Biker, Büezer, Banker

Das Schützenhaus «Schüdere» steht seit 1868 in Bümpliz und ist mittlerweile einer der letzten Spunten im Westen Berns.

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Ob es sich bei einem Lokal um einen waschechten Spunten handelt, lässt sich unter anderem an der Bedeutung des Fumoirs ablesen. Anders als beim herkömmlichen Restaurant ist hier die Raucherecke nämlich nicht bloss Verlegenheitslösung, sondern Treffpunkt.

Bei der «Schüdere», wie der Volksmund das Restaurant Schützenhaus im Bachmätteli in Bümpliz nennt, ist dies definitiv der Fall. An diesem Nachmittag jassen Senioren an zwei Tischen, an einem weiteren zankt sich ein älteres Ehepaar.

Als am Himmel die letzten Wolken der Sonne gewichen sind, schlurfen sie nach draussen in den Biergarten, den eine Buchenhecke von der Strasse trennt. Dort, im Schatten der Kastanienbäume, sitzt auch Walter «Wale» Brügger und nippt an einem Bierchen.

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Wale führte das Schützenhaus ab 1996. Letztes Jahr hat seine Tochter die Beiz übernommen. Trotzdem sitzt er fast jeden Tag hier. Er ist ein leidenschaftlicher Biker, was sich unschwer an seinem Ledergilet und an den einschlägigen Tätowierungen an den Unterarmen erkennen lässt.

Er führt den Besucher wieder ins Innere, vorbei am Fumoir in die Gaststube. YB- und SCB-Fanschals hängen an den Wänden. Neben dem Eingang leuchtet eine Jukebox vor sich hin, in der vorderen Ecke thront ein riesiger Bildschirm. «Dieser Teil hier ist eigentlich eine Sportbar», erklärt Wale und setzt sich an einen der braunen Holztische.

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Nun kommt auch Anaïs Cirasa, seine Tochter, hinzu. Die Leidenschaft fürs Biken teilt sie nicht mit ihrem Vater. «Ich fahre nicht Töff, höchstens Töffli.» Die Maschinen seien ihr zu gross, sagt die 23-Jährige nach einem kräftigen Händedruck.

Sie ist gelernte Köchin und «quasi in der Schüdere aufgewachsen». Vor allem Fleischliebhaber kommen im Schützenhaus auf ihre Kosten: Nur selten verspeise jemand den «Bettlertraum», 400 Gramm Rossentrecote, alleine, sagt Wale.

Die Cordon-bleus (380 Gramm) sind so gross, dass Anaïs ihre Gäste jeweils vorsorglich auf die Lady-Variante (220 Gramm) hinweist.

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Der Kern der Schüdere steht seit 1868. 1899 wurde der Gasthof um einen Querbau erweitert. Standen damals noch Kutschen und Pferde davor, sind es nun Motorräder. Er gehört heute zu den letzten Spunten in Bern-West.

Die meisten sind in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren eingegangen. Da war früher der Bären an der Bümplizstrasse um die Ecke, der Löwen gleich nebenan, das Restaurant Höhe etwas weiter in Richtung Zentrum.

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Wie hat die Schüdere überlebt? «Wir haben frühzeitig auf unliebsame Veränderungen reagiert», sagen Vater und Tochter wie aus einem Mund. «Viele Beizer haben gehofft, das neue Rauchergesetz von 2009 setzt sich nicht durch», sagt Wale weiter.

«Das trat damals im Sommer in Kraft. Die haben es dann verpasst, für den Winter ein Fumoir einzurichten». Die Raucher «froren sich draussen den Arsch ab» und suchten sich eine andere Beiz.

Einigen sei auch das neue Spielbankengesetz zum Verhängnis geworden. «2005 nahm man uns die Glücksspielautomaten. Das war eine wichtige Einnahmequelle.»

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Die Stammkundschaft gehört zum selben Schlag wie Wale: um die sechzig, tätowiert, Lederkluft, Bierbauch. Die Beiz sei aber offen für alle – «Biker, Büezer, Banker». Er habe generell mit niemandem Probleme, sagt Wale und zeigt sodann durch das Fenster zum Park bei der Tramhaltestelle.

Eine Handvoll Männer sitzt auf den Bänken, umgeben von Bierdosen, zwei Hunde raufen sich daneben. «Im Zentrum machen Randständige den Beizern manchmal Mühe. Aber die da drüben kennen wir alle.

Die kommen auch einmal einen Match schauen.» «Die sind anständig», sagt Anaïs. «Ja», stimmt Wale zu. «Randständig heisst ja nicht unanständig.» Auch der hohe Ausländeranteil in Bümpliz ist für Wale kein Problem.

Er habe oft ausländische Gäste und verstehe die Aufregung nicht ganz. «Die teilen aber die Beizengänger-Kultur nicht. Das ist etwas Urschweizerisches.» Anaïs nickt.

Sie stelle aber einen Wandel in der Schüdere fest: «In unserem siebenköpfigen Team arbeiten mittlerweile eine Portugiesin, ein Italiener und ein Türke.» Ein bisschen multikulti sei das schon. «Aber das ist okay.»

Der Bund

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