermehrt über das, was das Papier immer sein wollte: ein Wegbeschrieb hin zu Verbesserungen für die Gemeinschaft in Buech.

Als derzeit konkretesten Schritt setzt die Stadt jetzt eine Gemeinwesenarbeiterin ein. Mit ihrer vermittelnden Rolle zwischen Standplatz und Stadt soll sie dazu beitragen, dass den Sinti und Jenischen in Zukunft die Selbstverwaltung besser gelingt. Mit der Aufgabe betraut die Stadt die 33-jährige Jaelle Eidam, die Geschäftsführerin der in Bümpliz und Betlehem im soziokulturellen Bereich aktiven «Stiftung B».

Eidam selbst sieht sich als «neutrale Übersetzerin», keineswegs aber nur als «Briefträgerin zwischen der Stadt und der Gemeinschaft in Buech». Sie hoffe, ihr Einsatz trage dazu bei, dass der Dialog zwischen der Gemeinschaft und der Behörde nicht länger «rein problemorientiert» bleibe. Ihre in Kürze beginnende Arbeit ziele darauf ab, «die Sinti und Jenischen in Buech zu befähigen, ihre Gemeinschaft selber zu stärken». Dann gelinge es ihr auch besser, sich Respekt zu verschaffen.

Fino Winter, Sinto und «Chef» auf dem Platz, ist von diesem Schritt sehr angetan. Die Sinti und Jenischen erhofften sich von der Gemeinwesenarbeiterin, «übrigens eine bodenständige Person», eine klassische Vermittlerrolle: «Wir hoffen, dass unsere manchmal in einfache Worte gefassten Anliegen von der Stadt künftig etwas besser verstanden werden.» Auch in umgekehrter Richtung sei Vermittlung gefragt: «Nicht alle auf dem Platz können einer von Fachbeamten geführten Debatte wirklich folgen.»

Reizthema Schule

Zu den konkreten Themen, die von der Stadt auf die Agenda gesetzt werden, zählt der Schulunterricht und die Schulpflicht, deren bessere Einhaltung gefordert wird. Winter findet das jetzt angelaufene computergestützte Pilotprojekt «Lernen unterwegs» eine durchaus «gute Sache» für die Sommermonate, der Reisesaison vieler Sinti und Jenischen. Aber es bestünden Meinungsverschiedenheiten, welche Kinder einzubeziehen seien.

Der von der Schule gewählte Ansatz, nur Familien einzubeziehen, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Schule zeigten, gefalle ihm nicht. Man müsse doch unbedingt allen die Chance bieten, den Anschluss zu finden. Irene Hänsenberger, die Leiterin des Schulamtes, entgegnet, mit der Abgabe eines Computers sei es nicht gemacht: «Die Schülerinnen und Schüler, die am Computer selbstständig lernen sollen, müssen in den Wintermonaten gut eingeführt werden.» Ausserdem brauche es ein Vertrauensverhältnis mit den beiden projektleitenden Lehrerinnen, welche für die Lernateliers für die Sinti und Jenischen zuständig sind.

Deshalb fokussiere man sich im Projekt auf Kinder, «die auch bewiesen haben, dass ihnen am Lernen liegt». Gleichzeitig unterstreicht Hänsenberger, es sei noch deutlich zu früh, um über Erfolg oder Misserfolg des Projekts zu urteilen.

Das sieht auch Winter so, der übrigens durchaus froh ist, wenn beim Reizthema Schule genau hingeschaut wird. Genau hinschauen helfe auch, die Relationen zu wahren. Aus seiner Sicht sind es nämlich nur einige wenige, die punkto Schulpflicht «etwas aus der Reihe fallen».

Der Bund

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