«Das Derby könnte in Thun auch ohne Gästefans stattfinden»

Nach dem Derby zwischen Thun und den Young Boys kritisieren sich die Fans und Behörden gegenseitig.

Widersetzten sich den Auflagen des Thuner Gemeinderats: Fans der Berner Young Boys.

Widersetzten sich den Auflagen des Thuner Gemeinderats: Fans der Berner Young Boys.

(Bild: Keystone)

Martin Erdmann@M_Erdmann

Rund 500 YB-Fans zogen am Sonntagnachmittag vom Thuner Bahnhof in die Stockhorn-Arena. Der heikle Punkt: Der Marsch, der für Fussballfans als Teil ihrer Kultur verstanden wird, wurde für dieses Spiel vom Thuner Gemeinderat ausdrücklich verboten. Dass dieses Verbot bei den YB-Supportern auf taube Ohren gestossen ist, hat Roman Gimmel (SVP), Gemeinderat und stellvertretender Sicherheitsdirektor, nicht überrascht. «Meine Vorahnungen wurden bestätigt.» Doch wieso wurde den Fans der Spaziergang zum Stadion untersagt?

Die Geschehnisse, die zu diesem Verbot geführt haben, fanden im vergangenen Mai statt – ebenfalls in Thun. Beim YB-Fanmarsch wurden Hausfassaden besprayt. Ein Anwohner wehrte sich dagegen und wurde darauf von den Fans angegangen, blieb jedoch unverletzt. Unabhängig vom Fanmarsch wurden Polizisten mit Steinen beworfen. Ob dahinter YB-Supporter steckten, blieb unklar. «Wir mussten reagieren», sagt Gimmel. Der ­Gemeinderat machte von den Möglichkeiten des im Februar 2014 vom Stimmvolk deutlich angenommenen Hooligan-Konkordats Gebrauch. Den Spielen gegen den Kantonsrivalen wurde die nötige Bewilligung entzogen. Nur unter verschärften Bedingungen konnte das Spiel von Sonntag durchgeführt werden.

Gimmel wäre es am liebsten gewesen, wenn die YB-Fans von Bern aus mit Bussen direkt vor die Stockhorn-Arena transportiert worden wären. «Doch aus Bern hiess es, das sei nicht möglich.» So sollten die Busse erst ab dem Thuner Bahnhof zum Einsatz kommen. «Darüber wurden die Gästefans klar informiert. Dennoch haben sie sich nicht daran gehalten», sagt Gimmel.

«Intolerante Elemente

Trotz einem grossen Polizeiaufgebot wurden die Berner am Marsch nicht gehindert. Gimmel begründet das mit schwierigen Rahmenbedingungen. «Im angrenzenden Perimeter fand unser Sonntagsverkauf und Weihnachtsmarkt statt. Da einzugreifen, wäre zu heikel gewesen.» Man habe sich darauf beschränkt, die Durchmischung der YB-Fans und Weihnachtsmarktgästen zu verhindern.

Die Gäste aus Bern zeigten wenig Interesse für den Thuner Weihnachtsmarkt und zogen direkt in das Stadion. Aus Sicht der Polizei verlief der Marsch ohne grössere Zwischenfälle. Gimmel will diesen aber nicht verharmlosen. «Bei solchen YB-Fanmärschen hat es erfahrungsgemäss immer negative Elemente dabei.» Damit meint er «massives ‹Chläberle›» und öffentliches Urinieren. «Anwohner der Marschstrecke würden sich wohl provoziert fühlen, wenn ich sagen würde, der Marsch sei problemlos verlaufen.»

Fanarbeit: «Blosse Symbolpolitik»

Lukas Meier von der Berner Fanarbeit hat den Extrazug begleitet, der die YB-Supporter nach Thun brachte. Vor dem Spiel stand er im Austausch mit den Fans. «Sie konnten das Marschverbot nicht nachvollziehen.» Meier versteht das. Bis auf den Vorfall von vergangenem Mai kann er sich nicht daran erinnern, wann YB-Fans in Thun das letzte Mal für Ärger gesorgt haben. Aufgrund eines Einzelfalls solche Massnahmen zu ergreifen, sieht Meier nicht als zielführend, «besonders wenn sie nicht einmal umgesetzt werden können». Das sei blosse Symbolpolitik. Dadurch werde nur eine Spirale geschaffen, in der die Probleme hin- und hergeschoben würden. Meier glaubt nicht daran, dass verschärfte Massnahmen den gewünschten Effekt bringen. «Sie greifen zu kurz», sagt der Fanarbeiter.

Meier stuft den Dialog zwischen den verschiedenen Parteien als wichtiger ein. Dieser sei bei der Planung vor dem Derby vernachlässigt worden. «Wir wurden von niemandem zu einem Gespräch eingeladen.» Zudem hinterfragt er die Verhältnismässigkeit der erlassenen Massnahmen. «Wenn 500 Fans, die friedlich zum Stadion pilgern, unser grösstes Problem sind, dann sind wir ­bereits auf recht gutem Niveau.»

Verschärfung ist möglich

Neben dem Fanwalk-Verbot bestanden die Behörden auf einer verschärften Eingangskontrolle im Stadion. Dadurch sollte verhindert werden, dass illegale Gegenstände wie pyrotechnisches Material ins Stadioninnere gelangen. Doch wie das Marschverbot umgingen die Fans auch die Sicherheitskontrollen. In beiden Fansektoren brannten Fackeln. «Wie das passieren konnte, gehört zu den offenen Fragen, die wir nun analysieren werden», sagt Gimmel.

Am 28. Mai 2017 steht der nächste Besuch der Berner Young Boys in Thun an. «Die Geschehnisse vom Sonntag werden sicherlich einen Einfluss auf die Planung dieses Spiels haben», kündigt Gimmel an. Der stellvertretende Sicherheitsdirektor lässt offen, ob die Auflagen erneut verschärft werden. «Es wäre möglich, dass ein Derby einmal ohne die Gästefans stattfinden wird.»

DerBund.ch/Newsnet

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