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Christoph Blocher in Aarberg: Beweihräucherung des Unersetzlichen

Am Berchtoldstag würdigte Christoph Blocher drei verdienstvolle Seeländer. Was als Grundsatzrede angekündigt war, geriet zum Festival der Seitenhiebe.

«Ich wurde abgewählt, weil ich alles richtig gemacht habe»: Christoph Blocher teilte zum Jahresbeginn in Aarberg tüchtig aus. (Adrian Moser)
«Ich wurde abgewählt, weil ich alles richtig gemacht habe»: Christoph Blocher teilte zum Jahresbeginn in Aarberg tüchtig aus. (Adrian Moser)

Einen solchen Aufmarsch hat das Hotel Kronen im beschaulichen Zentrum des Seeländer Städtchens Aarberg wohl noch nie erlebt. Im «Kronen»-Saal, in dem der bürgerliche Vordenker Christoph Blocher sprechen wird, herrscht Gedränge, in vier weiteren Sälen wird das Gesicht des Politstars auf Leinwände projiziert, über tausend Leute sind gekommen.

Der Weg in den «Kronen»-Saal führt die Besucher vorbei an fünf Bildern. Drei davon sind Originalwerke des Inser Malers Albert Anker, von Christoph Blocher aus seiner Privatsammlung mitgebracht. «Von so nah werdet ihr die nie mehr sehen», wird er später sagen. Die beiden anderen Bilder sind Fotografien, die schon länger in der «Krone» hängen: Sie zeigen Alt-Bundesrat Samuel Schmid, der hier Gäste empfangen hat, den «halben Bundesrat» also, wie ihn die SVP einst schmähte, den abtrünnigen SVPler. Mitten in Schmids Heimat hat sich der Zürcher Christoph Blocher gewagt, um Bernern von Bernern zu erzählen. Drei Seeländer sollen an dieser Veranstaltung im Mittelpunkt stehen: Ulrich Ochsenbein, «Begründer der Bundesverfassung», der einstige Bundesrat Rudolf Minger und eben der Inser Maler Albert Anker.

Hartnäckige Blaskapelle

Im Vorfeld hatte Blocher betont, jedermann sei willkommen, gerade auch junge Menschen, die sich nach Orientierung sehnten. Gekommen sind dann doch fast ausschliesslich seine Jünger. Es sind mehr Männer als Frauen da, und sie sind eher älter. Als Blocher den Saal betritt, klatschen sie in die Hände. Seinetwegen sind sie da, nicht wegen Minger oder Anker. Daran wird auch die zweistündige Glorifizierung der drei Seeländer Helden nichts ändern.

Nur einer scheint bestrebt, Christoph Blocher den Platz im Zentrum streitig zu machen: der Dirigent der Frienisberger Blaskapelle. Nach jedem dargebotenen Stück streckt dieser stämmige Mann am Bühnenrand die Arme senkrecht vom Körper weg, einem Turmspringer gleich, um dann mit derart viel Verve eine Verbeugung einzuleiten, dass dem Betrachter angst und bange werden muss, er lande nach einem Vorwärtssalto auf dem Schoss von Blocher höchstpersönlich, der in der ersten Zuschauerreihe auf seinen Auftritt wartet.

Überhaupt ist es nicht ein ganz glücklicher Auftritt der Blaskapelle. Zu Beginn ist alles schön und gut: Ein Pärchen singt, sie hat sich an seinem Arm eingehängt, es wird geschunkelt. Der Mann singt in einer höheren Tonlage als die Frau, aber das muss wohl so sein. Nur: Die Musiker von der Blaskapelle wollen einfach nicht mehr aufhören. «Chlemmet de öppe ab, gopferteli!», ruft ein Mann erzürnt, nachdem die Blasmusikanten schon fast eine volle Stunde gespielt haben, und verlässt mit seiner Frau wütend den Saal. Jetzt weiss auch der Dirigent: Seinetwegen ist heute niemand da. «Alles muss verdient sein», seufzt eine Frau.

Dann endlich betritt er die Bühne, der «Dr. Blocher», der «bekannteste Politiker, in alter Frische», wie er angekündigt wird. Er schaut in den Saal, bedankt sich für den Grossaufmarsch und legt los: «Viele sagten, an so eine Veranstaltung komme niemand. Aber die sagen auch, wir Schweizer hätten einen schlechten Namen.» Zack. Der erste Seitenhieb im zweiten Satz. Und so geht es weiter. Ein gutes neues Jahr wünscht er nicht, dafür ist jetzt keine Zeit. Die Unterarme auf dem Pult abgestützt, nach vorne gelehnt. Eine Grundsatzrede solle es werden, hatte er angekündigt. Blocher wirkt frisch, er wirkt kampflustig, die Leute hängen an seinen Lippen.

