Das Büro ist auch ein Kaffeehaus

Im Coworking Space und Kaffeehaus Effinger an der Berner Effingerstrasse können Interessierte einen Arbeitsplatz mieten.

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Wer zu Hause ein Arbeitszimmer hat, ist üblicherweise mit einem von zwei Problemen konfrontiert. Eine Möglichkeit: Das Arbeitszimmer wird kaum benutzt, da man tagsüber ausserhalb arbeitet. Oder man ist mit dem zweiten Phänomen vertraut. Dass einem mit der Zeit die Decke auf den Kopf fällt und man nur noch raus will aus den eigenen vier Wänden. Für beide Phänomene will ein sogenannter Coworking Space, wie er heute an der Effingerstrasse 10 in Bern eröffnet, Abhilfe schaffen. Auf rund 300 Quadratmetern bietet das «Effinger» nicht nur Atelier- oder Arbeitsplätze samt Büroinfrastruktur, sondern auch ein Kaffeehaus, in dem man etwas trinken oder mittags eine Quiche essen kann.

Teilen senkt die Kosten

In Bern gibt es mittlerweile fünf ähnliche Angebote, bei denen man sich entweder tageweise einmieten oder gegen eine monatliche Gebühr einen Arbeitsplatz oder einen Konferenzraum benutzen kann. Inbegriffen im Mietpreis ist auch die gesamte Büroinfrastruktur, von der Kaffeemaschine bis zum Drucker. Im Effinger gehören auch Atelierplätze und eine Werkstatt zum Angebot. Dadurch, dass die Infrastruktur geteilt wird und die Arbeitsplätze besser ausgelastet sind als beispielsweise bei einem Arbeitszimmer zu Hause, entstehen Kostenersparnisse, die letztlich allen Nutzern zugutekommen. Was die Räumlichkeiten häufig gerade für Start-ups interessant macht, die noch keine repräsentativen oder dauerhaften Büroräume brauchen. Ein weiterer gewinnbringender Aspekt sind die einzelnen Nutzer dieser Einrichtungen. Häufig treffen Menschen mit den verschiedensten beruflichen Hintergründen aufeinander. Diese können sich gegenseitig in ihren Vorhaben unterstützen und beraten. Matthias Tobler, Mitbegründer des Effinger, sagt dazu: «Uns war es wichtig, verschiedene Menschen zusammenzubringen. Vom Künstler bis zum Informatiker.»

Bei einem Coworking Space gehe es immer auch darum, dass man an einem Netzwerk teilhaben könne. «Jedes Mitglied verpflichtet sich, ungefähr 10 Prozent seiner Arbeitszeit der Gemeinschaft zu widmen.» So profitiere jeder von den Fähigkeiten der andern. Der Grafiker könne zum Beispiel die Website eines Start-ups gestalten oder der Betriebswirtschaftler dem Künstler bei der Buchhaltung helfen.

Dass nun ein weiterer Anbieter von gemeinschaftlichen Arbeitsplätzen auftaucht, wird in der Szene begrüsst. Priscilla Wolf vom Coworking Space Urbanfish ist seit November 2013 im Geschäft und sagt: «Vielfalt ist wichtig.» Jeder Anbieter habe wieder seinen eigenen Stil und ziehe andere Leute an. Es müsse für den Einzelnen stimmen, nicht jeder fühle sich an jedem Arbeitsplatz oder in jeder Gemeinschaft gleich wohl. Ein weiterer Vorteil dürfte sein, dass sich die Anbieter bisher gut in der Stadt verteilen.

Teilen im Trend

Mit den geteilten Arbeitsplätzen liegt das Effinger im Trend. Teilen gilt bei älteren Generationen noch als Akt der Nächstenliebe. Vor allem Junge beginnen auch die praktischen Seiten des Teilens zu schätzen. Viele haben verstanden, dass nicht der Besitz, sondern der Zugang zu einer Sache entscheidend ist. Laut Schätzungen wird eine Bohrmaschine im Schnitt rund 13 Minuten benutzt. Jedem leuchtet ein, dass Teilen bei einem solchen Gebrauchsgegenstand sinnvoller ist als der Besitz. Vor der Erfindung des Internets war es aber kaum möglich, den Besitzer einer Sache mit demjenigen zusammenzubringen, der gerade den Bedarf hätte. Mittlerweile gibt es Onlineplattformen, auf denen solche Tausch- und Leihgeschäfte relativ einfach abgewickelt werden können. Auch moderne Wohnüberbauungen wie die Kalkbreite in Zürich oder die kommende Warmbächli-Überbauung in Bern haben das Konzept des Teilens bereits in der Planung integriert. Durch Gästezimmer, die bei Bedarf dazu gemietet werden können, Gemeinschaftsräume oder gemeinsame Arbeitsplätze kann der Platzbedarf des einzelnen Bewohners verringert werden. Dies ist gerade in einer Zeit zunehmender Verdichtung von Interesse.

Dass solche Entwicklungen nicht unproblematisch sind, sondern auch zu grossen strukturellen Umbrüchen führen können, zeigte kürzlich der Aufschrei der Taxifahrer in Bern, als bekannt wurde, dass der Taxivermittler Uber plant, seine Tätigkeiten auf Bern auszuweiten. Der Dienst ermöglicht es gewöhnlichen Autolenkern, zum Taxifahrer zu werden. Die Funktion der Taxizentrale übernimmt hierbei eine App, über die der Kunde das Taxi bestellt. Da die Fahrzeuglenker weniger stark reguliert sind als herkömmliche Taxiunternehmen und sämtliche Kosten und Risiken von den Fahrzeugbesitzern getragen werden, führt diese neue Entwicklung zu einem starken Preiszerfall in der Branche und setzt so professionelle Taxifahrer unter Druck.

Der Bund

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