BLS überrumpelt Bern-West

Unabhängig von der Standortsuche nach einer neuen Werkstätte in Bern-West plant die BLS ein drittes Gleis beim Bahnhof Brünnen.

S-Bahnhof Brünnen mit Schreinerei Reist im Hintergrund: Nach den Plänen der BLS fährt die Bahn künftig über den Vorplatz des Gewerbebetriebes.

S-Bahnhof Brünnen mit Schreinerei Reist im Hintergrund: Nach den Plänen der BLS fährt die Bahn künftig über den Vorplatz des Gewerbebetriebes. Bild: Franziska Rothenbühler

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Alfred Reist fiel aus allen Wolken: Kurz vor der August-Sitzung der Begleitgruppe BLS wurde er vom Bahnunternehmen über den Bau eines dritten Gleises im S-Bahnhof Brünnen informiert. Der Schreiner ist Leistvertreter in der Begleitgruppe, die mit der Standortsuche für eine neue Werkstätte beauftragt ist. Die BLS wollte mit dem Anruf verhindern, dass Reist an der Begleitgruppen-Sitzung von den Ausbauplänen erfährt.

Durch das dritte Gleis wird die Schreinerei Reist massiv beeinträchtigt. «Das Gleis wird unabhängig vom zukünftigen Werkstatt-Standort benötigt», schreibt die BLS auf Anfrage. Es sei nötig, um den Viertelstundentakt zwischen den S-Bahnhöfen Wankdorf und Brünnen zu realisieren (siehe Box).

Massive Wertverminderung

Laut BLS fällt dem Gleis das westliche Ende der Winterholzstrasse zum Opfer. Die Schreinerei Reist ist am äussersten Ende der Strasse domiziliert. Damit braucht der Gewerbebetrieb eine neue Zufahrt von Süden her. Reist befürchtet, dass auch der Betrieb als solcher den Ausbauplänen der Bahn zum Opfer fallen könnte, falls sich bei den Standortabklärungen der BLS-Begleitgruppe die Variante Brünnen/Niederbottigen durchsetzen sollte.

Besonders verärgert ist er aber über die Informationspolitik des Unternehmens. «Die BLS hat uns nie offiziell begrüsst.» Die Realisierung der Pläne bedeute zumindest eine massive Wertverminderung der Liegenschaft. An der Sitzung der Begleitgruppe habe die BLS auf die Synergien zwischen dem dritten Gleis und der Werkstätte hingewiesen, falls diese in Brünnen/Niederbottigen zu stehen komme, sagt Reist.

Angst vor «zweitem Wangental»

Dieser Hinweis weckt bei der Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem (QBB) weitere Befürchtungen. «Das dritte Gleis könnte ein Argument sein, die BLS-Werkstätte doch noch in Bern-West zu realisieren», sagt QBB-Präsident Bernardo Albisetti. Die BLS sah den Bau der neuen Werkstätte ursprünglich in Riedbach vor und musste auf öffentlichen Druck hin die Begleitgruppe einsetzen und den Variantenfächer öffnen.

Auch Albisetti stösst die mangelnde Information der BLS sauer auf. So habe das Bahnunternehmen die QBB weder über die Werkstattpläne noch über das dritte Gleis von sich aus informiert. Beim dritten Gleis müsse der erst vor ein paar Jahren erstellte S-Bahnhof Brünnen wieder abgerissen werden. «Zu jedem Fussgängerstreifen gibt es heute Mitwirkungsverfahren. Beim öffentlichen Verkehr werden wir aber vor ein Fait accompli gestellt.» Den Bahnunternehmen stehe diesbezüglich noch ein Lernprozess bevor, den die Strassenbauer vor Jahrzehnten absolviert hätten, sagt Albisetti.

Im Quartier gibt es auch Ängste, dass bei einem Standortentscheid für Riedbach das Gleis bis dort weitergezogen werden könnte. In diesem Fall müsste etwa das Einfamilienhaus Albert Krienbühls weichen, eines der Vorgänger Albisettis im QBB-Präsidium. Beim Ausbau auf Doppelspur habe er noch mitgeholfen, sagt Krienbühl auf Anfrage. Das dritte Gleis und die Werkstätte werde er aber bis vor Bundesgericht bekämpfen.

