Blütezeit in der Feuerwehrkaserne

In den Katakomben der einstigen Berner Hauptwache sind in den letzten Monaten unzählige Zwischennutzungs-Projekte angelaufen.

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Adrian Müller@mueller_adrian

Mit strahlenden Augen steht die Künstlerin Zeinab Serage auf der neuen Aussentreppe des markanten Hochbaus und pinselt eine weitere Schicht Farbe auf das Geländer. Die Eröffnung des neuen Atelierturms steht kurz bevor – fünf Künstler hauchen dem Betonklotz im Breitenrain-Quartier neues Leben ein.

«Die hohen Räume im alten Schlauchturm sind unglaublich toll.» In den Ateliers sollen regelmässig Ausstellungen stattfinden, in denen Kunstwerke vertikal-rotierend im Raum hängen. «Der Kreativität sind hier fast keine Grenzen gesetzt», freut sich Serage.

Der Atelierturm ist nur eines von rund 20 Zwischennutzungs-Projekten, die in den letzten Monaten in der Alten Feuerwehrkaserne Viktoria angelaufen sind. Stadtbekannt ist inzwischen das Restaurant Löscher, das Aushängeschild des Vereins Alte Feuerwehr Viktoria (AFV).

Der Ansturm ist zeitweise enorm: Szenegänger wie Quartierbewohner drängen sich am Feierabend teils bis aufs Trottoir an der Viktoriastrasse. Aber wie entwickeln sich die weniger bekannten Projekte im neuen Herzen des Berner Breitenrainquartiers?

Der Mikrokosmos im Nordquartier treibt seine eigenen Blüten. Auf dem Dach einer Garage entdeckt Manfred Leibundgut, Präsident AFV, bei einem Rundgang plötzlich ein Bienenhaus – es gehört dem sogenannten Bienenkollektiv. «Wir haben zwei wilde Schwärme mit über 50'000 Bienen eingefangen.» Ziel sei, nächstes Jahr «ein klein wenig» Honig zu produzieren, sagt Hobby-Imker Matthias Bühler.

Run auf Peppes Schnapsflaschen

In der Alten Feuerwehrkaserne experimentieren aber mitnichten nur Künstler und Idealisten: In den Räumen haben sich zahlreiche Gewerbler eingemietet. Der bekannteste ist Peppe Jenzer, der zur Begrüssung kurzerhand einen Shot spendiert.

Mit seinem scharfen «Ingwerer»-Schnaps hat er nicht nur die Kehlen der Berner im Sturm erobert. Inzwischen fabriziert er und sein Geschäftspartner Simon Borchardt in der alten Waschanlage 1200 Flaschen Ingwer-Likör pro Monat. Im Raum stapeln sich leere Glasflaschen, Geruch von Alkohol liegt in der Luft.

Früher produzierten die beiden sonntags in der Küche des Café Kairo ihren knallgelben Trunk. Lager und Büro waren über die ganze Stadt verstreut. Nun ist die Produktionsstätte in der Alten Feuerwehrkaserne in einem Raum vereint. Ein Franchise-Partner produziert den «Ingwerer» bereits in Österreich: «Die Firma läuft so gut, dass kaum Zeit für anderes bleibt», sagt Jenzer.

Eine Türe weiter lebt der Geist des früheren Kult-Elektrofachgeschäfts Lutiger weiter, das im Frühjahr in der Marktgasse dichtmachte. Zwei ehemalige Mitarbeiter haben hier die Reperaturwerkstatt «heicho» eröffnet. «Wir flicken eigentlich alles. Damit kämpfen wir gegen die Wegwerfgesellschaft», sagt Mitinhaber Heiko Kaden. An der Wand leuchten verschiedenste LED-Lampen. Das Ladenlokal ist ein buntes Durcheinander aus allerhand Elektroartikeln. «Selbst die Grossverteiler schicken ihre Kunden zu uns», so Kaden.

Labyrinth im Untergrund

Wir schreiten über eine Betontreppe in den Untergrund, ein Labyrinth an verwinkelten Gängen. Im 2. Untergeschoss treffen wir auf Sarah von Radio Blind Power. In einem kleinen Studio sollen bald junge sehbehinderte Menschen in aller Ruhe das Radiohandwerk lernen können. «Dank den meterdicken Wänden ist man hier von störenden Geräuschen geschützt.» Dies sei die ideale Umgebung für ein Radiostudio.

Leibundgut führt uns weiter in die Bäregrabe-Bar, in der früher Feuerwehrleute nach vollendeter Arbeit ihren Durst löschten. Ursprünglich wollten dort YB-Anhänger ein neues Fantreff einrichten. Anwohner sträubten sich aber gegen das Vorhaben, ebenso gegen eine Aussenterrasse des Löschers im Innenhof. Seit der Eröffnung des Löschers im Juli 2015 mühten sich die Verantwortlichen der AFV mit Gesetzesparagrafen und Einsprachen von Anwohnern ab.

Inzwischen sind die grössten Klippen umschifft worden. Nun gelte es, die internen Strukturen zu verbessern und besser zusammenzuwachsen. «Wir dürfen jetzt nicht übermütig werden», warnt Leibundgut mit Blick auf lärmempfindliche Anrainer.

Inzwischen sind 90 Prozent der 3000 Quadratmeter zu kostendeckenden Preisen vermietet. Der Innenhof liegt hingegen meistens brach. «Das ändern wir bald», sagt Leibundgut. Bald sollen auf dem roten Beton noch mehr Pflanzen spriessen. Und zumindest bei der grossen Party im Juni sogar Bands auftreten.

Quartierfest Viktoria
18. Juni 2016, Programm folgt
Gotthelfstrasse 29, 3013 Bern
www.altefeuerwehrviktoria.ch

Der Bund

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