#catlike #roadcycling

Unmögliche Körperhaltung, dafür mit Leggins: «Poller»-Kolumnistin Hanna Jordi hat Rennvelofahrer unter die Lupe genommen.

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Hanna Jordi

Alle reden von der Velo-Offensive in Bern. Doch von der Velo-Offensive im Privaten spricht kaum jemand. Dabei ist es augenfällig: Immer mehr Männer steigen aufs Rennvelo um. Schon länger ist es her, da tauchten sie in den Strassen der Stadt wieder auf, die Secondhand-Rennvelos in nostalgischen Farben und mit geschwungenen Lenkern. Rasch gewöhnte man sich wieder an ihre Erscheinung, an ihre Feingliedrigkeit, die jedes Mountainbike daneben absurd ungeschlacht aussehen liess.

Man lernte auch, ihre Nachteile zu akzeptieren. Der Rahmen ist ja eine eigentliche Zumutung, der Körper wird zu einem einzigen ungünstigen Winkel gefaltet. Die abgelegenen Bremshebel sind fast nicht zu bedienen für normal proportionierte Extremitäten, nur schon vom Hinschauen bekommt man Sehnenscheidenentzündung. Gar nicht erwähnen wollen wir diese schmale Ahnung von Pneu: Einmal nicht aufgepasst, und die Tramschiene hat dich. Als die Retrorenner ihr Revival erlebten, war die Strecke zwischen Monbijou und Wander regelmässig mit den verrenkten Gliedern gestürzter Trendsetter besät.

Das war aber bloss die erste Phase. Jetzt, in der zweiten Phase, wird allseits aufs Rennvelo umgesattelt. Reihum werden männliche Freunde zu Hobbyrennvelofahrern. Ich habe diese Entwicklung nicht kommen sehen, sie hat mich meilenlang im Windschatten verfolgt und dann hinterrücks überholt. Als ich zuletzt nachgesehen hatte, war Rennvelofahren noch das Hobby des modisch indifferenten, dem Lustgewinn tendenziell abgeneigten mittleren Kaders, dessen ganzer Stolz die scharf konturierte Tujahecke im Ein­familienhausgarten seiner Agglomera­tionsgemeinde war. Tempi passati. Der Rennvelofahrer von heute ist: freigeistig, athletisch, geländesensibel.

Der Rennvelofahrer ist der Rebell der Teerwege. Diese Rolle hat er dem Velokurier abgeluchst, der mit seinen waghalsigen Manövern Mädchenherzen höherschlagen liess, bevor die Mädchen gegen Ende der Nullerjahre realisierten, dass er zum Rockstar nicht taugt, weil er ja doch nur ein Söldner ist. Ein CO2-neutraler Bote der Neuzeit. Nichts gegen Velokuriere! Doch die Hobbyrennvelofahrer haben ihnen den Rang abgelaufen.

Hobbyrennvelofahrer sind in niemandes Auftrag unterwegs. Sie sind – hier stütze ich mich auf Berichte von Gewährsmännern, Ebenen- oder Bergspezialisten, selten auch die Kombination von beidem. Sie tauschen sich aus über Lebenskilometer (es geht um Erfahrung im wahrsten Sinne des Wortes), und sie freuen sich an den schönen Seiten des Lebens, also Apéro und Alpenglühen.

Sie sind fotogen, das weiss man von der Bilderplattform Instagram, wo sie ihre Gruppenfotos auf Passhöhen mit den Hashtags #catlike und #roadcycling verewigen. Sie arbeiten streng im Alltag, vielleicht sind sie versucht, den Drall aus der Arbeitswelt ins Private zu übersetzen. Und während sie so auf Strassen dahinsausen, von denen man meinen könnte, ein Riese habe sie mit dem Japanmesser in die Emmentaler Landschaft geschnitten, finden sie ver­blüffenderweise Entschleunigung.

Hobbyrennvelofahrer sind ein kaufkräftiges Kundensegment. Mit ihrer Hilfe hat der britische Radrennsportausstatter Rapha das vermeintlich Unmögliche geschafft: Er hat Radrennbekleidung, also Männer­leggins, sexy gemacht. Auf der Internetseite der Firma findet man: dünnen Stoff über ausdefinierten Streckmuskeln, einen Polyester-Porno erster Güte. Hut ab vor diesem Coup.

Ich selbst fahre kein Rennvelo. Nicht über Land und schon gar nicht in der Stadt. Dort fahre ich, wie es sich gehört, ein Citybike, das mit seinem hohen Lenker eine nahezu organische Körperhaltung ermöglicht. Trendresistent? Vielleicht. Manchmal tut man gut daran, das Peloton anderen zu überlassen.

Hanna Jordi ist Leiterin des Online-­Ressorts. Ihr Dank geht an das Radrennforum Quäldich.de– «Hauptsache bergauf», wo sie viel zu viel Zeit verbracht hat.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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