«Das Berner Clubleben scheint mir ziemlich vital»

Der frühere Leiter des Stadtberner Jugendamtes, Jürg Häberli, ist der erste Berner Nachtleben-Vermittler. Er erzählt von seiner Tätigkeit, seinen Visionen – und seinem letzen Discobesuch.

«Ich bin kein Nachtleben-Praktiker», sagt Jürg Häberli, Leiter der neuen Berner Vermittlungsstelle Nachtleben.

«Ich bin kein Nachtleben-Praktiker», sagt Jürg Häberli, Leiter der neuen Berner Vermittlungsstelle Nachtleben.

(Bild: Manu Friedrich (Archiv))

Basil Weingartner@bwg_bern

Jürg Häberli, im vergangenen Herbst liessen Sie sich als Leiter des Jugendamtes frühpensionieren. Anstatt die freie Zeit zu geniessen, stürzen Sie sich nun ins Getümmel des Nachtlebens.
(lacht) Es wird sich zeigen, wie stark ich mich ins Getümmel stürzen werde. Ich wurde angefragt, ob ich Lust hätte, städtischer Vermittler im Nachtleben zu werden. Da ich das Amt spannend finde, habe ich zugesagt.

Trifft man Sie als über 60-jähriger selbst in der Diskothek an?
(lacht) Ich war erst vor kurzem tanzen – in einer Oldies-Disco. Aber sie haben Recht, ich bin kein Nachtleben-Praktiker. Dafür bin ich zu alt. Ich bringe aber durch meine früheren Jobs einiges an Erfahrung für die anstehende Tätigkeit mit. Zudem werde ich mich vertieft in die Materie einlesen.

Werden Sie als Vermittler zumeist Streitigkeiten unter Nachbarn zu schlichten haben?
Nein, ich werde nicht an Samstagabenden in Berns Gassen ausrücken. Dies kann nicht meine Aufgabe sein, dazu ist die Polizei da.

Neben der Polizei gibt es auch noch die halbrepressive Pinto. Für die Erteilungen der Bewilligungen an die Bars und Nachtclubs ist derweil das Regierungsstatthalteramt zuständig. Wo werden Sie sich in dieses Gefüge eingliedern?
Man wird sehen müssen, wie sich dies entwickelt. Das Ganze ist ein Pilotprojekt, das ein Jahr läuft. Herauszufinden, ob es dieses Angebot überhaupt braucht und ob ich die richtige Person dazu bin, ist Teil dieser Testphase. Meine erste Aufgabe wird es nun sein, mich bekannt zu machen, mit den Leuten zu sprechen und die Bedürfnisse abzuklären. Aber sie haben Recht, die Stadt Bern ist vom Nachtleben betroffen – im Positiven, wie im Negativen – hat aber, wie bei den angesprochenen Bewilligungen, wenig zu sagen.

Was sind die Mittel, die Ihnen als Vermittler künftig zur Verfügung stehen werden?
Das ist primär dasjenige des Gesprächs. In Gesprächen will ich Kompromissideen und alternative Wege ausloten. Ich verfüge zudem über relativ viel Erfahrung und Kontakte. Doch ob ich damit Bewegung in die Nachtleben-Thematik bringen kann, weiss ich nicht.

Sie waren 35 Jahre lang bei der Stadt angestellt, dort kennt man Sie. Auf der Clubseite werden Sie aber erst Goodwill schaffen müssen. Laufen Sie nicht Gefahr, zwischen all der zu befriedigenden Interessen aufgerieben zu werden?
Vielleicht werde ich feststellen, dass es nicht möglich ist, als Einzelperson etwas zu bewegen.

Im Nachtleben treffen sehr unterschiedliche Interessen aufeinander: Die einen wollen tanzen, die anderen wollen in Ruhe schlafen. Kann das jemals zusammenpassen?
Das ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. So bringt man die Interessen in der Aarbergergasse, wo sehr wenige Leute leben, gut unter einen Hut. In reinen Wohngebieten wird dies nicht immer möglich sein, dessen bin ich mir bewusst. Bern soll eine lebendige Stadt mit einem guten Nachtleben sein, doch andererseits können auch die Bedürfnisse der Anwohner nicht einfach weggewischt werden. Hierzu zeigen die im Nachtleben-Konzept definierten Ausgeh-Zonen einen guten Lösungsansatz auf.

Werden Sie auch selber Ideen mit einbringen?
Das ist denkbar. Doch auch hier: Ob es etwas bewirken wird, weiss ich nicht. Ich bin nicht blauäugig. Ich kenne die Verwaltung und kenne auch die zuständigen Stellen gut. Dort sind bereits jetzt gute und engagierte Menschen tätig. Ich denke nicht: Schwupps, jetzt komme ich und alles bewegt sich.

Können Sie konkrete Konzepte nennen?
Ich erachte den ihm Nachtleben-Konzept enthaltenen Vorschlag, der Clubs dazu animieren soll, punktuell Angebote für Jugendliche anzubieten, als sinnvoll. Ebenso die Umnutzung der Sanitätswache Nägeligasse, Spontanbewilligungen sowie Zwischennutzungen – auch wenn ich mir bewusst bin, dass letztere nicht immer einfach zu realisieren sind. Die Leute sollen zudem auf mich zukommen. Anschliessend werde ich probieren, Türen zu öffnen und Leute miteinander ins Gespräch zu bringen.

Für viele junge Leute ist klar: Berns Ausgehangebot ist dürftig.
Das finde ich nicht, vielleicht abgesehen von demjenigen für die unter 20-Jährigen oder für Menschen mit kleinem Budget. Hier sehe ich durchaus Verbesserungspotential. Aber das Clubleben scheint mir proportional zur Grösse ziemlich vital – auch im Vergleich zu anderen Städten ist Bern sehr attraktiv.

DerBund.ch/Newsnet

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