Dann das Vergnügen

18–19 Uhr: Bei aller Liebe zum Feierabendbier: Das Apérohäppchen könnte einem im Hals stecken bleiben, bei dem Grusel, der ihm innewohnt.

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Hanna Jordi

Wer am frühen Abend durch die Stadt spaziert, erhält einen Eindruck davon, wie Freizeit eingeläutet wird: Man begegnet Menschen mit Badisachen, Einkaufstüten und soeben abgeholten Kita-Kindern. Wer nicht direkt den Heimweg antritt, macht den Umweg über die Gastronomie.

In den Strassencafés und auf den Plätzen der Stadt treffen sich die Menschen zu einer Sache, die zwar den Namen eines alkoholhaltigen Getränks trägt, aber eigentlich eine soziale Institution ist: das «Fyrabebier». Es heisst so selbst dann, wenn die Beteiligten nur Espresso bestellen. Das Wichtige daran ist nämlich nicht das Wichtige darin. Es geht um kein konkretes Getränk, sondern um den Feierabend an sich mit seinen wunderbaren Handgriffen – Krawatte lockern, Freunde versammeln, Bier bestellen.

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Der Feierabend ist jene Zeit im Tag, in der sich selbst die knorrigste Seele endlich leicht entknittert und sich ihrer eigenen Genussfähigkeit versichern darf mittels der Gesten, die sie sich auf italienischen Piazze von versierteren Lebemenschen abgeschaut hat. Savoir-vivre, das können wir gut, schliesslich trinken wir Alkohol mit Limonade drin.

Warten auf einen Feierabend, der nie kommt; das war Augustinus’ Hölle. 

Das Eigenartige ist: Mit der Leichtigkeit des Seins hat der Feierabend nicht viel zu tun. Was sich herrlich anfühlt, ist eigentlich eine erzkonservative Angelegenheit und entspringt einer Kultur, die im Kern wahnsinnig arbeitsvernarrt ist. Das Zelebrieren des Feierabends ist ein Nebeneffekt des protestantischen Arbeitsethos, der Arbeit als zentrale Aufgabe im Leben eines Menschen definiert, während die Freizeit und ihre Zerstreuungen lediglich darum herumgruppiert werden. Davon zeugen die bekannten Gassenhauer des deutschen Sprachgebrauchs: «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen» oder «Arbeit kommt vor dem Spiel». In der Managersprache heisst es dann «work hard, play hard», und in Goethes Deutsch:

Tages Arbeit, abends Gäste! Saure Wochen, frohe Feste! Sei dein künftig Zauberwort.

Die Freizeit und ihre Ausschweifungen haben also durchaus ihren Platz in unserer Gesellschaft. Aber immer nur in Abhängigkeit zur Arbeit. Genuss als Selbstzweck ist nicht vorgesehen, Musse muss verdient sein. Das ist, mit Verlaub, ungesund. Es führt zu wunderlichen Verrenkungen. Etwa, wenn es im internen Newsletter oder in der Abwesenheitsmeldung heisst, die Kollegin habe sich für zwei Wochen in die «wohlverdienten Ferien» verabschiedet. So ein Mumpitz. Lohn verdienen wir. Freizeit sollte uns sowieso gehören.

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Der Philosoph Augustinus von Hippo hatte kein gutes Verhältnis zur Arbeit: In der Hölle müsse wohl ohne Ablass malocht werden, vermutete er. Ein immerwährendes Warten auf einen Feierabend, der nie kommt; das war seine Hölle. Insofern können sich die rund 60 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer, die erwerbstätig sind, glücklich schätzen. Irgendwann im Verlauf des Tages werden sie ihren Feierabend antreten. Früher oder später.

Andere, die sich nachweislich nicht in der Hölle befinden, sondern lediglich in anderen Arbeits- oder Lebensumständen, sind vom Feierabendfeiern trotzdem ausgeschlossen. Wer nicht zum wertschöpfenden Teil der Gesellschaft gehört, kann beim kollektiven Aufatmen zwischen sechs und sieben Uhr abends nicht mittun.

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Arbeitslose haben keinen Feierabend. Rentner auch nicht. Vielleicht auch Schüler, Studentinnen und Selbstständige nicht, denn welcher Vertrag legt fest, ob jetzt nicht noch ein weiterer Fachartikel gelesen oder die Buchhaltung erledigt werden sollte?

Auch Mütter und Väter, die zu Hause Kinder betreuen und dadurch kein eigentliches Arbeitsende haben, sondern jene supergleitenden Arbeitszeiten, die andauern, bis die Kinder nachts zum letzten Mal aufgewacht sind, kennen keinen rechten Feierabend. Von der allgemeinen Fyrabebier-Stimmung ausgenommen sind auch jene, die Schicht arbeiten. Ironischerweise etwa die Gastronomen, die ihre Arbeit beginnen, um jene zu bewirten, die ihre Arbeit für eine Weile niedergelegt haben.

Wir haben es, wie Nike-Turnschuhe, dem Kapitalismus zu verdanken.

Es ist mit der Balance zwischen Arbeit und Privatleben doch wie mit einer Küstenlandschaft. Das Meer ist die Arbeit, das Land die Freizeit und der Strand dazwischen die Grenze, der Feierabend. Ohne das Meer gibt es keinen Strand – er wäre maximal eine Wüste. Hingegen existiert eine Landfläche auch dann, wenn kein Meer angrenzt. Auch Freizeit müsste für sich allein funktionieren können, ohne dass wir uns unter Erwähnung bereits geleisteter Arbeit dafür rechtfertigen müssen.

Hier hat sich irgendwann ein Missverständnis eingeschlichen, und wir haben es wohl, ähnlich wie die Preisgestaltung von Nike-Turnschuhen oder die Immobilienblase, dem Kapitalismus zu verdanken.

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Das grösste Schelmenstück, das der Kapitalismus zustande brachte, war, uns glauben zu lassen, dass wir uns zugunsten der Individualisierung bei der Arbeit selbst verwirklichen sollten. Also suchten wir uns Betätigungsfelder, die uns Spass machten und uns erfüllten, was sich auch für den Arbeitgeber als praktisch herausstellte: Noch lange nach Augustinus und der Antike war der Spass der Freizeit vorbehalten gewesen, heute dagegen darf auch die Arbeit spassig sein. Sie lässt sich jetzt geradeso gut in die Freizeit ausdehnen, wer merkt da noch den Unterschied.

Nicht zuletzt, um den Unterschied eben doch zu bemerken, ja ihn geradezu mit Leuchtstift zu markieren, ist eine im Wesen so biedere Institution wie das Fyrabebier derart wichtig. Wir brauchen einen Strand, damit der Übergriff der Arbeit auf das Leben nicht einreisst. Wir brauchen einen Bruch zwischen der Phase, in der wir uns einer Sache widmen, die eigentlich nicht die unsere ist, und der Zeit, die wir selbst gestalten, weil sie uns allein gehört. Nennen wir ihn Feierabend, gern auch mit seinem gespritzten Weissen und seinen Nüsslein. Und wenn dann eine sagt: «Eins nehm ich noch, aber dann muss ich wirklich.» Soll man halt einhaken und höflich fragen: «Wirklich?»

DerBund.ch/Newsnet

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