Vergiftetes Klima im Marzili

Anwohner haben den Bauentscheid des Statthalters zur Sanierung der Altlasten auf dem Gaswerkareal angefochten. Sie wollen mehr Messstationen wegen möglicher Immissionen.

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Arsen, Blei, Blausäure. Bevor auf dem Gaswerkareal gebaut werden kann, muss zuerst der Boden von den Altlasten befreit werden, die in den Jahrzehnten der Gasproduktion im Boden versickert sind. Die Brache ist bis zu einer Tiefe von elf Metern mit den Giftstoffen verseucht.

Ab Februar wollte Energie Wasser Bern (EWB) mit dem Aushub von 34'500 Kubikmetern Material beginnen – was etwa dem vierzehnfachen Volumen des grossen Beckens des Marzilibades entspricht. Das dafür nötige Baugesuch wurde vom Statthalter Ende Oktober letzten Jahres bewilligt. Mehrere Beschwerdeführer haben diesen Gesamtbauentscheid aber gemeinsam bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (BVE) angefochten.

Lastwagen und Wildbienen

Wie lange die Sanierung dadurch verzögert werden könnte, ist derzeit noch unklar. «Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht angeben, wann mit dem Entscheid zu rechnen ist», teilt die Medienstelle der BVE auf Anfrage mit. Dies hänge davon ab, ob noch ein Beweisverfahren durchgeführt werden müsse oder nicht. Zudem könne ein Entscheid noch beim bernischen Verwaltungsgericht angefochten werden, hält die BVE fest. Auch EWB als Noch-Grundeigentümerin will zur Dauer der Verzögerung keine Aussagen machen.

In der ersten Beschwerderunde vor dem Statthalteramt standen noch der Baustellenverkehr und der Landschaftsschutz im Vordergrund. In beiden Punkten kam EWB den Beschwerdeführern entgegen. So ist etwa eine zeitliche Staffelung der Lastwagenfahrten durchs Marzili vorgesehen, um auf die Schulwegzeiten der Kinder und auf die Öffnungszeiten des Freibades Rücksicht zu nehmen. Für Molche, Eidechsen und Wildbienen wiederum, deren Habitate zum Teil zerstört werden, sind Ersatzmassnahmen vorgesehen.

Streit um Messstationen

Bisher keine Einigung gab es aber beim Schutz vor Immissionen, die in die Umwelt gelangen könnten. So wird der Bauplatz zwar durch ein 6000 Quadratmeter grosses und bis zu fünfzehn Meter hohes Unterdruckzelt überdacht und die Abluft über einen Aktivkohlefilter gereinigt. Aber einige Anwohner befürchten trotzdem, dass giftige Stoffe durch den potenziell starken Wind aus Westen in Wohngebiete verfrachtet werden könnten, sagt Mark Sollberger, Anwalt der Beschwerdeführer.

Die Bauherrschaft selbst schliesst das offenbar ebenfalls nicht aus, sehen die Pläne von EWB doch Messstationen in der näheren Umgebung ausserhalb des Zeltes vor. Laut Sollberger fordern die Beschwerdeführer zusätzlich eine oder zwei Messstationen auch am gegenüberliegenden Aareufer im Dalmaziquartier. «Es geht meinen Mandanten nicht um eine Verhinderung des Projektes, sondern um eine Absicherung der Wohngebiete», sagt der Anwalt. Es brauche ein Monitoring allfälliger Immissionen, damit im Notfall rasch reagiert werden könne, um die Bevölkerung zu schützen. «Schliesslich geht es um nicht ganz ungefährliche Substanzen», sagt Sollberger.

Zeitplan in Gefahr

Ob der Zeitplan für die Planung der Wohnüberbauung in Gefahr ist, bleibt unklar. Der Gemeinderat plante ursprünglich, die Bodensanierung bis Ende 2020 abzuschliessen, um 2021 einen Projektwettbewerb durchzuführen. Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) lässt die Sprecherin von Immobilien Stadt Bern (ISB) mitteilen, dass die Verantwortung für die Altlastensanierung bei EWB liege.

