Zum Hauptinhalt springen

100 Jahre Bümpliz in Bern – vom Bauerndorf zur Satelliten-Vorstadt

Seit 1919 ist Bümpliz ein Teil von Bern – man heiratete nicht aus Liebe, sondern weil man musste. Ein Rückblick.

Die Hochhäuser trugen dem Stadtteil das Etikett «Betonwüste» ein.
Die Hochhäuser trugen dem Stadtteil das Etikett «Betonwüste» ein.
zvg
Die Vergangenheit als Bauerndorf wirkte in Bümpliz lange nach.
Die Vergangenheit als Bauerndorf wirkte in Bümpliz lange nach.
zvg
Doch auch das ist Bümpliz: Zivilstandsamt im idyllischen Herrenhaus.
Doch auch das ist Bümpliz: Zivilstandsamt im idyllischen Herrenhaus.
zvg
1 / 8

Vor genau 100 Jahren wurde die Gemeinde Bümpliz eingemeindet. Die Eingemeindung, welcher die Stadt Bern deutlich und Bümpliz fast einhellig – aber gegen den Willen der Bauern – zustimmten, erfolgte 1919. Der Zusammenschluss war mehr Zweck- denn Liebesheirat. Auch 100 Jahre nach der Eingemeindung tickt der Westen anders als die übrige Stadt.

Pimpenymgis alias Bümpliz

1016, also vor genau tausend Jahren, wurde Bümpliz in einer Urkunde erstmals erwähnt – unter dem etwas kurios anmutenden Namen Pimpenymgis. Später fristete die Ortschaft, die nun Bümpliz genannt wurde, während Jahrhunderten eine wenig beachtete Existenz vor den Toren der Stadt Bern als Bauerndorf und Weiler am Stadtbach. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sei die 1832 entstandene Einwohnergemeinde dann aber in den Sog der Industrialisierung geraten, schreibt der vormalige Berner Stadtarchivar Emil Erne in einer Sondernummer der «Berner Zeitschrift für Geschichte» (BEZG) mit dem Titel «Bümpliz-Bethlehem: zugehörig und doch anders».

Der damit verbundene starke Bevölkerungszuwachs brachte das Bauerndorf an den Rand des finanziellen Ruins – es brauchte Schulen, Strassen, Abwasserleitungen und vieles mehr. Die Ausgaben konnte das Dorf nicht mehr alleine schultern. Der Kanton verfügte darum den Zusammenschluss mit der Stadt Bern. Bereits vorher hatte der Kanton Bümpliz einzelne Befugnisse entzogen und einer Vogtkommission übertragen.

Die Gemeinde wehrte sich, letztlich blieb aber kein anderes Mittel als die Fusion. «Es sind nicht nur Gefühle der Freude über die endliche Erlösung aus unseren Finanznöten, sondern es sind auch Gefühle der Missstimmung und des Unmuts über die Opfer, die wir darbringen müssen», resümierte der letzte Bümplizer Gemeindepräsident, Fritz Messerli. Letztlich sagten aber die Bümplizer im Oktober 1918 mit 613 zu 17 Stimmen sehr deutlich Ja zum Zusammenschluss. Auch die Stadt sträubte sich gegen die aufoktroyierte Eingemeindung, denn Bümpliz war eine arme Braut ohne Mitgift.

Bauerndorf wird Satellitenstadt

Die Bezeichnungen für den Berner Stadtteil sind uneinheitlich. Bern-West? Bümpliz-Bethlehem? Nach der Postleitzahl Bern 18? Oder sollte man vom Stadtteil VI Bümpliz-Oberbottigen sprechen? Es gibt keine Bezeichnung, mit der alle Bewohnerinnen und Bewohner wirklich glücklich wären.

