Blinde Flecken um die Reitschule

Die linksextreme Gewalt verbreitet ein Gefühl der Ohnmacht. Das ist gefährlich für die Reitschule. Es ist Zeit für eine Taskforce.

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Das Stadtberner Ritual nimmt seinen fast gewohnten Lauf. Nach der Gewaltkaskade von letzter Woche rund um die Reitschule haben alle ihre alten Schuldigen ausfindig gemacht. Das Grüne Bündnis kritisiert die «Machtdemonstration» der Polizei, die SP sucht nach legitimen Bedürfnissen hinter den Krawallen, die SVP verlangt die Schliessung der Reitschule. Von den jugendlichen Tätern spricht kaum noch jemand. In ein paar Tagen werden sich die Ereignisse einreihen in die Gewaltchronologie der Bundesstadt und im Sand verlaufen. Bis zur nächsten Demo, bis zur nächsten Eskalation.

Immerhin: Ganz ohne neue Nuancen hat sich das Spektakel nicht abgespielt. Der neue Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) hat den Kopf hingehalten und Stellung bezogen. Früher begnügte sich die rot-grüne Stadtregierung damit, den bürgerlichen Polizeidirektor vorzuschicken. Von Graffenried ging diplomatisch vor: Die Polizei wurde gelobt, die Reitschulbetreiber wurden in Schutz genommen. Das ist sicher nicht das schlechteste Vorgehen des noch amtsjungen Stadtpräsidenten; so bleiben alle Partner im Gespräch.

Billige Kritik

Die Kritik an der Polizei ist billig. Sie verharmlost die Ereignisse und lenkt von den Tätern ab. Die Ordnungshüter hatten einen klaren Auftrag der rot-grünen Stadt. Einen Demonstrationszug durch die Innenstadt galt es zu verhindern. Wer gesehen hat, wie gewalttätig der erste Protest nach der Räumung der Liegenschaft an der Effingerstrasse war, musste von einer hohen Zerstörungswut bei weiteren Protesten ausgehen. Dass die Chaoten um die Reitschule eingekesselt wurden, leuchtet ein. Das Gelände eignet sich für eine solche Taktik. Die Zugänge über Strassen und Brücken sind gut abzuschliessen.

Sollen ein paar Krawall-Jungs die Kulturinstitution kaputt machen?

Für die Reitschule ist das ein Problem. Sie wird zwangsläufig zum Angelpunkt von Randalen. Wegen seiner Offenheit dient das alternative Zentrum Krawall-Jungs aus der ganzen Schweiz als idealer Treffpunkt. Deswegen sieht sich die Reitschule auch mit Vorwürfen konfrontiert. Doch auch dieser Fokus ist zu simpel, weil auch er von den Tätern ablenkt. Im Vorfeld identifizieren, wer sich in der Nacht die Kappe über das Gesicht ziehen wird, das kann kaum Aufgabe eines Kulturbetriebs sein.

Allerdings machen es sich die Betreiber der Reitschule mit ihren wortreichen Pressemitteilungen, wonach sie von gar nichts gewusst haben wollen, ebenfalls zu einfach. Wer selbst mit Transparenten zu einer Demo aufruft, deren Gewaltpotenzial offensichtlich ist, kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen.

Wer zulässt, dass das eigene Gelände als Zwischenlager genutzt wird, dem fehlt die Sensibilität für die unzähligen Besucherinnen und Besucher, die am Abend, allenfalls nichts ahnend, ins Tojo-Theater, ins Kino, zum Bier oder in den Dachstock zum Tanzen kommen. Die gewalttätigen Jugendlichen nutzen diesen blinden Fleck der Betreiber bewusst aus, indem sie sich unter die Menge mischen und das Partyvolk als Schutzschild missbrauchen.

Hier steht die Reitschule in der Pflicht. Statt nur auf ihre Autonomie zu pochen, um solche Figuren beim «bösen Staat» nicht anzeigen zu müssen, sollten sich die Betreiber besser an ihrer Philosophie der Gewaltfreiheit orientieren.

Aber das haben schon viele angemahnt – und passiert ist wenig. Deshalb ist das Verhältnis zur Reitschule zunehmend von einem Gefühl der Ohnmacht geprägt. Dazu trägt auch der weit verbreitete Eindruck bei, dass die Gewalttäter jeweils ungeschoren davonkommen. Werden die Steinewerfer und Feuerwerksschiesser eigentlich gefasst? Wie viele? Wie viele nicht? Warum nicht?

Fakten auf den Tisch

Da und dort taucht mitunter in der Verhandlungsliste eines Gerichts ein Jugendlicher auf, der wegen Landfriedensbruch oder Gewalt gegen Beamte vor Gericht steht. Auch machen immer wieder umstrittene Hausdurchsuchungen bei Aktivisten oder DNA-Analysen bei Demo-Teilnehmerinnen Schlagzeilen. Doch wie gross der Ermittlungserfolg ist, können die Behörden jeweils nur auf den Einzelfall bezogen sagen.

Statt blinder Flecken braucht es rund um die Reitschule eine Kultur der Rechenschaft; sonst mündet die Ohnmacht eines Tages in der politischen Hitze doch noch in die Schliessung – womit es ein paar Krawall-Jungs geschafft hätten, eine über 30-jährige Institution kaputt zu machen.

Eine behördenübergreifende, von Fachpersonen unterstützte Gruppe muss sich des Themas Gewalt in der Bundesstadt fokussierter als bisher annehmen. Sie muss die Probleme identifizieren, Fakten und Zahlen auf den Tisch legen. Wer sind die Täter? Werden sie wirklich nicht belangt? Wenn ja, warum nicht? Fehlen Polizisten, hat die Justiz zu viel zu tun? Welche Rolle spielt die Reitschule? Was kann sie gegen die Gewalt konkret tun?

Eine klare Faktenlage kann aufzeigen, wo es mit der Verantwortung hapert und was sich ändern muss, damit die Reitschule das einzigartige und lebhafte Kultur- und Jugendzentrum der Bundesstadt bleibt. (Der Bund)

Erstellt: 04.03.2017, 08:19 Uhr

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