Christen-Demo unter Polizeischutz

Am Samstag lockt der Marsch fürs Läbe fundamentalistische Christen nach Bern. Wer sind sie, wieso rufen linke Kreise zur Störung auf, und was erwartet Reto Nause von der kontroversen Kundgebung?

Nicht ohne Polizeiaufgebot: Der Marsch fürs Läbe wird seit der ersten Ausgabe in Zürich von linken Kreisen bedrängt.

Nicht ohne Polizeiaufgebot: Der Marsch fürs Läbe wird seit der ersten Ausgabe in Zürich von linken Kreisen bedrängt. Bild: Keystone

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Am Samstagmorgen werden aus 27 Gemeinden aus der ganzen Schweiz Busse auf Bern zusteuern. Ihr Ziel: der Bundesplatz. Ihre Passagiere: konservative Christen, die in Vereinen mit Namen wie «Gebet für die Schweiz» oder «Christen für die Wahrheit» organisiert sind. Sie finden Abtreibungen genauso schlimm wie Sterbehilfe, stehen für die Ehe zwischen Mann und Frau ein und werden sich auf dem Bundesplatz für den Marsch fürs Läbe (MfL) versammeln.

Wer steckt hinter dem Anlass, auf dessen Homepage «Gott, der Allmächtige, um Umkehr und Heilung für unser Volk» gebeten wird? Daniel Regli ist MfL-Präsident, sitzt für die SVP im Zürcher Stadtparlament und hat ein Buch darüber geschrieben, warum die sexuelle Revolution das altbewährte Familienmodell ausgebremst hat. Für Fragen hat er am Mittwoch keine Zeit und verweist auf Mediensprecherin Beatrice Gall. Die ist nebenbei Geschäftsführerin bei «Zukunft CH», einer christlichen Stiftung, die sich für «Schweizer Familien mit Kindern» einsetzt und eine «schleichende Einführung der Scharia» verhindern will.

Radikal, aber gesetzeskonform

Gall gibt Auskunft über die MfL-Aktivitäten. Es sei in der heutigen Zeit schwierig, christlich-konservative Werte zu vertreten. «Es läuft dem Mainstream entgegen.» Sie seien überzeugt, dass diese das notwendige Fundament seien, damit unsere Gesellschaft zukunfts- und überlebensfähig bleibe. Dazu zählt sie auch das «Lebensrecht». In christlichen Kreisen ist damit ein Abtreibungs- und Sterbehilfeverbot gemeint.

Würde Gall die MfL-Interpretation des Christentums als radikal bezeichnen? «Wenn mit radikal gemeint ist, dass wir für unsere Meinung einstehen, auch wenn uns eisige Luft um die Nase weht, dann ja.» Sie hält jedoch fest, dass ihre Meinungen weder das Gesetz noch den Rechtsstaat missachten würden.

Dennoch tun sich die christlichen Marschierer schwer mit demokratisch gefällten Volksentscheiden. 2002 sprach sich das Schweizer Stimmvolk mit 72,2 Prozent deutlich für die Fristenregelung aus. Diese erlaubt Schwangerschaftsabbrüche bis zur zwölften Woche. Gleichzeitig wurde die Abtreibungsverbots-Initiative «Für Mutter und Kind» mit 81,7 Prozent Nein-Stimmen deutlich abgelehnt. Entscheide, die immer noch an der konservativen Christenseele zu nagen scheinen. «Volksentscheide und Gerichte mögen erlauben, was immer sie wollen.» Abtreibung sei und bleibe in nahezu 100 Prozent der Fälle furchtbares Unrecht.

EVP-Spitze fehlt

Das MfL-Gedankengut reicht über christliche Splittergruppen hinaus. Zur Trägerschaft des Marsches gehört auch die EVP. Deren Präsidentin und Berner Nationalrätin Marianne Streiff will zum Marsch keine Stellung beziehen, sagt nur, dass sie nicht teilnehmen wird. «Aus familiären Gründen», schiebt EVP-Mediensprecher Dirk Meisel nach. Ist ihr die Teilnahme an der kontroversen Veranstaltung zu heikel? «Wer Marianne Streiff kennt, weiss, dass sie sich in ihrem Engagement nicht von Imagegründen leiten lässt.»

Ob es tatsächlich familiäre Gründe sind, die Streiff von einer Teilnahme abhalten, bleibt offen. Gegenüber dem «SonntagsBlick» liess sie durchblicken, dass sie mit den vermittelten Inhalten nicht gänzlich einverstanden sei. Zum Beispiel dass Frauen, die abgetrieben haben, als Täterinnen bezeichnet werden, störe sie sehr.

Küsse und Ungehorsamkeiten

Die Wortwahl der MfL-Organisatoren ist in linken Kreisen genauso umstritten wie deren Aussage. So schrieb Präsident Regli, dass «Egoisten unserer Tage» nicht anerkennen wollen, dass nur die treue Liebe in Freundschaft, Ehe und Familie zum Lebensglück führe. «Stattdessen fordern sie uneingeschränkten Sex, Abtreibung, Homo-, Bi- und Transsexualität.» Dass die Lebensqualität dabei auf der Strecke bleibe, sei ihnen offenbar egal.

Solche Aussagen rufen seit der Erstausgabe des Marschs 2010 in Zürich Gegendemonstranten aus linken Kreisen auf den Plan. Die Christen stehen jedes Jahr unter massivem Polizeischutz. Auch in Bern wird ihnen wohl ein rauer Wind entgegenschlagen. Das Bündnis «Bern stellt sich que(e)r!» hat dazu aufgerufen, den Marsch zu stören, und kündigt eine bunte Demonstration und zivilen Ungehorsam an. Zudem sollen auf dem Bahnhofplatz Küsse und Umarmungen verteilt werden. «Die MfL-Forderungen sind erschreckend», teilt das Bündnis auf Anfrage mit. Sie würden Frauen die Selbstbestimmung über ihren Körper entziehen und homosexuelle Beziehungen diskriminieren.

Zudem wird die Rolle der Stadt, welche die Bewilligung erteilt hat, infrage gestellt. Es sei erstaunlich, dass diese die Gefahr einer Kundgebung des Islamischen Zentralrats erkennt und ein Verbot ausspricht, beim Marsch hingegen nichts geschieht.

Polizei ist vorbereitet

Sicherheitsdirektor Reto Nause sieht zwar bei den Marschteilnehmern kein Gewaltpotenzial, bei den geplanten Störaktionen sieht das anders aus. «Sie sind sehr unberechenbar. Die Polizei ist aber vorbereitet.» Man wisse schon seit Wochen von der unbewilligten Gegendemonstration und wisse von den Märschen aus Zürich, dass die Marschteilnehmer immer wieder attackiert wurden.

Die geplanten Sicherheitsmassnahmen werden den ÖV- und Fussverkehr beeinträchtigen. Rund um den Bundesplatz sollen Strassen gesperrt werden, und es könne zu Personenkontrollen kommen, sagt Nause.

Was für eine Meinung hat denn Nause, der CVP-Politiker, zum MfL? Dazu will er sich nicht äussern. «Das tut nichts zur Sache.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.09.2016, 06:41 Uhr

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