Nach der auf Januar 1919 vollzogenen Eingemeindung stieg in Bern der Steuerfuss, während er in Bümpliz schrittweise reduziert wurde. Bern hatte viel Platz für die Siedlungsentwicklung erhalten. Die Modernisierung und der Anschluss an die Infrastruktur der Stadt vollzog sich in relativ raschen Schritten. Im November 1924 eröffnete die Stadt eine Omnibus-Linie von Ostermundigen nach Bümpliz «als erste schweizerische Buslinie für den Vorortsverkehr», wie es in der «Berner Zeitschrift für Geschichte» heisst. Frequenz und Betriebsergebnisse hätten die Erwartungen übertroffen.

Trotz der Bemühungen hatte ein Teil der Bewohner das Gefühl, benachteiligt zu werden. Zudem befürchteten sie einen Verlust ihrer Identität. Dies zeigt auch eine Äusserung des damaligen Schuldirektors Paul Dübi (FDP) von 1958. Damals setzte ein langer Bauboom ein, der den Charakter des Stadtteils von Grund auf veränderte: «Die eingesessene Bevölkerung von Bümpliz dürfte wohl mit geteilten Gefühlen die Entwicklung wahrnehmen, die sich in so kurzer Zeit in ihrem Gebiet vollzog. Sie wird danach trachten müssen, den Wandel von der gemütvollen Dorfsiedlung zur nüchternen, sachlichen Stadt hinzunehmen.» Bümpliz solle sich in das Unvermeidliche schicken, so die Botschaft.

Modernisierung in Bümpliz

Gerade Bethlehem mit seinen Hochhäusern haftet ein schlechter Ruf an. Das Quartier wurde etwa als Ausländerghetto oder als DDR-Plattenbausiedlung abqualifiziert. Nur langsam kommt der Stadtteil weg von solchen Vorurteilen. In den letzten Jahrzehnten ist in Bümpliz und Bethlehem investiert worden. Einige Stichworte dazu sind der Einkaufstempel Westside, das Tram Bern-West, die Wohnüberbauung Brünnen oder die Neugestaltung des Europaplatzes. Im Zentrum von Bümpliz wurde die historische Bausubstanz renoviert. Damit wird der Wunsch von Fritz Messerli aus dem Jahr 1918, dass Bümpliz von Bern nicht als «verschupftes Stiefkind», sondern als «gleichberechtigtes Glied» in den gemeinsamen Haushalt aufgenommen werden möge, langsam Wirklichkeit.

Ob die Modernisierung auch zu einer Angleichung der politischen Haltung der Bümplizer an den links-grünen Mainstream der Stadt führt, kann nicht definitiv beantwortet werden. Bei den Abstimmungen vom 28. Februar fällt zwar auf, dass auch in Bümpliz eine Mehrheit die Durchsetzungsinitiative abgelehnt hat, doch das Nein war viel weniger wuchtig als in den anderen Stadtteilen. In einem eigenen Beitrag in der Zeitschrift wird das oft abweichende Abstimmungsverhalten nachgezeichnet.

Die Resultate werden als Protest gegen die Behörden und als Ausdruck einer eher rechtsbürgerlichen Gesinnung gewertet. So etwa als der Stadtteil VI im September 2010 im Gegensatz zum Rest der Stadt die Schliessung und den Verkauf der Reitschule knapp befürwortete. Nicht immer werden die Bümplizer überstimmt. Beim Nein zum autofreien Bahnhofplatz von 2009 war der Stadtteil das Zünglein an der Waage für die Ablehnung. Bei der Abstimmung über «200'000 Franken sind genug» gab Bümpliz dagegen den Stichentscheid für die Annahme: Die Löhne der Gemeinderäte wurden begrenzt.

Es bestehe tatsächlich ein Graben zwischen dem Stadtteil VI und den anderen fünf Stadtteilen, schreibt Autor Beat Hatz in einem Fazit zu diesem Thema. Das Auseinanderdriften sei aber durch einen «Linksrutsch» in der Kernstadt akzentuiert worden.

Die «Berner Zeitschrift für Geschichte» (BEZG) kann unter Tel. 031 631 92 00 oder der E-Mail-Adresse bezg@ub.unibe.ch bestellt werden.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch