Braucht Bern eine zweite City?

Projektteams der ETH haben Strategien für die Berner Stadtentwicklung erarbeitet. ETH-Professor Bernd Scholl sagt, inwiefern die Aare innere Verdichtung ermöglicht.

Bernd Scholl: Die Aare ist für den Professor «eine Perle».

Bernd Scholl: Die Aare ist für den Professor «eine Perle». Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Scholl, Sie haben als ETH-Professor in verschiedensten Städten Europas Planungen begleitet. Was fällt Ihnen mit einem Aussenblick an Bern besonders auf?
Zuerst natürlich die Aare: Wenn ich in Bern mit dem Zug einfahre, stehe ich meistens auf und blicke auf das grüne Band. Ich finde den Aareraum faszinierend, der lebendige Mikrokosmos am Fluss ist ein Geschenk für die Stadt. Nicht zuletzt weil das Gebiet sozusagen eine Etage tiefer liegt und eine ganz neue, eigene Welt eröffnet. Vom Zytglogge im Herzen Berns ist es äusserst mühsam, an die Aare zu gelangen.

Muss der Fluss besser erschlossen werden?
Es sind verschiedene Varianten denkbar. Ein Beispiel ist die Stadt Baden, wo ein Lift das Stadtzentrum mit der tiefer gelegenen Limmat verbindet. Auch in Bern könnte man die Aare-Perle besser erschliessen, denn Wasser ist für eine Stadtentwicklung faszinierend. Wie können wir den Aareraum für eine dichter besiedelte Stadt bestmöglich nutzen? Das ist für uns Raumentwickler ein ganz spannendes Thema.

Abgesehen von der Aare: Was ist an Bern besonders?
Bern hat als Bundesstadt eine besondere Funktion: Sie muss mehr leisten als normale Städte in dieser Grössenordnung – man denke etwa an die Tausende Pendler, die jeden Tag in die Stadt zur Arbeit fahren. In Bern übersteigt die Zahl der Beschäftigten die Zahl der Einwohner um mehr als 40 Prozent. In Zürich sind es nur 17 Prozent, in Basel gar nur deren 8. Washington oder Ottawa haben ähnliche Verhältnisse, das ist ein typisches Hauptstadtsyndrom.

Verkehr, Shopping, Nachtleben: In Bern konzentriert sich immer noch vieles auf die Innenstadt. Wo sehen Sie in der Bundesstadt bei der Raumentwicklung besonderen Handlungsbedarf?
Bern hat keine industrielle Vergangenheit wie Winterthur, Zürich oder Biel. Und damit keine Flächen, die man im grossen Stil in Wohnungen oder Gewerbezonen transformieren kann. Hingegen gibt es im Einzugsbereich bei Autobahnachsen und Bahntrassen noch viele Entwicklungsmöglichkeiten.

ETH-Studierende schlagen in ihrer Studie vor, den ESP Wankdorf zu einem zweiten urbanen Zentrum mit Fernbahnhof auszubauen. Braucht Bern eine zweite City?
Sagen wir es so: Nach den Vorschlägen der Studierenden kann ein urbanes Zentrum entstehen, das die Berner Innenstadt entlastet. Eine neue Bahnstation für Fernverkehrszüge kann hier laut den Vorschlägen helfen. Ein Beispiel: Heute morgen bin ich von Zürich aus beim Wankdorf Bahnhof durchgefahren. Um wieder dorthin zu gelangen, muss ich im Hauptbahnhof umsteigen. Langfristig kommt man damit bei der Bewältigung der Passagierströme an die Grenzen. Vor diesen Fragen stehen wir auch in Zürich.

Im Wankdorf-City arbeiten bereits heute Tausende Menschen, jetzt kommen Wohnungen und ein Hotel dazu. Was muss geschehen, damit aus dem Gebiet ein zweites Stadtzentrum entstehen kann?
Damit Leben nach Dienstschluss in das Quartier kommt, braucht es neben Wohnungen vielseitige Nutzungen im Erdgeschoss, damit dort ein Austausch zwischen den Leuten stattfindet. Es braucht Orte zum Verweilen. All das ist noch ausbaufähig im Wankdorf-Quartier.

Eine zentrale Feststellung der ETH-Studien ist diese: Damit die Akzeptanz für innere Verdichtung steigt, müssen die vorhandenen Grünflächen besser genutzt und bewirtschaftet werden. Geht es nach den Studenten, soll etwa das Weyerli-Bad in einen Stadtpark umgewandelt werden.
Man muss aufpassen: Innere Entwicklung heisst nicht sofort zu verdichten. Die Infrastrukturen müssen zuerst weiterentwickelt werden, etwa mit Parks oder Verbindungen zur Aare. Ein ganz wichtiger Punkt ist: Mehr Dichte muss nicht unbedingt weniger Lebensqualität heissen. Bei der Planung der Grossprojekte ist es wichtig, intensiv mit der Bevölkerung zusammenzuarbeiten.

In Bern gibt es Bestrebungen, die Autobahnen zu überbauen. Was halten Sie davon?
Bei den knappen Flächenressourcen müssen wir die Hochleistungsstrassen besser in die Räume integrieren. Das passiert in der Schweiz bereits: In Zürich-Affoltern wird die Autobahn teilweise überdeckt. Das ist ein Weg für die Zukunft. In Bern könnte der geplante Bypass der A 6 grosse Möglichkeiten zur Siedlungsentwicklung eröffnen. Die Studie ortet auch Potenzial bei einer möglichen Überbauung des Eisenbahnfelds bei der Aebimatte. Aber man muss auch darauf vorbereitet sein, dass der Bypass nicht kommt.

Bern hat kürzlich entschieden, das Viererfeld zu überbauen. Wie gelingt auf der grünen Wiese ein grosser architektonischer Wurf?
Ein solches Projekt braucht viel Zeit: Man sollte jetzt nicht baldmöglichst einen Architekturwettbewerb starten, sondern geeignete Verfahren bestimmen zur Klärung der Randbedingungen und des Wettbewerbsprogramms. Es braucht einen umfassenden Diskurs mit der Bevölkerung und der Politik. Ich könnte mir vorstellen, dass auf dem Viererfeld tatsächlich ein Leuchtturmprojekt entsteht – wenn man auch auf Erfahrungen aus dem Ausland zurückgreift.

Was meinen Sie damit?
München und Hamburg haben in letzter Zeit wertvolle Erfahrungen erworben mit Gebietsentwicklungen. Diese Städte haben zahlreiche Experten aus dem Ausland beigezogen. Die internationale Zusammenarbeit ist wichtig, das bereichert die Diskussion und bringt Lösungen für ein modernes, dichtes Stadtquartier. Das könnte ich mir auch für die Planung Viererfeld vorstellen. Mit dieser grünen Wiese muss man sehr sorgfältig umgehen. (Der Bund)

Erstellt: 09.07.2016, 10:33 Uhr

Bernd Scholl

Der 63-jährige gebürtige Deutsche lebt seit
30 Jahren in Zürich. An der ETH ist er ordentlicher Professor für Raumentwicklung am Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung. In seiner Karriere war Scholl Vorsitzender verschiedenster internationaler Städtebaujurys, etwa für das Europaviertel in Frankfurt am Main.

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