Falls die BLS das Depot in Riedbach baue, werde die Gegend zu einem «zweiten Wangental», sagt der Hauseigentümer unter Anspielung auf die dortige Gewerbezone entlang von Auto- und Eisenbahn. Mit dem Standplatz für die Fahrenden und dem Kiesverwerter Resag sei der Standort schon genug belastet. «Jetzt reichts», sagt Krienbühl.

Teilabbruch des S-Bahnhofs

Die Pläne für ein drittes Gleis waren auch dem Leiter der Begleitgruppe, dem einstigen Grossrat Bernhard Antener (SP), unbekannt. Die BLS habe in der Begleitgruppe informiert, dass das dritte Gleis Einfluss auf einen Werkstatt-Standort in Brünnen/Niederbottigen haben könnte. «Wir werden dies in die Beurteilung dieses Standortes einbeziehen.» Für ihn sei nachvollziehbar, dass die Pläne bei den Betroffenen Befürchtungen geweckt haben, sagt Antener.

Die BLS informiere Grundeigentümer frühestens in der Vorstudienphase eines Projektes, schreibt das Bahnunternehmen. Die Vorstudie für das dritte Gleis werde 2019 erstellt, der Start der Bauarbeiten sei für 2023 vorgesehen. Das Projekt werde im Rahmen des Ausbauschrittes 2025 des Bundes realisiert. Die BLS kann heute noch nicht sagen, welche Grundeigentümer vom Bau des dritten Gleises betroffen sein werden. Mit der Familie Reist habe ein «persönliches Gespräch» stattgefunden.

Dem S-Bahnhof Brünnen wiederum droht zumindest ein Teilabbruch, auch wenn die BLS diesen Begriff meidet. Beim Gleisbau müsse auf der Hangseite des Bahnhofs das bestehende Perron erweitert werden. «Es wird somit zu einem Mittelperron», schreibt die BLS. (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2016, 06:33 Uhr

Langer Weg zum Viertelstundentakt

Der Schienenverkehr im Raum Bern hat Kapazitätsprobleme. Nicht definitiv geklärt ist, wann der dichtere Takt zum Zug kommt. Mit dem Ausbauschritt 2025 des Bundes soll die Kapazität des Bahnverkehrs in der Schweiz erhöht werden.

Für die zahlreichen Projekte stehen 6,4 Milliarden Franken zur Verfügung. Derzeit wird mit der Entflechtung Wylerfeld einer der Engpässe rund um den Bahnknoten Bern beseitigt. Ebenfalls Bestandteil des Ausbauschritts ist das Wendegleis Brünnen.

Dieses dritte Gleis ist notwendig für den angestrebten Viertelstundentakt im Berner S-Bahn-System. Schätzungen gehen von Kosten von etwa 20 Millionen Franken aus.

«Ohne das Wendegleis müsste die S-Bahn wie heute in Bümpliz überholt werden, was die geplante Durchbindung nach Langnau verunmöglichen und damit auch das Konzept im Aaretal infrage stellen würde.» So steht es in einem Bericht zu den Ausbauplänen.

Der Zeithorizont von 2025 für den Viertelstundentakt ist aber mit gewissen Unsicherheiten behaftet. So könnte sich das dritte Gleis im Aaretal von Gümligen nach Münsingen um vier Jahre verzögern.

Auch die Entflechtung Holligen, das Gegenstück zu den Bauarbeiten im Wylerfeld, sowie die Perronverlängerungen am westlichen Ende des Bahnhofs könnten unter Umständen erst später realisiert werden. Die bernische Bau- und Verkehrsdirektorin Barbara Egger-
Jenzer (SP) sprach in diesem Zusammenhang vor einigen Monaten von einer «Hiobsbotschaft».

Welche Folgen die möglichen Verzögerungen für die geplanten Taktverdichtungen im Bahnverkehr haben werden, lässt sich noch nicht abschätzen. Nicht betroffen vom neuen Zeitplan sind hingegen die zwei nächsten Grossprojekte im Hauptbahnhof Bern: der Bau des neuen Tiefbahnhofs für den RBS sowie der Umbau der Publikumsanlagen im SBB-Teil des Bahnhofs. (wal)

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