Der Milliardär des Volkes

Blocher hält sich nie lange an sein Manuskript. Immer wieder schiebt er spontan Sätze ein, macht Sprünge. Blocher spricht sehr souverän, wie meistens. Häufig scheint er sich während des ersten Satzteils erst zu entscheiden, wie er den Satz abschliessen wird. Das macht er dann auch geschickt, aber häufig resultieren doch kleine Ungenauigkeiten, passen die beiden Satzteile nicht exakt zueinander. Auch dadurch entsteht dieser Eindruck, der von so vielen als Volksnähe interpretiert wird, diese seltsame Sprache, die wohl gerade auch wegen ihrer Holprigkeit so eingängig ist. Aber natürlich ist damit das scheinbare Paradoxon noch nicht hinreichend erklärt, dass es diesem millionenschweren Zürcher Unternehmer gelingt, Hunderten Bernern das unbedingte Gefühl zu geben, einer von ihnen zu sein. Müsste die heutige «Classe politique» der Schweiz eine neue Verfassung geben, würde sie ein Papier aufsetzen, das «so gescheit ist, dass man es nicht lesen kann». «Man» sagt er, und «man» heisst «wir», also ganz explizit auch er, obschon ja nun wirklich jeder weiss, dass Blocher mühelos auch komplizierte Schriften versteht.

Seitenhiebe à gogo

Blocher scheint dermassen überzeugt von der Richtigkeit seiner Mission, dass er Sätze sagt wie: «lieber für eine gute Sache unanständig als für eine schlechte anständig». Oder: «Ich wurde als Bundesrat abgewählt, weil ich alles richtig gemacht habe.» Gelächter. Überhaupt wird viel gelacht an diesem Morgen, und die Häme zielt immerzu in dieselbe Richtung: Gegen die «Classe politique» geht es, gegen «die dort oben», gegen die «aufgeblasenen Bürokraten» und ihr «geschliffenes Gesülze».

Der dritte und letzte Teil ist jener, der Blocher «am leichtesten gefallen ist», wie er später dem «Bund» anvertraut. Er referiert zu seinem Lieblingsmaler Albert Anker, «der sich die Wirklichkeit ansah und nicht so irgendwelche Fantasiewelten». Der Menschen «aus allen Schichten und jeglicher Herkunft» (Blocher präzisiert sogleich: «also Deutschschweizer und Welsche») gemalt habe. Blocher hat einen Massstab mitgebracht, der Albert Anker gehörte. Darauf ist zu lesen: «Siehe, die Erde ist nicht verbrannt.» Die Linken wollten immerzu die Welt retten, sagt Blocher, der Klimagipfel in Kopenhagen sei eine «interessante Cabaretveranstaltung» gewesen (Gelächter), aber eigentlich müsse die Welt ja gar nicht gerettet werden – ein befreundeter Bauer habe gesagt, wenn es zwei Grad wärmer werde, könne er das Vieh früher rauslassen, alles habe zwei Seiten, auch der Klimawandel (grosses Gelächter). Aber wenn die Linken einsehen würden, dass die Erde nicht verbrannt sei und deshalb auch nicht gelöscht werden müsse, «dann hätten sie ja nichts mehr zu tun!» (an hemmungsloses Gejohle gemahnendes Gelächter durchflutet jetzt den Saal). «Da ist ein Cabaret ein Dreck dagegen», sagt jemand anerkennend. Von Minute zu Minute erhöht sich nun die Kadenz der Pointen.

Gerstensuppe und platte Scherze

Blocher als Mann der einfachen Leute: Am deutlichsten zelebriert er diese Rolle nach seiner Rede, bei Gerstensuppe und Weisswein auf dem Stadtplatz. Blocher gibt Unterschriften, und er reisst platte Witze. (Etwa: «Mein Doktor hat gesagt, ich müsse abnehmen. Da hab ich gesagt, dann müsse ich zur FDP, die SVP lege ja immer zu.») Die Leute wollen Fotos und Unterschriften, und viele haben das Bedürfnis, ihm zu sagen, was es ihnen bedeutet, ihn zu treffen. Blocher geniesst die Zuwendungen, hier ein Spruch, da ein Witz, und immer ist er es, der am lautesten lacht.

Alle scheinen begeistert, ja geradezu beseelt von dieser Rede, von dieser «Predigt», wie einige sagen. Auch Blochers Berner Parteikollegen sind höchst zufrieden. Sie sind hin und weg ob der Art und Weise, in der Blocher über diese grossen Berner referiert habe. «Überwältigend» findet Grossrat Thomas Fuchs die Rede, die aus seiner Sicht «ganz klar eine Gratwanderung» gewesen sei. «Fantastisch!» ist das Fazit des Berner Stadtrats Erich J. Hess. Kein Berner hätte das so gekonnt, ist er überzeugt. Ist die SVP also nach wie vor auf Blocher angewiesen? Hess überlegt lange und sagt dann: «angewiesen, aber nicht abhängig». Es bleibt kaum Platz für Zweifel: Blocher ist nach wie vor der unangefochtene Weiser des konservativen Weges.

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