Laut der Sprecherin können Vorbereitungsarbeiten für den städtebaulichen Wettbewerb wie etwa die Standortabklärung für den Gaskessel aber unabhängig von der Bodensanierung in Angriff genommen werden. Den Bericht über den partizipativen Prozess zum Gaskessel habe der Gemeinderat aber noch nicht besprochen. (Der Bund)

Erstellt: 24.01.2019, 06:37 Uhr

«Eine Gefährdung kann ausgeschlossen werden»

Energie Wasser Bern (EWB) sei sich der «öffentlich exponierten Lage» der Baustelle auf dem Gaswerkareal bewusst, sagt Sprecherin Alexandra Jäggi auf Anfrage. Daher nehme das Unternehmen die Anliegen der Beschwerdeführer zur Umweltsicherheit «sehr ernst».

Unterdruck im Zelt

So habe sich EWB bereits in einer sehr frühen Planungsphase und lange vor der Baugesuchseingabe freiwillig zur Überdachung der Baugrube mit einem Zelt und zur Reinigung der Abluft mit einem Aktivkohlefilter entschieden. Zudem könne eine allfällige undichte Stelle durch den im Zelt herrschenden Unterdruck sofort entdeckt werden, da diese einen Druckabfall zur Folge hätte.

Sicherheitsmassnahmen sind auch beim Betreten und Befahren des Zeltes vorgesehen: So ist beim Eingang eine Schmutzschleuse mit Radwaschanlage vorgesehen. Auch werde der Zwischendepotplatz ebenfalls mit einem Zelt überdacht und der Baugrund in und um das Hauptzelt befeuchtet, damit sich kein Staub entwickeln kann, der durch Wind verfrachtet werden könnte. Massgeblich seien hier die Richtlinien über Massnahmen zur Begrenzung von Luftschadstoff-Emissionen auf Baustellen, die vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) erlassen wurden. «EWB ist entsprechend überzeugt, dass das Zelt für den Schutz vor allfälligen Umweltemissionen genügt», hält Jäggi fest.

«Guten Gewissens»

Die Messstationen ausserhalb des Zeltes sind laut EWB kein Anlass zur Beunruhigung. Sie dienten dem Nachweis und der Beweissicherung der getroffenen Massnahmen. Eine Gefährdung von Anwohnern, Spaziergängern oder Badegästen an der Aare könne «guten Gewissens ausgeschlossen werden», hält Jäggi fest.

Gaskessel-Bericht liegt vor

Der Bericht über die Gespräche zum Standort des Jugendzentrums Gaskessel wird bald im Gemeinderat beraten. Vertreter der Verwaltung haben sich sieben Mal mit Jugendlichen getroffen. «Der Dialog verlief sehr positiv», sagt die Gaskessel-Nutzerin Lena Käsermann. Die Jugendlichen seien vom jetzigen Standort des Gaskessels überzeugt und hofften, dass ihre Argumente vom Gemeinderat gehört werden.

Besetzer brauchen Gesuch

Das Besetzer-Kollektiv Anstadt auf dem Gaswerkareal muss bis Ende Monat ein Baugesuch einreichen. EWB habe aber in Aussicht gestellt, die Frist bis Ende Februar zu verlängern, sagt Dagmar Boss, Sprecherin von Immobilien Stadt Bern (ISB). Ende Jahr sagte ein EWB-Sprecher, dass das Areal nach der Sanierung wohl eine Weile brachliegen werde. Daher stelle sich die Frage einer Zwischennutzung.

Lange Leidensgeschichte

Die Altlasten auf dem Gaswerkareal hätten schon 2012 saniert werden sollen. Weil EWB aber mit der Baufirma Losinger Marazzi einen Deal vereinbart hatte, gab es Proteste im Stadtrat. Der Deal sah eine Testplanung durch die Firma vor. Im Gegenzug wäre sie bei der Überbauung zum Zug gekommen. Ende 2016 beschloss der Gemeinderat den «sofortigen Kauf» des Grundstücks, der bis heute auf sich warten lässt.

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