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Brad Pitt und Frau Erdogan

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler teilt seine Gedanken zur Lage in der Türkei und berichtet von seinem Treffen mit Angelina Jolie und Brad Pitt.

Manchmal beschleicht einen bei Einladungen ein ungutes Gefühlt. Soll man wirklich hingehen, würde eine Absenz Unverständnis erzeugen? Mir schrieb die türkische Botschaft in Bern, Seine Exzellenz, Herr Ilhan Saybili, bitte mich «höflichst», die Feier zum Jahrestag «des abscheulichen Putschversuchs» zu beehren, «um der unschuldigen Opfer, der von der Terrorgruppe FETÖ ermordeten Märtyrer zu gedenken». Natürlich bedaure ich stets, wenn Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen ihr Leben verlieren. Andrerseits war mir unwohl dabei, diese Deutung des Ereignisses telquel zu übernehmen. Beobachter bezweifeln nämlich, dass hinter dem Aufstand von Teilen der Armee am 15. Juli 2016 tatsächlich die Fethullahci Terör Örgütü («Fethullahistische Terrororganisation») steckt, Kräfte des früher mit Recep Erdogan befreundeten Islamistenpredigers Fethullah Gülen. Dieser wohnt seit Jahren in den USA und bestreitet jeglichen Einfluss.

Die Einladung wurde breit gestreut, auch im Aussendepartement EDA. Dort zierte man sich mit gutem Grund, der einseitigen Deutung durch die Anwesenheit von Personal Legitimation zu verleihen. Als freier «Bund»-Kolumnist überwand ich die Bedenken eher und stand am Samstag mit weit über 100 türkischen Männern, Frauen und Kindern auf dem Rasen vor der türkischen Residenz im Elfenauquartier. Der Botschafter, ein junger, sympathisch wirkender Mann, schilderte auf Englisch und Türkisch die monströsen Machenschaften der Organisation, die Milliardengelder gewaschen, den Staat infiltriert und durch raffinierte Verstellung erreicht habe, dass niemand ihre Absichten habe erkennen können. Gegen diese Verbrecher sei das türkische Volk aufgestanden, sodass der Staatsstreich misslungen sei. Dann wurden die Hymnen ab Band gespielt. Die Türken um mich herum sangen inbrünstig, wenn auch etwas zu tief – und kannten den ganzen Text auswendig. Der Schweizerpsalm erklang rein instrumental – derart exponieren wollte ich mich dann doch nicht. Über allem wachte ein Bildnis von Staatsgründer Atatürk. Dieser blickte streng drein, gerade so, als wundere er sich, dass an einem Anlass seines laizistisch definierten Staates so viele Frauen mit Kopftüchern teilnehmen. Dann wurden Fotos gemacht. Im Haus gab es Fotografien der Putschnacht zu sehen und einen Film, in dessen Abspann alle «Märtyrer» namentlich genannt wurden. Dazu stärkte man sich mit Simit, dem Gebäck mit Sesamkruste – ein schlichtes Mahl, das dem ernsten Anlass angemessen war.

Präsident Erdogan tobte im Rückblick auf «15 Temmuz 2016» vor Wut und sprach von «Köpfe abreissen». Echte oder auch vermeintliche Oppositionelle können sich auf etwas gefasst machen. Um die Menschenrechte steht es so schlimm wie lange nicht mehr. Hiermit enthülle ich den Grund dafür. Ende Januar 2006 weilte der Präsident am World Economic Forum in Davos. Als Reporter wollte ich am kritischen Open Forum den Anlass über Menschenrechte besuchen, an dem die Schauspielerin Angelina Jolie bei einem Podium auftrat, im Schlepptau Göttergatte Brad Pitt. Der Saal in einem Schulhaus war überfüllt, da alle erpicht waren zu hören, was der Hollywood-Star zum Thema zu sagen hatte. Jedes Mal wenn sich Brad Pitt im Publikum umdrehte, gabs ein Blitzlichtgewitter. Draussen im Schnee wartete neben mir eine Frau mit Kopftuch, neben ihr eine junge Frau, ebenfalls verschleiert. Begleitet waren die beiden von einer Zürcher Kantonspolizistin. Ich ahnte darum, dass das keine «gewöhnlichen» Leute waren, beugte mich ein wenig vor und las auf der umgehängten WEF-Teilnehmerkarte, dass es sich um Emine Erdogan mit Tochter handelte.

Weder die Damen noch ich wurden in den Saal gelassen, weshalb mein Artikel für die «NZZ am Sonntag» auf einer Meta-Ebene stecken blieb: «Das Menschenrecht, Angelina zu sehen». Abends in der Hotellobby des Steigenberger Belvédère habe ich wenigstens erlebt, wie das Paar «Brangelina» an mir vorbeihuschte, auch wenn ich es erst mit einigen Sekunden Verzögerung realisierte. Frau Erdogan ging ganz leer aus. Sie hat Angelina Jolies Ausführungen zu Menschenrechten verpasst, konnte also ihrem Mann nicht davon erzählen – und die Folgen sehen wir heute sehr deutlich.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler fragt sich manchmal, ob er nicht gescheiter Diplomat geworden wäre – und was dies der Leserschaft alles erspart hätte. www.derpoller.derbund.ch

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