Das Beizensterben ist kaum aufzuhalten

Die klassische Bierbeiz hat es schwer – das zeigt der Blick in die Berner Innenstadt. Doch auch Speiserestaurants verschwinden, da andere Nutzungen mehr einbringen.

«Wo soll der einfache Büezer eigentlich noch hingehen?»: Ein Gast des Braunen Mutz in der Genfergasse äusserte 2003 seinen Unmut über die Schliessung.

«Wo soll der einfache Büezer eigentlich noch hingehen?»: Ein Gast des Braunen Mutz in der Genfergasse äusserte 2003 seinen Unmut über die Schliessung.

(Bild: Michael Schneeberger (Archiv))

Markus Dütschler

Eine rauchgeschwängerte Beiz, Männer am Tisch mit Bierhumpen und Jasskarten: Das Bild weckt fast nostalgische Gefühle, auch wenn es eine typisch schweizerische Situation beschreibt. Geraucht wird in Gaststätten seit sechs Jahren nicht mehr. Das Jassen hat schon bessere Zeiten gesehen. Und seit die gleitende Arbeitszeit üblich ist, gibt es kaum noch Belegschaften, die gleichzeitig die «Bude» verlassen und der Feierabendbeiz entgegenstreben. Viele dieser Betriebe existieren darum nicht mehr.

Ein Stammtisch ohne Raucher sei nicht mehr dasselbe, gibt Tobias Burkhalter zu bedenken, Casino-Wirt und Präsident des Branchenverbands Gastro-Stadt-Bern. Und der Gast, der sich stundenlang bei einigen Bieren im Lokal aufhalte, sei selten geworden. Vielleicht deckten sich solche Konsumenten im Discounter mit Tranksame ein und verzehrten sie an einem Ort, wo man rauchen dürfe, vermutet er. Oder: Diese Art Gast findet keine Beiz mehr nach seinem Gusto.

Es waren prophetische Worte, die ein Gast im Braunen Mutz ausstiess, als der «Bund» 2003 für ein «Aufgetischt» dort verweilte: «Wo soll der einfache Büezer eigentlich noch hingehen?» Das Restaurant an der Genfergasse hatte früher einen Ruf als Speiserestaurant, besonders die Gaststube im ersten Stock, doch war es am Schluss vor allem ein sozialer Treffpunkt derer, die rustikale Umgangsformen ebenso mochten wie das rustikale Ambiente. Wochen später fiel der Entscheid, den Mutz stillzulegen. Heute befindet sich darin eine Apotheke, die zum Ryfflihof-Komplex gehört. Dem Platzhunger des Coop-Warenhauses war früher schon der Hirschen zum Opfer gefallen.

Spunten-Cluster Genfergasse

Die Genfergasse war ein Cluster für raue Gastro-Herzlichkeit. Die Traube an der Ecke Aarbergergasse zog Randständige, besonders Drogenabhängige, an. Nach einer durchgreifenden Renovation der Liegenschaft eröffnete die Berner Ossobukko-Gruppe das trendige Speiserestaurant Sassafraz, benannt nach einer alten italienischen Apfelsorte. Seit kurzem ist es geschlossen. Gegenüber befand sich der Halbmond. Der Autor erinnert sich, dass er – ganz neu in Bern – daran vorbeiging, als ein volles Glas Bier in hohem Bogen über die Strasse flog und aufs Pflaster klirrte. Er zog daraus gewisse Schlüsse.

In der Oberen Altstadt gab es bis vor einigen Jahren noch viele Bier-Beizen – sie sind mittlerweile verschwunden.

Man erinnert sich auch an das Bürgerhaus, dessen Name verriet, dass es als Alternative zum sozialistischen Volkshaus (Hotel Bern) gegründet worden war. Das Etablissement machte 1999 mit einem sorgfältig geplanten, aber misslungenen Brandanschlag von sich reden. 2000 wurde daraus – nicht untypisch – eine Filiale der Modekette Feldpausch. Ein historischer Ort war auch der Löwen an der Spitalgasse.

Im Zuge der Radio-Liberalisierung ab dem 1. November 1983 sendete darin hinter einer Glaswand die Aare-Welle (später umbenannt in Extra Bern, Capital FM bzw. Radio Bern 1). Das Lokal zog auch Drogenabhängige an. Irgendwann wurden die weissen Steinlöwen vor dem Lokal beschädigt und verschwanden ganz, ebenso die Beiz. An einer Hausfassade am Waisenhausplatz prangt noch immer der Name Hopfenkranz. Die langjährigen Wirte, Heinz und Helene Schweigert, betrieben im ersten Stock seit den 1970er-Jahren den Rincón Peruano mit – damals sehr exotischer – Kost aus Peru.

Als Schweigerts sich 2001 zur Ruhe setzten, eröffnete Coop im Parterre eine Pronto-Filiale. Diese ging 2006 zu, das ganze Haus wurde renoviert. Heute gibt es darin keine Spur mehr eines Restaurants, sondern ein Verkaufslokal eines trendigen Schuhhändlers.

Besitzerwechsel: Heikler Moment

Bei einem Besitzerwechsel schlägt die Stunde der Wahrheit: Veraltete Küchen und Toiletten müssen saniert, simple Ventilatoren durch teure Lüftungskanäle ersetzt werden. Das schreckt Nachfolger ab, zumal Banken mit Gastrokrediten knausern. Da Modehäuser nach Verkaufsflächen gieren, wird oft umgenutzt. So brauchte es einige Standhaftigkeit der Zunft zu Schmieden, damit die Schmiedstube als Restaurant erhalten blieb. Und hätten die Hauseigentümer in der Von-Werdt-Passage nicht auf einem für Kundinnen und Kunden attraktiven Branchenmix bestanden, wäre im Ex-Abegglen-Café jetzt nicht Confiseur Beeler mit einer Filiale vertreten, sondern eine beliebige Modeboutique.

DerBund.ch/Newsnet

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