Burglind bringt «Ur-Beatle» ans Licht

In Bern ist ein ausserordentlich gut erhaltener Gürtelhaken aus Bronze gefunden worden. Er ist über 2000 Jahre alt. Auffällig ist die Pilzfrisur des Mannes.

Dies ist der gefundene Gürtelhaken – ein Menschenkopf als Knopf war in der Latènezeit «in Mode».

Dies ist der gefundene Gürtelhaken – ein Menschenkopf als Knopf war in der Latènezeit «in Mode». Bild: Archäologischer Dienst Bern

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Über 2000 Jahre steckte das Stück im Boden auf der Berner Engehalbinsel. Dann kam am 3. Januar Wintersturm Burglind und liess die Bäume reihenweise umstürzen. Der Windwurf legte Erdreich und Fundschichten frei. Der Archäologische Dienst des Kantons Bern veranlasste darum Begehungen an den Orten, wo bereits früher Funde gemacht worden waren, unter anderem auch im Reichenbachwald auf der Engehalbinsel. «Der Gürtelhaken aus Bronze kam in einem Wurzelteller zum Vorschein», sagt Andrea Schaer, Leiterin Ressort Frühgeschichte und Römische Archäologie. Gefunden wurden neben dem Haken auch zahlreiche keltische und römische Münzen sowie Keramikscherben. Der Gürtelhaken ist aber das auffallendste Objekt: Es stammt wohl aus der mittleren oder späten Latènezeit, datiert also aus dem 2. oder 1. Jahrhundert vor Christus. Der Gürtelhaken ist demnach keltisch.

So blieb der Gürtel an seinem Platz

Vor der römischen Siedlung, dem Vicus mit dem Bad und der Arena, bestand auf der Engehalbinsel eine keltische Siedlung, über die nur wenig bekannt ist. An verschiedenen Orten, zum Beispiel gleich oberhalb des Zehendermätteli oder beim Weg, der zur Fähre Reichenbach hinunterführt, sind Wallreste zu erkennen. In Caesars Kommentaren zu den Gallischen Kriegen werden solche befestigte Siedlungen Oppida genannt. Um 1850 – beim Bau der Tiefenaustrasse – wurden bei einem spektakulären Massenfund Dutzende von Schwertern, weitere Waffen, die Metallteile von Pferdegeschirren und Münzen ausgegraben.

Das Fundstück sei keine eigentliche Sensation – solche Haken mit Menschenkopf seien auch anderen Orten gefunden worden –, aber doch ausserordentlich schön, sagt Schaer. «Der Haken ist sehr gut erhalten, und das Gesicht des Mannes ist sehr fein herausgearbeitet.» Solche Haken seien zudem relativ lange in Mode gewesen. Mit dem Haken wurde ein Ledergürtel oder eine Gürtelkette verschlossen, dazu wurde der Kopf des Mannes, der einen Knauf oder Knopf bildet, durch eine Öse am anderen Ende des Gürtels geführt, der die Hosen an ihrem Platz hielt. Am Gürtel wurde auch das Schwert befestigt.

Erkennbar ist ein Schnurrbart. Die Augen sind von einer Art Mütze oder vielleicht eher einer Pilzfrisur verdeckt. Man könnte in diesem Fall fast vermuten, es handle sich um einen helvetischen «Ur-Beatle».

Kalk als Haarfestiger

Die Kelten waren bekannt für spezielle Frisuren: Die Haare wurden offenbar mit Kalkwasser verfestigt und gebleicht. So schreibt der Grieche Diodorus Siculus über die Kelten, sie würden sich die Strähnen nach hinten in den Nacken ziehen. Er schreibt weiter: «Indem sie ihr Haar so behandeln, wird dieses so dick, dass es beinahe den Mähnen von Pferden gleicht.»

Eine ähnliche Haartracht findet sich auch in antiken Darstellungen, so bei der berühmten Statue, die als «sterbender Gallier» bekannt ist. Dabei handelt es sich um eine römische Kopie eines griechischen Vorbilds. In diesem Fall ist das Haar jedoch nicht glatt, sondern wild in dicken Kämmen aufgerichtet. Auch auf keltischen Münzen aus jener Zeit finden sich Köpfe mit vergleichbaren Frisuren. Römische Schriftsteller und Geschichtsschreiber berichten, den Kelten sei ihr Aussehen sehr wichtig gewesen. Zum Teil wurden sie gar als eitel und putzsüchtig beschrieben, was aber aus heutiger Sicht wohl als Propaganda anzusehen ist. Die Römer waren auf die Kelten nicht sehr gut zu sprechen, hatten diese doch den Legionen im 4. Jahrhundert vor Christus eine verheerende Niederlage zugefügt und Rom erobert. Sie siedelten sich in der Poebene und in den Marken an.

Am Ansatz des Halses ist ein kragenartiger Wulst zu sehen, den man als Halsring deuten kann. In antiken Beschreibungen der Kelten fehlt ein solcher Halsring aus Metall praktisch nie, er gilt als typisch keltisch. Auch an der Statue des sterbenden Galliers ist ein Halsring zu sehen. Es wird vermutet, dass aus Gold gefertigte Halsringe in erster Linie von hoch gestellten Personen getragen wurden. Die Halsringe gehören zu den wertvollsten Objekten aus der keltischen Zeit.

Blick in die Vergangenheit

Der auf der Engehalbinsel gefundene Haken hat einen Durchmesser von 2,6 Zentimetern. Der Kopf weist eine Höhe von 2,2 Zentimetern auf. Der archäologische Zusammenhang ist laut Andrea Schaer vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern nicht klar. «Gehört der Haken zu einem Grab? Lag er in einem Abfallhaufen? Ging er einfach verloren?» Viele Fragen, die womöglich nie beantwortet werden können. Der zufällige Fund zeige aber das Faszinierende der Archäologie, sagt Schaer: «Plötzlich können wir einen Blick in die Vergangenheit werfen, der mehr als 2000 Jahre zurückreicht. (Der Bund)

Erstellt: 16.05.2018, 06:30 Uhr

Der «sterbende Gallier» trägt eine typisch keltische Frisur. (Bild: Wikimedia)

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